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Weltrekord am Manaslu: Deutscher bezwingt Achttausender im Alleingang

Einsamer Sieg in eisigen Höhen: Eine Woche nach dem Lawinenunglück am Manaslu benötigt der Speed-Bergsteiger Benedikt Böhm nur 15 Stunden für den Aufstieg. stern.de berichtet exklusiv.

Von Joachim Rienhardt

Ich stehe am höchsten Punkt des Basislagers des Manaslu auf 4900 Meter", sagt Extrembergsteiger Benedikt Böhm über Satellitentelefon. "Ich sehe unten die Lager von etwa 30 anderen Expeditionen. Insgesamt rund 200 Bergsteiger." Bis zu dem verheerenden Lawinenabgang am vorletzten Wochenende waren es um ein Drittel mehr. Etliche Bergsteiger sind nach dem Unglück, das ein Dutzend Todesopfer forderte, abgezogen. "Aber es kamen auch immer noch neue Expeditionen hinzu. Das Wetterfenster für eine Besteigung ist nahezu ideal. Die Versuchung, den Gipfel zu machen, ist einfach sehr groß."

Benedikt Böhm und sein Partner Sebastian Haag wissen, dass nicht jedermann ihre Entscheidung verstehen wird, dass sie ihr Ziel trotz allem nicht aufgeben. "Aber in der Vorbereitung stecken sechs Jahre harte Arbeit. Mental, psychisch, physisch und auch finanziell. Sechs Jahre haben wir unser Leben diesem Ziel untergeordnet." Die beiden wollen nicht nur auf den 8163 Meter hohen Gipfel des Manaslu. Sie wollen es ohne künstlichen Sauerstoff schaffen. Nicht so wie fast alle anderen Alpinisten, die sich über vier Lager in fünf Tagen auf den Weg nach oben machen. Die zwei Bayern haben einen Weltrekord im Auge: In nur 16 Stunden wollen sie den Gipfel meistern. Und dann mit Ski wieder herunter.

"Das hat an diesem Berg vor uns noch keiner versucht. Das ist Neuland", sagt Böhm. Nur er selbst und sein Partner Haag haben es einmal gewagt. 2007 war das. "Wir waren super in der Zeit", sagt Böhm. Aber auf 7400 Metern Höhe mussten sie im Schneechaos umdrehen. 14 Tage waren sie eingeschneit, mussten alle zwei Stunden das Zelt freischaufeln, konnten es zwei Tage nicht verlassen. "Die Lawinengefahr war so groß, dass es genügt hätte, ein Streichholz anzuzünden, um Lawinen auszulösen. Die Enttäuschung war groß. Das nagt an uns seither."

In 15 Minuten an der Unglücksstelle

Damals drehten sie ungefähr dort um, wo am 23. September das Lawinenunglück seinen Lauf nahm. Vom Basislager aus sieht Böhm die vier Meter hohe Abrisskannte kurz unterhalb des Gipfelplateaus. Von dort donnerte die Lawine über 1000 Höhenmeter ins Tal, riss zwölf Menschen in den Tod. In der Nacht des Unglücks waren Böhm und Haag auf einer Akklimatisierungstour auf 6400 Metern Höhe. Sie schliefen im Zelt auf einer Erhöhung. Die Lawine rauschte an ihnen vorbei. Es war morgens, kurz vor 5 Uhr.

"Wir waren schon 15 Minuten später an der Unglücksstelle. Da ging gerade die Sonne auf", sagt Böhm. Per Funk und Satellitentelefon alarmierten sie Hilfe in Kathmandu. Bis sechs Stunden später die Rettungshubschrauber eintrafen, hatten sie bereits ein Dutzend halbverschüttete Bergsteiger ausgegraben, ihre Kleider und Schuhe zusammengesucht. Sie gaben ihnen zu trinken und guten Zuspruch. "Wir haben unser Bestes gegeben. Was passiert ist, können wir aber leider nicht rückgängig machen", sagt Böhm. "Dass wir helfen konnten, ist ein gutes Gefühl. Das hilft uns ungemein dabei, jetzt trotz allem weiter zu machen."

