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La Gomera: Etwas verrückt, aber richtig nett

Viele Hippies hatten hier in den Siebzigern ihre blumige Zeit. Heute ist La Gomera eins der Lieblingsziele deutscher Wanderer, die in den Bergen auf Trekkingtour gehen - besonders in der Winterzeit.

Am Playa del Inglés sehen die Leute aus, als hätte man ihnen Stechapfel Êextrakt in die Cola geschüttet. Nackt. Pudel-splitter-nackt. Der schwarze Strand liegt etwas abgelegen vom Touristenort Valle Gran Rey und ist im Laufe der Zeit zur inoffiziellen FKK-Zone mutiert. Einheimische hat das vergrämt. Keine kanarische Familie fühlt sich unter blanken Teutonen wohl. Egal. Es gibt noch andere Strände im Tal des Großen Königs, wo es katholischer zugeht. Und außerdem hätte, gäbe es die Fremden nicht, schließlich kaum ein Gomero Geld für seinen Seat Cordoba, mit dem er sonntags an die Playa brummt. Von Bananen allein kann so eine Insel nicht leben.Was das Ganze mit Stechäpfeln zu tun hat? Ach ja: Laut Caroline, unserer Wanderführerin von Gomera Trekking Tours, sollten hübsche, allein reisende, junge Frauen auf der Insel ihre Getränke scharf im Auge behalten. Männliche Insulaner ständen im Ruf, ihnen gern mal heimlich besagten Extrakt unterzujubeln, welcher frauenseitig einen spontanen Drang zum Abwurf sämtlicher Klamotten auslösen soll. Wer diese Wander- beziehungsweise Wanderer-Legende ersonnen hat, bleibt so nebulös wie manche Inselschlucht an trüben Tagen. Auf Gomera, einem Dorado allein oder zu zweit reisender Frauen, ist da ein Zusammenhang möglich, den man Wunschdenken nennt.

Ach, es tratscht sich herrlich beim Wandern. Über die Insel, ihre Gäste, die Einheimischen und Zugereisten, die sich auf diesem etwas anderen Ferieneiland eingenistet haben. Die Verhältnisse sind transparent. Pauschaltouristen, Individualreisende und Residenten sprechen eine gemeinsame Sprache. Gomera ist die germanisierteste Insel der sieben Kanaren. Wer etwa an der Roten Wand kraxelt, einem spektakulären Felsenhang hoch über dem Vorzeigedörfchen Agulo, grüßt Entgegenkommende nicht mit Hola! oder Hello!, sondern mit Hallo! Denn er wird meist Landsleuten begegnen, im Winter jedenfalls. Im Sommer besuchen auch viele Festlandspanier das runde Vulkangebilde neben Teneriffa, von dem Kolumbus einst nach Indien aufbrach - wie er wähnte.Zum Wandern ist Gomera ideal. Dunkle Lavaberge, rote Lehmschluchten, grüne Terrassenkulturen und ein märchenhafter, bartflechtenbehangener, Unesco-geschützter Lorbeerwald bilden das Terrain. Wilde Schluchten punkten mit üppigem Palmenbestand - auf Gomera stehen mehr Palmen als auf allen anderen Kanareninseln. Von beinahe überall fällt der Blick auf den stahlblauen Atlantik. Vom Norden scheint Teneriffas mächtiger Teide-Berg ganz nahe. Die Touren, exzellent ausgeschildert, sind leicht bis mittelschwer zu bewältigen, auf eigene Faust oder als geführte Wanderung. So kommt es, dass im Touristenzentrum Valle Gran Rey der Standardgast ein Deutscher ist, ausgestattet mit schicken Alu-Wanderstöcken und einem leichten Eastpak-Rucksack.Das war mal anders. In den blumigen Siebzigern wogen die Rucksäcke der Besucher schwer. Struppige Hippies und ziegenbärtige Jungaussteiger bevölkerten das Königstal. Wandern tat keiner von denen, dafür waren sie Meister in der Disziplin, schultütengroße Joints zu bauen.

