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Griechische Inseln: Fähre? Nö, wir schwimmen

Mit dem Boot ließen sich die Kleinen Kykladen ganz entspannt erobern. Wer aber von einer Insel zur nächsten schwimmt, lernt neben der griechischen Inselwelt auch seine eigenen Grenzen kennen.

Von Stéphanie Souron

Das Ziel ist die kleine weiße Kirche auf den Klippen von Schinoussa, das Wetter ideal zum Wandern: Türkisblau aalt sich das Meer vor der Küste, ein lauer Sommerwind tanzt über die Ägäis, und in der Ferne recken die knubbeligen Hügel der Nachbarinsel Naxos ihre Nasen in den Himmel. "Fantastisches Panorama", schwärmt John, während er mit einem Stift die Strecke auf der Karte nachfährt.

"Ihr orientiert euch an dem schwarzen Felsen rechts der Kirche", sagt er. Um ihn herum nicken fünf Frauen, nur Susan hat eine Frage: "Du bist ganz sicher, dass es keine Haie gibt?" John grinst vielsagend, Susan seufzt und presst die Schwimmbrille fester an den Kopf. Dann springt sie ins Wasser. Keine zwei Sekunden später taucht sie wieder auf - mit guten Nachrichten: "Hey, ich kann den Boden sehen. Wassertiefe höchstens sechs Meter. Keine Haie."

Wer von Iraklia nach Schinoussa will, kann die Fähre nehmen, die zwischen den Kleinen Kykladen hin- und herschippert und Iraklia, Schinoussa, Keros und die beiden Teile von Koufonisi mit Naxos verbindet. Doch Susan und die anderen wollen die griechischen Inseln ohne Hilfsmotor erobern. "Swimtrek" heißt das Abenteuer und bedeutet übersetzt "Schwimm-Wanderung". Mit Badeanzug, Bikini und Badekappe bekleidet kraulen Michele, Michelle, Evie, Sarah, Elizabeth und Susan eine Woche lang von einer Insel zur anderen.

Das Ziel vor Augen

Nach ihrem Sprung ins kalte Wasser ist Susan bald in die Waagerechte übergegangen und schwimmt jetzt dem Ziel entgegen. Einige Hundert Meter hinter der Küste hat die Ägäis ihr türkisfarbenes Strandkleid abgelegt und trägt Tiefblau, deshalb ist unter Wasser nichts zu sehen außer der Unendlichkeit des Meeres. Die kleinen Fische, die am Anfang vor der Schwimmbrille herumtanzten, sind im seichten Küstengewässer zurückgeblieben. Bis zu 50 Meter tief könne es hier sein, hat John gesagt, aber darüber solle man sich keine Gedanken machen. "Ihr braucht eh nur die obersten 50 Zentimeter zum Schwimmen."

John, 46, trägt Bauchansatz und spricht, well, ein bisschen wie Prinz Charles. John ist schon durch die norwegischen Fjorde gekrault, die bayerischen Seen und um die britischen Jungferninseln in der Karibik herum. Sogar den Ärmelkanal hat er bezwungen, in 14 Stunden. Vor fünf Jahren hat er mit einem Freund Swimtrek gegründet, "weil nirgendwo die Freiheit größer ist als im offenen Meer". Jetzt sitzt er in Shorts und Badeschlappen in einem Motorschlauchboot und versucht, die sechs Frauen in Richtung der kleinen weißen Kirche auf Schinoussa zu dirigieren. Was nicht immer ganz leicht ist. "Hey, Evie", ruft er. "Guck mal, wo du hinschwimmst. Da geht es nach Afrika!"

Evie, 34, ist Berufsschauspielerin und Hobbytriathletin, und weil sie beim Schwimmen immer "absäuft", hat sie beschlossen, ihren diesjährigen Urlaub im offenen Meer zu verbringen. "Ein bisschen Schiss vor dem Ozean hatte ich am Anfang schon", sagt sie. Weil er tief ist, selbst im Mittelmeer. Weil man nie genau weiß, mit welchen Tieren man sich seinen Platz teilt. Und weil drei Kilometer ohne eine blau gekachelte Wand dazwischen ganz schön weit sein können.

Die Hierarchie der Bademützen

Auch die anderen Damen sind keine geborenen Nixen: Susan, 58, Ingenieurin, hat erst vor einem Jahr mit dem Schwimmtraining begonnen. Um sich die Plackerei im Pool ein wenig zu versüßen, hat sie sich für diese Reise entschieden. Elizabeth, 38, und Michelle, 35, wollten unbedingt einmal auf die griechischen Inseln. "Aber als normaler Tourist ist es langweilig." Nur Michele, 41, die an einem College Mathematik unterrichtet, schwimmt täglich mindestens 5000 Meter. Sie sagt, sie sei "absolut crazy". Und deshalb trägt sie jetzt auch als einzige eine pinkfarbene Bademütze, die sie am Tag zuvor von John bekommen hat.

