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Ukraine: Oh, Odessa

Man kann die schönste Stadt am Schwarzen Meer bequem erreichen, aber es geht auch abenteuerlich: Unsere Autorin reiste in die ukrainische Metropole, wie es sich für eine Hafenstadt gehört - übers Wasser, mit der Fähre von Istanbul aus.

Von Stefanie Rosenkranz

Manche Reisen muss man einfach machen, auch wenn sie einem von niemandem empfohlen werden. So begebe ich mich eines Tages in das Büro der Firma "UKRFERRY Tour" in Istanbul und wecke eine platinblonde ukrainische Angestellte mittleren Alters aus tiefem Schlaf. Nachdem sie sich und eine etwa 78-jährige Registrierkasse von Spinnweben und Staub befreit hat, kann ich eine Passage auf der "Yuzhnaya Palmyra" nach Odessa buchen. Zahlen muss ich in bar; "nix Kreditkarten haben wir". Während sie mir mein Ticket aushändigt, murmelt sie, dass auf dem Schiff immerfort eine "angenehme Atmosphäre" herrsche. Noch bevor sich die Tür hinter mir schließt, ist sie erneut in einen Komaähnlichen Zustand gefallen.

Natürlich kann man auch ganz einfach von Istanbul nach Odessa fliegen, doch ich liebe Fähren. Schon deswegen, weil es kaum noch welche gibt. Einst konnte man vom Bosporus aus nach Venedig oder Piräus in See stechen; jetzt sind nur noch die "Yuzhnaya Palmyra" und ihr Schwesterschiff "Caledonia" übrig geblieben, die jeweils einmal wöchentlich zwischen der Türkei und der Ukraine hin- und herschippern.

Und anders als auf Kreuzfahrten lernt man auf Fähren keine Orthopäden aus Neu-Isenburg kennen, sondern Leute aus dem Land, und infolgedessen Land und Leute. Mit anderen Worten: Der Weg ist Teil des Ziels. So denke ich mir das jedenfalls, und ich werde nicht enttäuscht, als ich eine Woche später mit dem Fotografen Theo Barth in einer dunklen Nacht am Goldenen Horn an Bord gehe. Draußen schimmern unter sternklarem Himmel hell erleuchtet Blaue Moschee, Hagia Sophia sowie Topkapi-Palast, drinnen sorgen zahllose Fernseher auf jeder Etage und an jeder Ecke für die "angenehme Atmosphäre". Darin laufen zwei verschiedene russische Spielfilme vor einem begeisterten Publikum in Jogginganzügen. In einem übergeben sich unablässig sämtliche Protagonisten, im anderen prügeln tückische SS-Offiziere auf wehrlose Frauen und Kinder ein, während im Hintergrund Dörfer in Flammen aufgehen.

Magische Welt

Nachdem wir unser Gepäck in so charmefreien wie blitzsauberen Kabinen gelassen haben, werden wir von ebensolchen Hostessen im Speisesaal begrüßt, die beigefarbene Speisen auftragen. "Lass uns einen Kebab essen gehen!", schlage ich launig vor, doch beim Verlassen des Schiffs versperrt uns ein bulliger Offizier den Weg. "Nix raus, jetzt drinnen", raunzt der Mann, der zu wenigen Echtzähnen nur Nirosta im Mund trägt und sein Metier offenbar in einem Gulag erlernt hat. Wer die Passkontrolle passiert habe, müsse auf der "Yuzhnaya Palmyra" bleiben.

So haben wir den Geruch von gegrillten Lammkoteletts und Mais in der Nase, während wir verkochte Kartoffeln in Mondaminsauce nebst papierdünnen Fleischlappen verspeisen. Anschließend gehen wir in den "music saloon", wo der Barkeeper gleichzeitig als Jongleur fungiert und Whiskey- sowie Wodkaflaschen durch die Gegend wirbelt, die anschließend mehrheitlich auf seinen Kopf oder die wirrfarbene Auslegeware fallen. In der Nische hinter uns versuchen gleich fünf knapp bekleidete Ukrainerinnen, möglichst viel Körperflüssigkeit mit nur zwei schnauzbärtigen Männern auszutauschen, was zu einigen logistischen Problemen führt: Die Mädchen fallen in die vollen Aschenbecher und leeren Wodkagläser, die Männer schnappen nach Luft und suchen Zuflucht bei uns, wo sie sich als türkische Kaufmänner, "Import, Export, Textilien", vorstellen. Dazu gesellt sich ein mysteriöser Mann, der sich als "israelischer Türke oder umgekehrt" sowie als "Scharfschütze" ausgibt, "habe ich in der israelischen Armee gelernt". Auch er sei "im Import-Export-Business" tätig, aber "es geht um härtere Sachen, harhar".