3300 Höhenmeter bis zum Gipfel

Zu verführerisch ist das Ziel Manaslu für Leute wie ihn. Böhm schwärmte schon im Vorfeld davon. "Ein wunderschöner Berg, sehr abwechslungsreich." Der lange Aufschwung über den Gletscher, dann der Eisbruch zwischen 5800 und 6500 Meter, darüber ein Kessel mit Hängen, wie fürs Skifahren gemacht, glatt, ohne Gletscherspalten, bis hinauf auf 7500 Meter, danach der Gipfelgrat. "Eine Speed-Begehung hier ist eine der härtesten Herausforderungen", sagt Böhm. "Es ist verdammt lang und es sind extrem viele Höhenmeter zu machen - über 3300."

Es ist Samstag der 29. September, als sie sich nach Wochen der Akklimatisierung auf den Weg machen, abends um 18 Uhr. "Jetzt sind die Wetterbedingungen nahezu ideal. Auch die Steilpassagen am Gipfel sind zugeschneit, sagt Böhm im letzten Gespräch über Satellitentelefon vor dem Abmarsch. Die Wetterprognose ist für die kommenden Tage gut.

Jedem Schritt wird zur Qual

In relativ hohem Tempo legen die beiden Münchener los. Aber schon bald zeigt sich, warum der Berg trotz bester Wettervorhersage unberechenbar bleibt. Solitär steht er in der Landschaft. Hier entlädt sich Schlechtwetter in all seiner Kraft und ohne Vorwarnung. "Es ist der Grund, warum es der einzige Achttausender ist, an den Hans Kammerlander nie wieder zurück kehren will", sagte Böhm noch vor dem Aufbruch.

Für die Kollegen im Basislager sind sie schnell außer Sicht. Immer stärker wird der Wind, der auch die Kälte unerträglicher macht. Dabei ist es ohnehin eine Tortur, auf dieser Höhe überhaupt zu atmen. Mit jedem Schritt wird es zur Qual. Als sie bei Lager 2 auf 6400 Meter Höhe ankommen, schließt sich den beiden ihr Freund Constantin Pade an. Der 26-jährige Memminger war schon zuvor aufgestiegen und hatte hier geschlafen.

Zu dritt gehen sie weiter. Doch aus dem Wind wird mehr und mehr ein Sturm. Constantin Pade und Sebastian Haag verlieren langsam den Anschluss an ihren Freund Benedikt Böhm. Sie können das Tempo von Böhm nicht mitgehen. Irgendwann stapft der alleine durch die Nacht nach oben. Doch der Wind wird immer stärker. Auf 7400 Metern ist es ein ausgewachsener Sturm. Messungen ergeben eine Geschwindigkeit von rund 100 Kilometer die Stunde.

"Wir haben überlegt, abzubrechen"

Böhm ist froh, als er auf 7400 Metern Zelte entdeckt. Sie gehören zu traditionellen Expeditionen. Böhm legt sich in eines der leeren Zelte. Der Wind reißt wie ein wildes Tier an den Wänden. Schnee dringt herein. An Schlaf ist nicht zu denken. Böhm denkt an die Niederlage am Manaslu vor sieben Jahren. Und daran, dass sie vielleicht auch dieses Mal scheitern können. Hier drin ist es noch unerträglicher als draußen. Viel kälter als während des Gehens.

Böhm hat vor dem Zelt seine Ski verschnürt, damit seine Freunde ihn sehen. Er schaut alle 15 Minuten hinaus. Nichts. Doch plötzlich, nach über einer Stunde, sieht er seinen Freund Sebastian. Er ist schon am Zelt vorbeigelaufen. Es dauert, bis Böhm ihn eingeholt hat. Und da ist er noch besorgter als zuvor: Sein Freund wirkt erschöpft, hat Erfrierungen an der Nase. Es ist inzwischen vier Uhr in der Früh. Sie sind jetzt bereits zehn Stunden unterwegs. "Wir haben überlegt, abzubrechen", wird Böhm später sagen. "Aber dann haben wir uns doch weiter aufgerappelt."

