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Flugausfälle beim Billigflieger: Easyjet lässt Passagiere sitzen

Immer mehr Passagiere beklagen sich über den Billigflieger Easyjet. Häufig kommt es zu Flug-Annullierungen in letzter Minute oder Fluggäste gelangen erst Tage später ans Ziel. Easyjets Begründungen für die Probleme wirken fadenscheinig.

Von Till Bartels

Die fünfköpfige Familie Michaelsen aus Hamburg wollte von Berlin nach Barcelona fliegen. Doch aus dem Flug wurde nichts. Am Terminal in Berlin-Schönefeld hieß es auf der Anzeigetafel zwei Stunden vor der geplanten Startzeit: "Abflug Barcelona gestrichen". Gründe für den Ausfall wurden nicht genannt. Auch das Personal machte keine Angaben und kümmerte sich nicht um die gestrandeten Passagiere.

Die geplatzte Urlaubsreise der norddeutschen Familie ist kein Einzelfall. In diesem Sommer häufen sich Verspätungen und Stornierungen bei Easyjet in Schönefeld, wo der britische Billigflieger mit 31 Zielen sein größtes Drehkreuz außerhalb Großbritanniens betreibt. Im Durchschnitt werden ab Berlin 8200 Passagiere pro Tag befördert. Aber seit Monaten gehören erhebliche Verzögerungen zum Alltag von Easyjet.

Erst am vorletzten Wochenende fielen mehrere Flüge kurzfristig aus. Hunderte Passagiere hingen in Berlin fest. Wegen der Ferienzeit gestalten sich Umbuchungen auf den nächsten Flug als schwierig, weil fast alle Flüge ausgebucht sind. Nach Angaben des Online-Fachjournals airlines.de musste Easyjet Flüge in Berlin streichen, weil vor Ort nicht genug Personal bereit stand.

Easyjet unpünktlicher als Air Zimbabwe

Auch in anderen Ländern vergrault Easyjet immer mehr Kunden. Am Londoner Flughafen Gatwick ergab eine Statistik, dass über die Hälfte aller Flüge der Airline verspätet sind. "Easyjet unpünktlicher als Air Zimbabwe" titelte eine britische Zeitung daraufhin. Easyjet macht seit Monaten vor allem Streiks für die Probleme verantwortlich. Warum andere Airlines weniger Probleme haben, sagt Easyjet nicht und kündigte letzte Woche an, 20 Piloten und Flugbegleiter in Berlin neu einzustellen.

Die Frage, ob es an den Streiks liegt oder nicht, ist brisant. "Ein Streik ist höhere Gewalt, da muss die Airline keine Entschädigung zahlen", sagt Eva Klaar von der Verbraucherzentrale Berlin-Brandenburg, die zuletzt viele Beschwerden über Easyjet erreichten. Passagiere sollten stets kontrollieren, ob es tatsächlich einen Streik gegeben hat, rät sie. "Zudem klagen viele Passagiere über mangelnde Erreichbarkeit bei Beschwerden", sagt Klaar. Easyjet ist praktisch nur per E-Mail erreichbar, Antwort erhalten oft nur hartnäckige Kunden, die mit einer Beschwerde beim Luftfahrt-Bundesamt oder mit einem Anwalt drohen.

Proteste auf Facebook

Auf Facebook gibt es inzwischen eine Seite, die Fälle von Flugausfällen und Verspätungen bei Easyjet sammelt. Auch die Politik hat sich des Themas angenommen. "Bei Easyjet scheinen die Absagen Methode zu haben", erklärt Grünen-Fraktionsvizechefin Bärbel Höhn. Sie höre "laufend Beschwerden über dieses Unternehmen". Mehr Rechte für die Kunden seien nötig. "Dann würde auch Easyjet seine Kapazitäten anders planen und weniger Flugausfälle riskieren." Bisher gibt es allerdings keine Statistiken darüber, wie groß das Ausmaß der Verspätungen und Flugausfälle ist. So hat das Luftfahrt-Bundesamt in Braunschweig zwar Klagen über Easyjet erhalten. Es prüft dann, ob in dem konkreten Fall ein Bußgeld gegen die Airline verhängt werden kann. Ob es bei Easyjet zu besonders vielen Beschwerden gekommen ist, darüber gibt es laut der Behörde keine Zahlen.

Airline-Gründer droht mit Entzug des Namens

Doch nicht nur von Seite der Kunden ist Easyjet unter Druck. Auch dem Mann, der die Airline vor 15 Jahren gegründet hat, ist der Geduldsfaden gerissen: Der aus Zypern stammende Easyjet-Gründer und Großaktionär Stelios Haji-Ioannou, der sich aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hat, drohte in einem Brief an das Top-Management, der Fluggesellschaft den Markennamen "Easy" zu entziehen. Haji-Ioannou, der inzwischen ein Easy-Imperium mit Hotels, Kinos und Autovermietungen betreibt, lässt dem Unternehmen dafür Zeit bis Oktober. Bis dahin muss Easyjet nach seinem Willen "auf die höchsten Standards in der Flugbranche" gebracht werden. Dass ihm das Thema ernst ist, zeigte sich schon im Juni. Damals musste auf seinen Druck hin der damalige Easyjet-Chef Andy Harrison ausgewechselt werden. Airline-Gründer Haji-Ioannou warf ihm dabei öffentlich vor, für einen "Verfall der Kundenservice-Standards" beim Billigflieger verantwortlich zu sein.

Familie Michaelsen erreichte Barcelona letztlich doch noch. Allerdings nicht mit Easyjet. Weil sich das Bodenpersonal in Berlin-Schönefeld nicht verantwortlich fühlte und weder eine Umbuchung noch eine Hotelübernachtung anbot, fuhren sie mit der Bahn zurück nach Hamburg, buchten kurzfristig bei der Konkurrenz fünf Flüge aus eigener Tasche und landeten am übernächsten Tag in Barcelona. Ihr Fazit: "Nie wieder Easyjet."

mit AFP

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