Anschließend stimmt die kugelrunde, in Lametta gepresste und laut Ankündigung "sehr berühmte Sängerin Swetlana aus Moskau" in Begleitung eines finster dreinblickenden Keyboarders und eines depressiv wirkenden Stehgeigers ein Lied an, dessen Refrain so ähnlich klingt wie "Prostata". Als das Trio danach beginnt, Frank Sinatra zu pürieren, fliehen wir in unsere Betten, und ich bin überglücklich, da schon komplett eingetaucht in die magische und pittoreske Welt des ehemaligen Sowjet-Imperiums.

"Ist es nicht wunderbar?"

Am anderen Morgen stechen wir endlich in See. Die Minarette, Kirchtürme und Wolkenkratzer Istanbuls verschwinden im Dunst; geradezu majestätisch gleitet die nicht ganz rostfreie "Yuzhnaya Palmyra" den Bosporus hoch nach Norden, begleitet von Delfinen. Als wir die Mündung des Schwarzen Meeres erreicht haben, tutet unsere Fähre dreimal. "Ist es nicht wunderbar?", fragen wir den türkischen Israeli oder umgekehrt, der neben uns an der Reling lehnt. Doch der blickt melancholisch zurück in die Türkei und gibt zu bedenken: "Wir verlassen jetzt endgültig die Zone essbarer Nahrungsmittel."

Dann ertönt "Kalinka, Kalinka" aus dem Bordlautsprecher, und in Windeseile entkleiden sich fast alle ukrainischen Passagiere bis auf ihre Unterwäsche, stürzen sich auf die Liegestühle an Deck und verlassen sie fortan nur noch zu den üppigen und weiterhin konsequent in Beigetönen gehaltenen Mahlzeiten. Die übrigen geben sich im "music saloon" der Trunksucht hin, wenn sie nicht schon wieder oder immer noch auf die vielen Bildschirme starren, wo jetzt einerseits eine russische Comedy-Show läuft und andrerseits ein historisches Drama, dessen Handlung hauptsächlich daraus besteht, dass Soldaten in Miniröcken und Sandalen einander mit Gusto die Schädel spalten.

Während wir den Delfinen zuschauen, macht es sich der türkische Israeli zur Aufgabe, uns das Wesen des Ukrainers an sich zu erklären. Sei er männlich, trüge er einen Trainingsanzug und sei mehrheitlich zu gar nichts zu gebrauchen. Er trinke Wodka und esse Kohlsuppe. Dies gelte auch für die weibliche Population, die ansonsten allerdings "einfach unglaublich" sei.

Gegründet im 18. Jahrhundert

Wie recht er hat, können wir schon abends im "music saloon" feststellen, wo diesmal nicht nur Swetlana nebst Geiger und Keyboarder, sondern auch ein gewisser Michail aus Sankt Petersburg einem ausgelassenen Publikum wechselweise mit Russenpop und Chubby Checker einheizen, während der Wodka in Strömen fließt. Die Männer tragen Gold und Silber im Mund, Jogginganzüge am Körper und Adidas- Schlappen über Socken am Fuß, die Frauen tragen Gold und Silber am Körper und balancieren auf so hochhackigem wie quietschbuntem Schuhwerk. Alle tanzen, bis die Busen wogen und die Schlappen fallen.

Als wir anderntags in Odessa an Land gehen, kann uns nichts mehr aus der Fassung bringen. Denken wir. Doch wir hatten nicht mit der Schönheit dieser Stadt gerechnet, gegründet im 18. Jahrhundert von Katharina der Großen, entworfen von den besten Architekten Europas. Die Straßen sind gesäumt von Akazien und Platanen, die Häuser, mal pockennarbig, mal gelb, grün, himmelblau oder fliederfarben gestrichen, haben verschnörkelte Giebel und Erker und unglaubliche Portale, versehen mit Nixen, Engeln, Löwen oder Adlern.

Ukrainer, Russen, Juden, Moldawier, Bulgaren, Griechen und Türken haben sich hier vermischt und sind kosmopolitische Odessiten geworden, geplagt von Fernweh angesichts des Hafens und heimwehkrank, kaum dass sie ihre Stadt verlassen haben.

Hier verliebte sich der damals 23-jährige Dichter Alexander Puschkin unglücklich in Gräfin Woronzow, deren wesentlich älterer Gatte sich derweil gewissenhaft um die Trinkwasserversorgung kümmerte, hier wurde Isaak Babel geboren, der seiner Heimat in den "Geschichten aus Odessa" Liebesbriefe schrieb.

