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Vertikale Gartenstadt: Reisfelder in Schwindel erregender Höhe

Weg mit der Glatze! Tokios "Platte" wird kultiviert: Zur Steigerung der Lebensqualität in der Stadt, werden großartige Gärten und Reisfelder auf den Dächern der Hochäuser angelegt.

Hoch über den Dächern von Tokio wächst seit neuestem eine der wohl ungewöhnlichsten Grünlandschaften Japans heran. In 45 Metern Höhe auf dem Dach eines siebenstöckigen neuen Kinokomplexes mitten im grellen Vergnügungsviertel Roppongi hat der japanische Immobilientycoon Minoru Mori eine 1300 Quadratmeter große Grünfläche im Stile eines japanischen Gartens anlegen lassen. Eine zusätzliche Attraktion dabei ist ein 100 Quadratmeter großes Reisfeld. Mit solchen Hochhaus-"Oasen" will man dazu beitragen, dass das Leben in der zugebauten, pulsierenden 12-Millionen-Stadt etwas angenehmer wird.Der Wind umwehte Dachgarten gehört zum neuen Tokioter Wahrzeichen Roppongi Hills. Der imposante Komplex umfasst auf einer mehr als 11,6 Hektar großen Fläche neben der Kinoanlage einen 270 Meter hohen Büroturm mit einem Museum, rund 200 Geschäften und Restaurants sowie Wohngebäude. In dem Komplex können etwa 20.000 Menschen arbeiten und etwa 2000 wohnen. Es ist eine Hauptattraktion in einem derzeit laufenden Prozess zur städtischen Wiederbelebung Tokios. Durch neuartige Entwicklungsprojekte sollen bestimmte Regionen in Bereiche voll neuen Lebens umgewandelt werden. Dies hat zwischen den einzelnen Stadtteilen einen regelrechten Wettlauf ausgelöst. Ein neues Bürogebäude nach dem anderen wird in diesem Jahr fertig gestellt.

Vision einer vertikalen Gartenstadt

In einer Zeit, in der die japanische Wirtschaft noch immer nicht recht vom Fleck kommt, will der Immobilienunternehmer Mori nicht nur hoch hinaus. Er hat auch die Vision von einer Art vertikaler Gartenstadt. Als die Idee, im Roppongi Hills-Komplex einen traditionellen japanischen Garten zu integrieren, aufkam, erinnerte sich Mori an einen Besuch in der deutschen Stadt Bonn. Damals lief gerade das Kunstprojekt "Future Garden", bei dem auf dem Dach der Bundeskunsthalle Getreide und Gräser angebaut wurden, die später auf der rechten Rheinseite in die freie Natur ausgepflanzt worden waren.Mori beschloss, auf dem Dach seines Kinokomplexes in Roppongi statt Getreide Reis anzupflanzen. Auf diese Weise wolle man "Natur und Kultur" zurück ins Leben der Bewohner Tokios bringen. Immerhin habe so mancher von ihnen noch kein Reisfeld gesehen beziehungsweise keine Erfahrung mit dem Pflanzen von Reis. Der Blick aus einem der Hochhausfenster auf das Reisfeld soll denn auch nostalgische Gefühle wecken. Schließlich bedeutet Japanern Reis viel mehr als nur etwas Essbares. Der Reisanbau hat 2000 Jahre lang das Dorfleben in Japan bestimmt und durch die Notwendigkeit, bei Anlage der Nassfelder zusammenzuarbeiten, zur Entwicklung des Gemeinsinns beigetragen.

Verknüpfung von Tradition und Moderne

Kinder, die mit ihren Eltern im Roppongi Hills-Komplex wohnen, durften auf dem Dach die ersten Setzlinge an Reis der Sorte "tsukimi" (Mondschau) pflanzen. Und zum Jahresende, sobald der Reis geerntet ist, soll es für die Kinder ein Fest geben, bei dem der Reis auf traditionelle Weise zu Reiskuchen gestampft wird. Moris Idee mit dem japanischen Garten und dem Reisfeld ist ein weiteres Beispiel dafür, dass sich in Japan Tradition und Moderne nicht ausschließen. Die Seiten des Dachgartens sind mit Pflanzen gestaltet, die die Jahreszeiten symbolisieren. So stellen Kirschbäume den Frühling dar.Außer Reis wachsen in dem Garten auch verschiedene Sorten von Gemüse. Mori will nun künftig noch weitere seiner rund 100 Gebäude in der Hauptstadt begrünen. Sein Immobilienunternehmen Mori Building, Initiator des riesigen Roppongi Hills-Komplexes, brauchte 17 Jahre, um die etwa 400 Grundstückseigner unter einen Hut zu bekommen und das Projekt voranzutreiben. Der so fortschreitende Wandel des Stadtbildes von Tokio ist ein Prozess, der nach dem Zusammenbruch der kreditfinanzierten Spekulationswirtschaft Anfang der 90er Jahre zum Erliegen kam, aber dank neuer Entwicklungen nun immer mehr an Aufmerksamkeit gewinnt. Die Fertigstellung der neuen Bürogebäude hat allerdings zugleich auch die Besorgnis ausgelöst, dass es auf diese Weise zu einem weiteren Einbruch der Immobilienpreise kommen könnte.

Lars Nicolaysen
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