Während seine Kollegin im Wasser stand und mit den Armen durch die Luft ruderte, um Tipps für kräfteschonendes Schwimmen zu geben, filmte John die Technik der Damen. Susan befand nach der Betrachtung der Bilder selbstkritisch: "Ich schwimme wie ein Tanker." John empfahl ihr, in der Eintauchphase etwas weniger energisch Wasser zu fassen. Und Evie, die wie eine Robbe durchs Wasser pflügt, solle den Kopf ruhiger halten.

Michele schwimmt nach der Videoanalyse in Pink, weil sie am schnellsten ist und die schönste Technik hat. Die anderen tragen Gelb oder Orange auf dem Kopf, je nach Performance und persönlicher Fitness. Und damit im offenen Meer keiner verloren geht, kreisen John und Imogen in ihren Schlauchbooten unentwegt um die Gruppe herum.

Jetzt nicht schlappmachen

Die Umrisse der kleinen Kirche von Schinoussa werden schärfer, und allmählich stellt sich beim Kraulen auch Rhythmus ein. Eintauchen, ziehen, austauchen, nach vorn schwingen. Die Arme führen die Bewegung fast von allein aus, die Beine strampeln hinten mit. Nur die Lippen werden vom Salz und von der Sonne langsam rau. Susan sagt zwischen zwei Zügen, sie habe das Gefühl, Wasser dringe durch die Haut in sie ein. Zum Glück rückt mit jedem Armzug die Kirche näher. Und auch das Segelschiff von Akis schaukelt schon gut sichtbar auf den Wellen.

Akis, 55, ist Grieche, er trägt sein graues Haar zum Pferdeschwanz gebunden und spricht Englisch, Deutsch und Griechisch, meist alles zusammen. Mit seinem Boot bringt er das Gepäck der Schwimmerinnen von einer Insel zur nächsten. Wer die "Katharina" in der Ferne erkennt, weiß, dass das Ziel nicht mehr weit ist. Sind dann alle auf das Segelboot geklettert, gibt es an Decke erst einmal ein Picknick aus Pasta, Salat, Obst und Nüssen.

Auch abends sorgen John und Imogen für die nötige Kalorienzufuhr. Wenn die Sonne ins Meer schmilzt, lotsen sie die Gruppe zu einer Taverne, auf deren Tischen sich griechische Leckereien türmen: Ziegenkäse mit Honigsauce, gebackene Auberginen und Zucchini-Küchlein vorneweg. Danach Fisch und Fleisch und zum Nachtisch glasierte Feigen und Joghurt. Danach lockt das Hotelbett, aber John verrät allerorten noch einen Geheimtipp für die Ouzo-Bar nach dem Essen. "Aber Ladys, nicht zu viel Alkohol, sonst lass ich euch morgen nicht aufs Wasser", warnt er.

Direkter Kontakt mit der Natur

Die Tour durchs Wasser ist sportlich, die Etappe von Iraklia nach Schinoussa war nur ein Teil des Tagespensums. Zwischen vier und sechs Kilometer bewegt sich der Swimtrek täglich fort. Bei schönem Wetter und ruhiger See sind die Strecken zwar für Normalsportler gut zu bewältigen, doch freuen sich Arme und Beine auch immer aufs Ankommen. Das Wissen, jederzeit ins Beiboot einsteigen zu können, nimmt die Angst vor Überforderung.

Am Nachmittag geht es nach Koufonisi, und nun wird das Abenteuer zur echten Herausforderung. Denn der Meltemi, der am Vormittag noch sanft um die Nase wehte, frischt plötzlich auf. Das Wasser kräuselt sich, und wer beim Kraulen in beide Richtungen atmen kann, ist klar im Vorteil. Alle anderen schlucken jetzt bei jedem Atemzug einen Schwall Salzwasser. "John, ich kann nicht mehr", sagt Evie und spielt tote Frau im Wasser. Susan verlangt vehement eine Pause. "Versucht, euch zu entspannen", rät John vom Beiboot aus und reicht Evie eine Flasche mit einem warmen, isotonischen Getränk. An Land würde man an dieser Plörre nicht einmal riechen, aber mit 50 Meter Wasser unter dem Bauch schmeckt das Gesöff wie der Himmel auf Erden. Und keine fünf Minuten später sind Evie und Susan wieder unterwegs in Richtung Koufonisi.

John sagt, das Schönste am Schwimmen im offenen Meer sei der direkte Kontakt mit der Natur. Er hat schon viele Menschen beim "Open Water Swim" begleitet. Und jedes Mal blicke er in glückliche Gesichter. Und auch als Susan, Evie und die anderen vor der Küste Koufonisis auf das Segelboot klettern, ist die Stimmung fast euphorisch. "Sechs Kilometer an einem Tag, ich bin noch nie so weit geschwommen", staunt Sarah über sich selbst. "Ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffe", sagt Susan. Und Evie, die mit ihrem Strohhut auf dem Sonnendeck aussieht wie die Reinkarnation von Marilyn Monroe, dreht sich zu John. "Hey, John", ruft sie. "Wie lange müsste ich trainieren, um den Ärmelkanal zu schaffen?"

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