HOME

Flüssigkeitsverbot gelockert: Das Chaos in Klarsichttüten

Die EU hat eine Lockerung des Flüssigkeitsverbots im Handgepäck beschlossen. Doch die Passagiere haben davon wenig bis gar nichts. Im Gegenteil: Durch die Änderung ist Chaos programmiert.

Von Till Bartels

Wer mit dem Flugzeug reist, verbringt immer mehr Zeit am Boden. Das Nadelöhr beim Fliegen ist die Sicherheitskontrolle. Wer glaubt, dass sich durch die nun beschlossene Lockerung des Flüssigkeitsverbots vom 29. April an die Warteschlangen an den Kontrollstellen verkürzen, dürfte enttäuscht werden: Die neue Regelung gilt ausschließlich für Transitpassagiere, die aus Nicht-EU-Staaten in die Europäische Union einreisen und zu einem Weiterflug aufbrechen.

Bis zum Jahr 2013 bleibt die umstrittene Regel in Kraft, dass Flüssigkeiten bis zu 100 Millilitern nur in transparenten Beuteln mitgeführt werden dürfen. Diese Maßnahme war als Konsequenz der im Sommer 2006 vereitelten Terroranschläge in London eingeführt worden. Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) werden an deutschen Airports noch immer täglich sechs Tonnen Flüssigkeiten einbehalten. Dies entspricht einem Warenwert von wöchentlich zwei Millionen Euro. "Seit Einführung des Flüssigkeitsverbotes ist bei den Fluggästen kein Lerneffekt eingetreten", so eine ADV-Pressesprecherin. Denn die Menge der einbehaltenen Flüssigkeiten sei über die Jahre nahezu konstant geblieben.

Da die Flüssigkeitsregelung gerade bei Umsteigepassagieren auf Unverständnis stößt, hat die EU eine zweistufige Änderung angekündigt. Demnach dürfen ab Freitag Fluggäste aus Drittstaaten, die in einem EU-Land umsteigen, eine Literflasche mit Wasser oder Spirituosen bei sich haben, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind: Die Flüssigkeiten, Parfüms, Tuben oder Sprays müssen in einem Duty-Free-Shop erworben und in einem "versiegelten und manipulationssicheren Plastikbeutel" verpackt sein. Zudem darf der Kaufbeleg nicht älter als 36 Stunden sein.

Nicht jedes EU-Land macht mit

Doch statt einer Erleichterung wird die Umsetzung eher für weitere Verwirrung sorgen, weil nicht alle EU-Länder die Neuregelung umsetzen. Laut Medienberichten wollen Großbritannien, Frankreich und Italien an der bestehenden Regel festhalten. Sie scheuen offenbar die Anschaffung neuer Durchleuchtungsgeräte, die erforderlich wären.

Das bedeutet, dass dem Briten, der aus Johannesburg über Frankfurt nach London fliegt, seine Whisky-Flasche nicht abgenommen wird. Dem Deutschen, der aus Südafrika über London nach Hause fliegt, aber schon. Der Hamburger EU-Abgeordnete Knut Fleckenstein (SPD) kritisiert die nur teilweise Umsetzung als eine "Mogelpackung".

In einer zweiten Stufe sollen 2013 die Mengenbegrenzungen für Flüssigkeiten fallen. Allerdings müssen die Inhalte auf ihre Unbedenklichkeit hin überprüft werden. Den Flughafenbetreibern ist dies ein Dorn im Auge. Denn nicht sie, sondern die Bundespolizei sind für die Kontrollen zuständig. Erst am heutigen Mittwoch hat die Bundespolizei ein neues technisches Verfahren in Berlin vorgestellt, mit dem verbotene Flüssigkeiten künftig entdeckt werden sollen.

Dabei handelt es sich um Geräte, die Flaschen, Tiegel oder Zahnpastatuben mit Laser beziehungsweise Elektromagnetwellen durchleuchten. Ab Freitag sollen sie bundesweit an deutschen Flughäfen mit Transitverkehr eingesetzt werden. Wann die Flüssigkeitsscanner europaweit zum Einsatz kommen und wie sich der zeitliche Aufwand der Sicherheitschecks erhöht, bleibt offen.

"Haben Sie Flüssigkeiten dabei?"

Flugpassagiere auf dem Weg zum Gate sind also weiterhin mit der Frage konfrontiert: "Haben Sie einen Laptop oder Flüssigkeiten dabei?" Der Flughafenverband ADV rechnet trotz der Lockerungen des Flüssigkeitsverbots eher mit "Beeinträchtigungen der Abfertigungsprozesse und des Passagierkomforts". Noch seien die genauen Folgen für die Passagierkontrollen nicht absehbar, "da eine Kontrolltechnik zum Einsatz kommt, die bislang in der Praxis noch nicht getestet wurde".

Der Test mit zwei Körperscannern am Hamburger Flughafen, die mit einer neuen Software um drei Monate verlängert wurde, hat schon bei den Personenkontrollen gezeigt, dass die vielen Fehlalarme aufwändiges Nachkontrollieren von Hand erfordern. Die Warteschlangen auf dem Weg zum Gate werden in Zukunft eher noch länger als kürzer.

Wissenscommunity