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Mani: Im Land der wilden Kerle

Auf dem Peloponnes, im Süden von Griechenland, liegt Mani - eine Halbinsel von karger, urwüchsiger Landschaft, in der es sich wunderbar wandern lässt. Und das Meer ist auch immer nah.

Von Daniela Horvath

Der Tag dämmert, und Tassos mustert mit Skepsis das Schuhwerk seiner Truppe: "Ihr könnt von mir aus nackt mitkommen, Hauptsache, ihr habt anständige Wanderschuhe an", hatte er am Vortag gepredigt. Dass an diesem Morgen einer glaubt, in Freizeittretern mithalten zu können auf den steilen, steinigen Pfaden vom Dörfchen Thalames hinauf in die Ausläufer des Taygetos-Gebirges, nimmt Bergführer Tassos Boukouvalas nur unwillig hin. Bei Gott, er hat schließlich Verantwortung für seine Trekking-Gruppe! Ein Kinderspiel ist es jedenfalls nicht, in die Unwegsamkeit der Canyons einen Rettungshubschrauber zu dirigieren, falls sich jemand bei der Tour verletzen sollte - nur aus Fahrlässigkeit. Schließlich war der 40-Jährige selbst viele Jahre Rettungspilot im eisigen Norden Kanadas, damals, in seiner Emigrantenzeit. "Also gut, dann los!", schnaubt er und schreitet voran in die vom Morgenlicht zartrosa eingefärbte Gebirgslandschaft. Und das mit so viel federnder Noblesse, als ob er der König der Mani wäre. Herrscher über diesen mittleren und längsten der drei Finger, die der Peloponnes ins Mittelmeer streckt und dem er, der gebürtige Maniote, ein bisschen ähnelt: dünn und hochgewachsen, mit markantem Kopf und scharfem Profil - eben ein wilder Kerl. So entführt er seinen kleinen Touristentrupp in die zerklüftete Bergwelt über dem Messenischen Golf.

Schluss mit süßlichen Italo-Klischees

Wer zum ersten Mal hierher reist, über die Passstraße von Kalamata hinauf und dann hinunter in die fruchtbare Vorgebirgsebene der äußeren Mani, der schwelgt noch kurz im Aha-Gefühl der Toskana-Fraktion: endlose Olivenhaine, alte Steindörfer, kantige Türme, die mal geballt, mal vereinzelt aufragen und aussehen, als seien sie direkt aus San Gimignano importiert. Spätestens wenn man bei Areopolis die Grenze zur inneren Mani überschritten hat, sich durch nackte Berglandschaften mit bizarren Felsformationen zur Südspitze am Kap Matapan hinunterschlängelt, vorbei an "Pyrgos" genannten Türmen, die so wirken, als werde noch heute scharf aus ihren Scharten geschossen - spätestens dann ist Schluss mit süßlichen Italo-Klischees. Und griechische Bouzouki-Romantik will erst gar nicht aufkommen. Die 75 Kilometer lange Halbinsel mit ihren sagenumwobenen Höhlen und Grotten, ihren auf über 2400 Höhenmeter ansteigenden Gebirgszügen und tiefblauen Meeresbuchten, ihren osmanischen Festungen und byzantinischen Kirchlein, lässt Besucher etwas viel Spannenderes entdecken: eine Kultur, "die fremdartiger, reicher, faszinierender und unbekannter ist als so ziemlich alle anderen in Griechenland", wie der Brite Peter Greenhalgh in seinem wunderbaren Reisebuch über den südlichsten Zipfel des Peloponnes schrieb.

Das war in den 1980ern. Im zweiten Jahrhundert nach Christus hatte Pausanias hier schon zur Feder gegriffen, der legendäre Geschichtsschreiber der Antike. Und Mitte des vergangenen Jahrhunderts wanderte Sir Patrick Leigh Fermor, ein Landsmann von Greenhalgh, über den Mittelfinger. Mit seinen Notizen setzte er seiner Wahlheimat ein literarisches Denkmal, das bis heute Generationen Mani-Süchtiger schuf. "Es macht mich traurig", sagt Tassos, der Bergführer, "dass uns immer die anderen zeigen mussten, was wir hier an Wertvollem haben." Und während er hinauffedert in Richtung Gaidurovouni-Gipfel, spricht er von seiner Liebe zur Heimat, die er im 17-jährigen Exil wiederentdeckt hat. Erzählt von der Rückkehr vor drei Jahren ins Elternhaus im Bergdorf Thalames, das er, wie viele seiner wegen der Armut ausgewanderten Landsleute, nie verkaufen wollte: "Wer seines Vaters Haus verkauft, der kappt seine Wurzeln." Er war 37, im besten Mannesalter, als er endlich begriff, dass die Schönheit der Mani auch eine existenzielle Perspektive bieten könnte. Seit zwei Jahren organisiert er als einer der ersten Einheimischen Trekking-Touren und ab dem kommenden Sommer auch Segeltörns vor der messenischen Küste. Denn auch das Geschäft mit dem Tourismus hatten die Fremden vor den Manioten erkannt.

