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Weinregion: Weinberg aus dem Nichts

Die Weinbauern am Kap haben sich nicht selten einen Lebenstraum erfüllt. Mit Pioniergeist und Tatendrang bringen sie die südafrikanische Weinwirtschaft weiter. Schwarze Winzer sind noch die Ausnahme.

Von Kirsten Wörnle

Der Baron steuert seinen weißen Allrad-BMW über eine rote staubige Straße. Weizenfelder schwingen sich über die sanften Hügel links und rechts der Straße, am Horizont erhebt sich der Tafelberg als blauer Riese. Wir sind in der Kornkammer Südafrikas, nördlich von Kapstadt, gerade mal zehn Kilometer vom Atlantik entfernt. Plötzlich tauchen Reben auf. Ein Weinberg mitten im Weizenland: Er ist der ganze Stolz des von Alexander Baron von Essen.

Pflanzen aus Bordeaux

Der Adlige und seine Frau haben sich mit "Capaia" ein Weingut aus dem Nichts geschaffen: Bulldozer ebneten die Hügel ein, damit die Reben eine gleichmäßige Hanglage haben. Tiefbohrer durchstießen den Schieferboden, ein 170.000 Kubikmeter fassender Staudamm sammelt das Wasser für die Bewässerung. Die ersten Pflänzchen wurden im Jahr 2000 eigens aus Bordeaux eingeflogen und in Gewächshäusern behutsam von europäischem Winter auf afrikanischen Sommer umgestellt. Das Ziel: Nichts weniger als einen der ganz großen Weine am Kap zu machen. Inzwischen sind mehr als 200.000 Reben gepflanzt und die vierte Lese auf "Capaia" läuft. Prunkstück des Guts ist die Holzvergärungsanlage in der Kellerei, eine der größten der Welt, wenn nicht die größte: In 52 riesigen Gärbottichen aus französischem Eichenholz mit jeweils 5000 beziehungsweise 8000 Litern Fassungsvermögen reift der Wein.

Schonende Reifung

Weinland Südafrika: Hier stimmen Klima, Böden und Pioniergeist der Gutsbesitzer und ihrer "Winemaker". Warme, nicht allzu heiße Sommer, und milde Winter schaffen gute Bedingungen für europäische Edelsorten. Kühle Meeresbrisen sorgen für eine schonende Reifung. In den Böden stecken Schiefer, Sandstein und Granit. Besonders die sandigen Verwitterungsböden des Tafelberg-Sandsteins speichern das Wasser gut.Mit dem Ende der Apartheid öffnete sich 1993 / 1994 für die südafrikanischen Winzer der internationale Markt. Nach Jahren der Produktion billiger Massenträger setzte damit auch eine Trendwende ein: Heute tragen etwa 60 Prozent der Rebfläche internationale Sorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot, Shiraz, Chardonnay oder Sauvignon Blanc. Der schwarzrote Pinotage, eine südafrikanische Kreation, entwickelt sich zu einem Rotwein von internationalem Format. Auch auf die weltweit wachsende Nachfrage nach Rotweinen hat das Weißweinland Südafrika reagiert: Knapp 46 Prozent der Fläche sind mit Rotwein bestockt, 1997 waren es noch 23 Prozent. Auf der Hitliste der Neupflanzungen stehen Rote wie Cabernet Sauvignon, Pinotage und Shiraz.

Auch Schwarze als Winzer

Jahrhunderte weißer Herrschaft haben im Weinbau Farbige und Schwarze benachteiligt. Weiße Winzer und schwarze Arbeiter - das ist bis heute noch das prägende Bild. Erst langsam dringen Farbige und Schwarze in höhere Positionen, absolvieren Ausbildungsgänge für den Anbau und den Ausbau der Trauben. Thandi heißt das erste von einem Farbigen geleitete Gut, 1996 von Dr. Paul Cluver, einem renommierten Neuro-Chriurgen, Obstbauer und Winzer, für seine Farmarbeiter gegründet. Der Anwalt und Gutsbesitzer Alan Nelson schenkte seinen schwarzen Arbeitern nach dem Ende der Apartheid 9,5 Hektar seiner Weinberge. Auf Nelson's Creek in Paarl wurden aus den Farmarbeitern Winzer, darunter Solly Skippers, der schon als Kind auf dem Weingut geschuftet hatte. Skippers wurde der erste schwarze Winzer Südafrikas. Den ersten Wein, den er und sein Team kelterten, nannten sie: "New Beginnings".

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