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Tourismuskrise in Ägypten "Kommt her, trinkt Cocktails"


Während in Kairo die Demonstranten ihren Sieg feiern, sehen sich 600 Kilometer entfernt viele Ägypter als Verlierer des Umsturzes. Die Lage am Roten Meer war stets ruhig, doch das Tourismusgeschäft ist komplett zusammengebrochen.
Von Jennifer Lachman, Hurghada

In die Stimme von Lars Geweyer hat sich eine bittere Note eingeschlichen. "Hier vorn", sagt der 40-Jährige und deutet aus dem fahrenden Golf-Cart nach rechts, ist unser Aqua-Center." "Und dort vorn", Fingerzeig nach links, "ist der Strand. Die Gäste denken Sie sich bitte einfach dazu." Er lacht nicht.

Geweyer leitet das Steigenberger Al Dau Beach Hotel in Hurghada - und er ist, wie viele seiner Kollegen derzeit, frustriert: Die Liegen um seine Pools sind verwaist. Auf dem Golfplatz flattert nur die Fahne am Loch, während ein Gärtner mit dem Rasenmäher seine Runden dreht. In den vier Restaurants der Anlage geben die Angestellten sich alle Mühe, ihre Langeweile zu verbergen: Gerade einmal jedes fünfte der 388 Zimmer ist belegt, mit jedem Tag werden es weniger. In den vergangenen 18 Monaten waren es im Schnitt 90 Prozent. "Es ist zum Haareraufen", sagt der Hotelier.

Während sich in Kairo die Demonstranten als Sieger über das Regime feiern, fühlen sich rund 600 Kilometer entfernt Tausende Menschen derzeit als Verlierer der Revolution. Bis heute ist am Roten Meer von den Protesten nichts zu spüren gewesen. Und trotzdem haben sie die einzige Einkommensquelle der gesamten Region abrupt gestoppt: den Tourismus. Umgerechnet rund 1,5 Milliarden Euro habe das Land seit Ende Januar verloren, heißt es. Und das, so fürchten viele, könnte erst der Anfang sein.

Nur Condor fliegt zur Zeit nach Ägypten

Ursprünglich wollten Veranstalter wie Tui und Thomas Cook nur kurzfristig ihre Reisen aussetzen. Als die Lage in Kairo eskalierte und die Zentralbank schließen musste, liefen für wenige Tage auch in den Ferienorten die Geldautomaten leer. Inzwischen sind diese aufgefüllt, ebenso wie die Regale in den Supermärkten. Die Vorsicht aber ist geblieben: Der Ferienflieger Condor ist derzeit der einzige, der nach Ägypten fliegt. Die Piloten tanken aber vorher mehr Kerosin - um bei Lieferengpässen auf dem Rückweg notfalls zumindest bis nach Griechenland fliegen zu können. Bis Ende des Monats hatten die Veranstalter, auch auf Anraten des Auswärtigen Amtes, alle Reisen abgesagt. Tui und Thomas Cook kündigten am Montag zwar an, das Programm ab März wiederaufzunehmen. Noch ist aber unklar, in welchem Umfang das möglich sein wird.

Der Prozess hat sich nämlich längst verselbstständigt: Der Frühling naht, immer mehr Menschen wollen buchen - und die Anbieter haben in den letzten Tagen alles in Bewegung gesetzt, um die Massen in alternative Ziele zu steuern. 50.000 zusätzliche Flugsitze etwa hat Marktführer Tui für die Kanaren und nach Antalya reserviert: Ziele, die vom Wetter und der Entfernung her mit Hurghada oder Scharm el Scheich vergleichbar sind. Die Erkenntnis ist so einfach wie bitter: "Die großen Veranstalter haben jetzt gerade Notfallpläne entworfen, und es wäre einfach zu umständlich für derart große Konzerne, diese jetzt wieder komplett zurückzunehmen", sagt Samih Sawiris, ein einflussreicher ägyptischer Unternehmer, der mit an vorderster Stelle in den 80er-Jahren die Region rund um Hurghada zu einer der wichtigsten Touristenhochburgen ausbaute. Viele seiner Kollegen fürchten, dass die gesamte Saison verloren sein könnte.

Reisewarnung aufgehoben

Für die Unternehmer vor Ort ist das ein Desaster. Die gut geölte Maschinerie, die jährlich rund 15 Millionen Touristen und 8 Milliarden Euro in das Land brachte, ist abrupt zum Halt gekommen. Allein im Großraum Hurghada erholen sich jedes Jahr 4,6 Millionen Menschen in einem von mittlerweile rund 250 Hotels. 95 Prozent der Einwohner sind von ihnen abhängig: die Hoteliers, die Betreiber der Souvenirläden, die Taxifahrer und viele mehr.

Auch Moudy El Shaer zählt dazu. Seine Familie blickt auf eine lange Tradition zurück: Sein Ur-Ur-Urgroßvater, so erzählt der 38-Jährige zumindest, kümmerte sich einst um Thomas Cook, den legendären Reisepionier und Erfinder der Pauschalreise, als dieser erstmals ans Rote Meer reiste. Cook legte den Grundstein für Europas zweitgrößten Veranstalter. Der Nachfahre seines einstigen Begleiters wiederum versorgt jedes Jahr gut 1,2 Millionen Touristen. Die rund 800 Mitarbeiter der Blue Sky Group holen Gäste vom Flughafen ab, betreuen sie, organisieren Ausflüge. "Sehr enttäuschend", sei die Lage, formuliert der Ägypter höflich. Nur aus Großbritannien, dem einzigen Land, dessen Regierung keine Warnung ausgegeben hatte, reisten Gäste an: "Wir alle können diese Situation ein, vielleicht zwei Monate durchhalten. Danach wird es schwierig."

Ägypten startet Kampagnen

Zumindest ein Hoffnungsschimmer keimt bei Geweyer und seinen Kollegen nun auf: Nach dem Sturz von Hosni Mubarak hat das Auswärtige Amt die Warnung für das Rote Meer am Montag aufgehoben.

Doch El Shaer konnte auch vorher nicht untätig bleiben. Ein Fest unter dem Motto "We love Egypt" hat er, mit Hoteliers und Veranstaltern, in Scharm el Scheich und Hurghada organisiert. Live-Bands sorgten für Stimmung, die Resorts und Restaurants reichten Snacks und verteilten Gutscheine - auf dass die Gäste ja wiederkommen. "Die Infrastruktur steht ja", sagt er: "Jetzt muss sich rumsprechen, dass man hier sicher Urlaub machen kann."

Er ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass das nicht reicht. Daher ist er derzeit viel unterwegs - in Belgien, in Deutschland, um mit den Veranstaltern zu beraten, wie es weitergeht. Seine Mitarbeiterin Britta Jebsen, die sich um das Marketing von zwölf Hotels der Blue-Sky-Kette Sunrise kümmert, arbeitet auch schon an Ideen. Sobald wie möglich will sie Reisebüros anschreiben, Schaufensterdekos anregen und im März auf der weltgrößten Reisemesse ITB in Berlin auftreten.

Ihr Ziel: aufklären. "Genau solche Gäste", sagt die 31-Jährige und nickt in Richtung des Nachbartisches, an dem eine Handvoll Engländer gerade gut gelaunt eine neue Runde Sex on the Beach bestellt, "brauchen wir jetzt." Denn vielen Touristen ist es unangenehm, in einem Land zu urlauben, während die Bewohner einen Umbruch durchleben. "Denen möchte ich sagen : ,Kommt her, trinkt Cocktails. Das ist es, was wir jetzt brauchen‘", sagt Jebsen.


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