Odessa hat die richtige Mischung

Hier drehte Sergej Eisenstein "Panzerkreuzer Potemkin"; die Treppe, auf der im Film Stufe für Stufe der Kinderwagen herunterschaukelt, ist heute das Wahrzeichen der Stadt. Allerdings endet sie nicht mehr im Meer, sondern auf einer Ringautobahn, und heute stehen dort verbitterte Sowjet-Menschen, Orden aus dem Zweiten Weltkrieg an der Brust und Leguane sowie Affen parat, mit denen Touristen sich fotografieren lassen können.

Und hier studierten die Virtuosen David Oistrach und Emil Gilels an der Musikakademie, an der Swjatowslaw Richters Vater Teofil einst Klavier und Orgel unterrichtete. Als wir sie besuchen, platzen wir mitten in eine Chorprobe hinein, Mozarts Requiem; es ist zum Sterben schön, "genau wie Odessa", sagt später der Dirigent.

Zwar wollen wir hier auf keinen Fall sterben, schon aus Angst vor den Krankenschwestern. Wir stellen sie uns noch schlimmer vor als die Kellnerinnen, die sich in fast allen Restaurants und auch in unserem ansonsten wunderschönen Hotel "Londonskaja" rastlos darum bemühen, die Atmosphäre einer Sträflingskolonie zu schaffen. Aber wir verstehen, was er meint: Odessa hat genau die richtige Mischung aus Verfall und Aufstieg, aus Vergessen und Erinnern, aus Denkmälern und Plastikstühlen.

Wieder in See gestochen

Und abgesehen von den heimtückischen Gulagetten gibt es überall diese unglaublichen Odessitinnen, die ihrem Schicksal mit schwindelerregenden Frisuren und Lippenstiften trotzen. Auf dem Priwoz-Markt halten sie Schweinshaxen und Kalbsohren und manchmal auch einen frisch abgehackten Rinderkopf feil, mit blutbefleckten Schürzen am Leib und strahlend weißen Schleifen im blonden Haar. Am Grabmal des unbekannten Matrosen halten sie Wache, mit Holz-Kalaschnikows in der Hand, Schlitzen im Minirock und Pfennigabsätzen unter der Sohle. Vor den Kirchen halten sie ihre Säuglinge fest, die Haare rabenschwarz, die langen Beine in goldfarbenen Miniröcken, die Füße in grün schimmernden Stiefeln aus Schlangenleder. In Arkadia am Schwarzmeerstrand schieben sie Kinderwagen über den Sand, die Lippen blutrot, den Busen in knappe Glitzertops gepresst, die Stilettos versinkend; sie straucheln nie. An ihrer Seite wankt fast immer gleich einem überflüssigen Accessoire ein fahlfarbener Mann im Trainingsanzug.

So sind wir ein bisschen traurig, als wir nach drei Tagen in Odessa wieder die "Yuzhnaya Palmyra" besteigen. Aber nicht sehr lange, zu groß ist die Wiedersehensfreude mit Swetlana. Kaum in See gestochen, kreischt sie "O la paloma blanca", begleitet von ihrem Depri-Orchester. Im Spielcasino treffen wir unsere beiden Textil- Türken wieder, die offenbar gute Geschäfte gemacht haben, da sie ganze Bündel von Dollars am Baccaratisch verlieren. Wer fehlt, ist der türkische Israeli. Er wurde ersetzt durch fünf bekiffte israelische Amerikaner, die einen Wunderrabbi in der Bukowina getroffen haben und jetzt via Istanbul zurückreisen nach Safed in Galiläa, wo sie an einer Yeshiva Talmud und Thora studieren.

Das scheint ihnen ziemlich viel Spaß zu machen, denn sie trinken Unmassen von Wodka - "alles, was durchsichtig ist, muss einfach koscher sein" - , spielen Basketball, rauchen Joints und tanzen zu Swetlanas Darbietungen eine Kreuzung aus Hora und HipHop.

36 Stunden später sitzen wir in einem Restaurant in Beyoglu, dort, wo Istanbul am lautesten und lustigsten ist. Und stellen fest, dass diese Stadt mit Odessa ziemlich viel gemeinsam hat: Beide sind ein wenig verschlampte und kapriziöse Primadonnen, getrennt durch das Schwarze Meer, verbunden durch die "Yuzhnaya Palmyra". Gerade, als wir ihrer mit Wehmut gedenken wollen, blitzt uns von Weitem ein Mund voller Nirosta entgegen - es ist der Offizier. Er winkt uns zu. Sein Lächeln ist einfach bezaubernd. Besonders aus der Ferne.

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