Später stießen die Ahnen von Florida-Rolf dazu, die Gomera-Rosis. Alleinerziehende Mütter, die sich mit den Überweisungen des Ex oder des Arbeitsamtes einen lauen Winter auf Gomera machten. Auf der Terrasse der legendären Kneipe Casa Maria studierten sie feministische Pamphlete und schauten stolz zu, wie ihre Kleinen (Inseljargon: "Ätz-Zwerge") anderen Gästen Getränke in den Kragen gossen oder sie mit Nutella beschmierten.Die letzte grosse Heimsuchung der Insel hieß Otto Mühl. Der österreichische Blut & Hoden-Künstler zog in der abgeschiedenen Bucht von El Cabrito eine Sex-kommune auf, in der er den Verkehr per Computer regelte. Doch Anfang der Neunziger landete "Schweine-Mühl" wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im Knast. Finito war's mit "Sodom und Gomera" - so der Titel einer damaligen stern-Reportage.

"Jetzt haben wir hier eine prima Mischung", findet Claus Heinrichs. "Stammgäste, Ottos und die Typen aus der Schweinebucht." Ottos, das sind nach seiner Diktion Pauschaltouristen, Schweinebuchtler der schüttere Rest der Hippie-szene. Letztere haust in Höhlen nahe des Hafens, aus denen die Guardia Civil sie einmal im Jahr quasi rituell vertreibt. Kurz danach zieht sie wieder ein. Es handelt sich um Überbleibsel einer untergegangenen Welt, die den Touristen beim Sonnenuntergang am Strand was vortrommeln. Irgendwie rührend. Wie jene japanischen Soldaten, die noch ewig auf Südseeinseln hocken blieben, nicht ahnend, dass der Krieg längst vorbei war.Heinrichs, 65, überall bekannt als Capitano Claudio, veranstaltet Bootstouren, Wal- und Delfinsichtung mit etwas Glück inklusive. Der Essener sagte seinem gut dotierten Job als Werber, PR-Mann und Schlagertexter zeitig tschüs, kreuzte ein Jahrzehnt oder so mit seinem Segelboot in tropischen Gefilden und landete 1985 mit seiner spanischen Frau auf Gomera. Im Büro im Valle, wo sich halbwilde Katzen am Futterautomaten diszipliniert anstellen wie Kunden an der Aldi-Kasse, verrichtet er auch jene Arbeit, die ihm ans Herz gewachsen ist. Er schreibt unter Pseudonymen fast alle Artikel des "Valle-Boten", der laut Impressum "nach Bock- und Wetterlage" erscheint. "Wunderbar, ein eigenes Blatt zu haben, wo einem kein Verleger oder Chefredakteur reinquatscht", schwärmt der Capitano. Die Inselgazette war ursprünglich bloß Werbeträger für seine Bootsausflüge. Jetzt erscheint sie viermal im Jahr, verkaufte Auflage mehr als 5000 Exemplare.Wer den Boten nicht kennt, war nicht wirklich auf Gomera. Heinrich kocht eine scharfe Gerüchteküche. Unter Rubriken wie "Neues aus Deutsch-Südwest" wird akribisch notiert, wer wieder mal wo besoffen in die Kakteen fiel oder wo die "gomerische Schneckenkrankheit" grassiert (eine ansteckende Unlust am Service, welche neu auf die Insel kommende, anfänglich hoch motivierte Arbeitskräfte virusgleich befällt). Ottos und Freaks werden gleichermaßen veräppelt, und Artikel wie "Putzfrau unter Palmen" beleuchten "gomerische Traumkarrieren" von Residentinnen, die sich mit Pseudoberufen wie Astro-Orakelei, Shiatsu-Kneten oder Tibetan-Eye-Reading mittlerweile nur mehr mühsam über Wasser halten. Claudio kennt das ganze Bestiarium der Insel.Dass viele der lange ansässigen Deutschen hier in einer Parallelgesellschaft leben, der spanischen Sprache kaum mächtig, dafür versorgt mit "Bild", RTL und Amigo Alk, das alles liefert dem Capitano Stoff für saftige Glossen. Vor allem wird er nicht müde, die Bauwut der Zementmafia zu geißeln. Die neue Riesenmole am Hafen, an der Autofähren anlegen sollen, scheint ihm ein Menetekel. "Noch mehr Tourismus und Ellbogenmentalität braucht die Insel nicht", zürnt er.Ob diese Sicht denn nicht doch etwas insulär verengt ist? Es stimmt, dass Gomera mit rund 100 Millionen Euro Subventionen aus dem EU-Regionalhilfefonds "EFRE" ein groteskes Buddel-, Bagger- und Planierprogramm veranstaltet. Bis in die winzigsten Örtchen ziehen sich neue, breite Straßen. Tunnel werden in Felsen gesprengt, Hügel abgetragen. Und in Valle Gran Rey haben Apartmentanlagen so manche Bananenplantage geplättet - Tendenz anhaltend.