Tautropfen glitzern in den Gräsern entlang des schmalen "Monopathia", des antiken, aus flachen Steinen gebahnten Maultierpfads. Vogelzwitschern schallt von den Felswänden der Langada-Schlucht als vielstimmiges Konzert zurück, tief unten donnern die Wogen des Ionischen Meeres so mächtig gegen die Küste, dass die Erde bis hierherauf zu vibrieren scheint. Die Luft ist feucht und schwer und voller Würze, zwischen den Steinen sprießt wildes Bohnenkraut, weiter oben wächst sonnengetränkter Bergsalbei in dicken Büscheln, wuchern duftende Teppiche von Oregano. "Als der liebe Gott die Welt erschaffen hatte, blieb ihm eine Handvoll Steine übrig. Also warf er sie einfach hinter sich", sagt Tassos und nimmt einen Schluck Wasser, "mein Land, die Mani, wurde daraus." Sparta, Rom und Byzanz, die Franken, Venezianer und Türken haben auf dem Peloponnes- Finger ihre Spuren hinterlassen, den das Taygetos-Massiv wie eine mächtige Mauer zwischen dem Golf Lakoniens im Osten und dem Messeniens im Westen trennt - und im Norden gegen den Rest Europas abriegelt. In seiner wechselhaften Geschichte war die Mani einst Rückzugsland für Flüchtlinge aus Sparta, dann wieder Aufbruchsort für Elendsemigranten in die Neue Welt. Ihre strategische Lage im Fadenkreuz der Handelsrouten zwischen Griechenland und Nordafrika, zwischen Italien, Türkei und Nahem Osten zog über Jahrtausende ferne Eroberer an - und schaffte zugleich eigene Begehrlichkeiten: Die Manioten mit ihren gezwirbelten Schnurrbärten und bauschigen Röcken galten als blutrünstige Piraten, die mit der gleichen Grausamkeit fremde Schiffe wie die eigenen Nachbarn überfielen, wenn es das Gesetz der Blutrache verlangte.

Letztes Gemetzel vor 60 Jahren

Aber so legendentriefend die Fehden der Clans, so herzzerreißend die Totenklagen ihrer Frauen auch waren, so unbeugsam war der gemeinsame Freiheitswille gegenüber den Besatzern. Die Revolte gegen die dreieinhalb Jahrhunderte währende Herrschaft der Türken und ihre Vertreibung aus Griechenland nahm 1821 in der anarchischen Mani ihren Anfang. Das letzte Gemetzel - Monarchisten gegen Kommunisten im Bruderkrieg - ist gerade mal 60 Jahre her. Seither herrscht endlich Ruhe.

Melancholisch und resigniert saßen die Mani-Kämpen dann lange in ihren Kafenions, kippten sich Tsipouro, den eigenen Tresterbrand, hinter die Binde - und beobachteten müde die neuen Invasoren. Erst waren es langmähnige Freaks, die sich Anfang der 1970er Jahre am Strand von Stupa breitmachten, Nacktbader und Kiffer aus den kühlen Regionen Europas, die nur der alte Vassili mal mit seiner Flinte bedrohte. Einige von ihnen ließen sich in der Mani nieder, später kamen arriviertere Aussteiger hinzu, denen die Toskana zu eng geworden war. Sie kauften Land, machten eigenes Olivenöl, malten, schrieben oder restaurierten für ihresgleichen die maniotischen Steinhäuser. Erst seit wenigen Jahren versuchen Jungunternehmer - auch aus dem eigenen Land - "sanften" Tourismus zu etablieren, eine tragfähige Alternative zur dilettantisch-gleichmütigen Gastlichkeit der Alten zu schaffen wie zur gepflegten Abblock-Mentalität der Neo- Manioten. Diese hatten den vor einem Jahrzehnt aufkeimenden Pauschaltourismus nur geduldet, weil er sich auf Stupa begrenzte, ihr verlorenes Hippie-Paradies. Heute werden hier tätowierte Biertrinker und blasse Jungfamilien aus Billigfliegern herangekarrt und in einem Dutzend unscheinbarer Hotels und wummernder Strandbars für wenige Wochen im Jahr wie unter Quarantäne gehalten.