Nochmals trinken sie etwas Wasser, nehmen einen der wenigen Energieriegel zu sich, die sie im Gepäck haben. Dann schieben sie sich immer weiter nach oben. Es ist ihr Glück, dass mit der aufgehenden Sonne der Wind etwas nachlässt, obwohl er immer noch mit knapp 100 Sachen über das Gipfelplateau fegt. Trotzdem wird es zumindest etwas wärmer. Und mit der relativen Wärme kommt die Hoffnung zurück. Und auch die Zuversicht. Zumindest bei Benedikt Böhm.

Um 9 Uhr auf dem Gipfel

Doch sein Freund Sebastian scheint nicht mehr kräftig genug zu sein, um das Tempo zu halten. Auch nicht Constantin Pade, der zwischenzeitlich aufgeschlossen hat. Böhm geht sein eigenes Tempo weiter. Insgesamt fünf Stunden lang ab Lager 4. Schritt für Schritt, aber auch er wird immer langsamer. Die Luft wird auch für ihn hier oben immer dünner, und auch Böhms Kraft ist endlich. Aber seine Anstrengung lohnt sich und all die Entbehrung der Jahre zuvor.

Es ist Sonntag, morgens um 9 Uhr, als er endlich auf dem Gipfel steht. Alles in allem hat sein Aufstieg nur 15 Stunden gedauert. Ein immenser Kraftakt über insgesamt 3300 Höhenmeter. Eine Gewalttour, für die Höhenbergsteiger trotz der Verwendung von Flaschensauerstoff sonst vier Tage benötigen. Doch Böhm gibt sich keiner Siegerpose hin. Zu tief steckt auch bei ihm noch die Trauer nach dem Lawinenunglück vor einer Woche. Er nimmt den Schal, den ihm ein einheimischer Priester, ein Lama, mitgegeben hat. Dann klickt er einen Karabiner aus dem Klettergurt, an dem er nach dem Unglück den Verletzten Schuhe brachte. Er wickelt den Karabiner in den Schaal und vergräbt das Bündel im Schnee. "Ich habe das den Opfern des Unglücks gewidmet", wird er später sagen. "Es war ein Moment und ein Akt der Demut."

Die schlimmste Abfahrt seines Lebens

Insgesamt bleit Böhm eineinhalb Stunden auf dem Gipfel. Gewöhnliche Bergsteiger sind nach kurzen Momenten des Gipfelglücks damit beschäftigt, wieder heil nach unten zu klettern. Bei Böhm beginnt nun der zweite Teil des Abenteuers - die Abfahrt auf Ski. Unten sieht er seine Freunde Sebastian und Constantin. Er entschließt sich zur Soloabfahrt, weil er mehr damit rechnet, dass die beiden umkehren würden.

Zum Glück bewahrheitet sich, was Böhm nach den ergiebigen Niederschlägen der vergangene Wochen vermutete: Auch die Steilpassagen am Gipfel sind zugeschneit und relativ gut befahrbar. Nach etwa 150 Höhenmetern ist er bei seinen Freunden, die den Gipfel tatsächlich für sich aufgeben haben und umkehren wollen. Gemeinsam fahren sie ab. Für Böhm ist es die schlimmste Abfahrt, die er je an einem Achttausender machte.

Bruchharsch wechselt sich mit gefährlichen Verwehungen ab. Immer wieder tauchen Gletscherspalten auf. Und dort, wo die Lawine abgegangen war, müssen sie über riesige Eisbrocken. Insgesamt brauchen sie achteinhalb Stunden, bis sie wieder unten sind. Heil, stolz, überglücklich. Zumindest Benedikt Böhm ist am Ziel seiner Träume. Er ruft seine Frau Veronica an und spricht mit seinem Sohn Balthasar. Er ist zwei Jahre alt geworden, während er am Berg kämpfte. Der zweite Anruf von Böhm geht an stern.de. Er redet schnell, atmet kurz und ist überglücklich. "Die Besteigung war knallhart. Und die Abfahrt war meine beschissenste von einem Achttausender", sagt er. "Aber es hat mega Spaß gemacht."

Jetzt geht es schnell mit dem Hubscharuber in die nepalesische Hauptstadt Kathmandu und von dort direkt nach Hause. Nach München, auf die Wiesn. Dort wollen die drei Bergsteiger mit ihren Freunden feiern.

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