Doch das ganze Gewerke hat - noch - ein menschliches Maß. Es gibt weder Hochhäuser noch Einkaufszentren wie auf den großen Nachbarinseln. Außerhalb von ein paar Ferienzentren spielt der Fremdenverkehr kaum eine Rolle. Wer von Los Cristianos auf Teneriffa mit der Fähre nach San Sebastián de la Gomera schippert, weiß, wie brutalstmöglicher Massentourismus ausschaut. Da kommt ihm Gomera umso provinzieller, herzerfrischender vor. Und das wird auch so bleiben. Die Abwesenheit von opulenten Stränden und eines internationalen Flughafens hält Massen zuverlässig fern.Zwar besitzt Gomera seit einigen Jahren einen Flugplatz. Er liegt bei Playa de Santiago, wurde gefördert mit zehn Millionen Euro aus EU-Töpfen und ist die kanarische Antwort auf Schilda. Die Piste zu kurz, um Jet-tauglich zu sein, wird er täglich von ein paar Kleinflugzeugen frequentiert, die nach Gran Canaria und Teneriffa starten oder von dort kommen. Es handelt sich um den schmucksten Mini-Airport Europas, mit viel Marmor und Edelholz. Palmen und Springbrunnen veredeln die Halle, und die Eingangsfront aus Naturstein könnte ein Pharaonengrab schmücken. Nur leider, leider möchte hier so gut wie niemand landen. Eine Tafel in der Halle verkündet zweisprachig: "Der Flughafen schließt um 18.15 Uhr." Alles wie einst: Was auf Gomera passiert, kommt einem manchmal etwas irre vor.Aber dabei nett. Sehr nett. Jeden Abend um sechs Uhr versammelt sich in Valle Gran Rey am Kieselstrand vor der Casa Maria das durchmischte Völkchen der Sonnenanbeter. Ottos in zünftigen Sandalen und weißen Socken, coole Dreitagebärtige in Timberlands und lässigen Leinenshorts, ineinander verkrallte Verliebte, meditativ Dreinguckende im Schneidersitz, Erleuchtete und Unterbelichtete.Hier läuft lebendige Inselfolklore. Was sollen wir dagegen mit der in jedem Reiseführer ausgewalzten Pfeifsprache El Silbo, mit der sich die Einheimischen irgendwann über die Schluchten hinweg verständigten? Taugt im Handyzeitalter gerade noch für eine Club-Show. Man holt sich bei Maria einen Cortado, einen Veterano oder ein Dorada-Bier und lässt sich von den Trommlern der Schweinebucht behämmern. Unterdessen fällt der Sonnenball immer rascher, verschwindet abrupt und knallt dann von unten in die Schönwetterwolkenstreifen, dass es eine Wucht ist. Die hochgerühmten Sunsets am Strand von Kuta auf Bali - die sehen dagegen echt blass aus.

Wolfgang Röhl / print

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