Inzwischen gibt es Anbieter von Wander- und Radtouren, Yoga-Kursen und Reiki-Workshops. Die Auswahl an geschmackvollen Ferienapartments in edel restaurierten oder kopierten Turmhäusern wächst ebenso wie das Angebot hübscher Tavernen mit überraschend guter Küche und den respektablen Weinen, die eine neue Winzergeneration auf dem Peloponnes abfüllt. Zugleich engagieren sich immer mehr Einheimische gemeinsam mit den ansässigen Ausländern gegen den Ausverkauf historischer Steinhäuser und für ein neues Baurecht, das die drohende Zersiedelung der alten Kulturlandschaft der Mani stoppen soll.

Über dem Meer thronenden Felsenkirche

Tassos ist für diese Themen sensibilisiert, seit er sein eigener, kleiner Tour- Operator ist. Für seinen Nebenjob als Webdesigner hat er den Winter reserviert, im Frühling, Frühsommer und Herbst, der schönsten Reisezeit in der Mani, begleitet er kleine Wandergruppen auf Wunsch auch zum antiken Seehafen von Mezapos. Noch heute werden hier Fischerboote mit rostiger Seilwinde aus der Bucht an Land gehievt. Tassos organisiert Ausflüge zur atemraubend über dem Meer thronenden Felsenkirche "Agitria" mit ihren reichen byzantinischen Freskenmalereien. Oder nach Vathia, einst Hochburg der Seeräuber, mit turmbewehrter Skyline, die wie ein Manhattan des Mittelalters in den Himmel ragt. Wer bis zur Spitze will, kann auf der Wanderung zum Leuchtturm am Kap einen Blick in die Unterwelt werfen: Zwischen den Ruinen der antiken Stadt Tainaron soll der Sage nach die Pforte zum Hades liegen.

An diesem Spätnachmittag ist die Tour in der Bucht von Trachila zu Ende, dem malerischen Ruhehort pensionierter Kapitäne. Die alte Eleni serviert vor ihrem Haus an der Uferpromenade noch manchmal Essen, wenn sich einer hierher verirrt, ins letzte Dorf auf messenischer Seite, wo die Straße aufhört und somit die ganze Welt. Sie schleppt kleine Teller an. Erst mit Kapernblättern umwickelte Baby-Auberginen in frischem Olivenöl, dann Kalbsbraten und gebackene Sardinen. Eben das, was die 80-Jährige gerade so an echter Hausmannkost vorbereitet hat, in ihrer Wohnküche zwischen Herd und Couch. Ein halbes Leben hat Eleni mit den Frauen im Ort wertvolle Salzblüte aus den Felsgumpen entlang der Küste gekratzt, die andere Hälfte ihren Mann auf seinem Handelsschiff zwischen Tunesien, Spanien und dem Persischen Golf begleitet. Das Foto ihres toten "Kapetano" hängt noch immer über der Tür, ein markanter Kopf mit dem mächtigen Schnauzer der alten Manioten.

Erinnerung an die Liebe im Land der wilden Kerle

Nach dem Essen stimmt Georgia ein altes byzantinisches Hochzeitslied an. Sie ist Tassos Verlobte, unterrichtet Musik am Gymnasium in Kalamata, und an den Wochenenden geht sie manchmal mit auf Tour. "Wach auf, mein Mann und Meister, liebkose den Leib deiner Frau, der biegsam ist und rank wie die Pinie", singt sie voll so berührender Zartheit, dass alle Gespräche verstummen. Als der letzte Ton verklungen ist, fangen die Gäste an zu klatschen, und Eleni hat Tränen in den Augen. "Efcharistó!", dankt sie der jungen Frau. Für einen Moment hat Georgia die Jugend der alten Eleni wieder auferstehen lassen an diesem lauen Abend. Ihre Erinnerung an die Liebe im Land der wilden Kerle.

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