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Mitwohnzentralen: Da legst di nieder

Wer keine Lust mehr auf 08/15-Hotels hat, kommt auch gut anders unter: Onlineplattformen wie Airbnb.com vermitteln schicke Schlafplätzchen von privat - und wenn's nur eine Luftmatratze auf dem Küchenboden ist.

Von Anna Massing

Erstmal ist ja immer alles wahnsinnig aufregend: Die Bahnfahrten, die Flüge. Abendessen im Restaurant, morgens immer Frühstücksbüffet mit Rührei aus der Messingkanone. Und dann nach Feierabend: ab ins Hotel, auf dem Bett liegen, Flatscreenfernsehen kucken. So weit, so gut - bis einem der Außendienst als Daseinsform irgendwann auf den Zeiger geht. Vor allem das Leben in Hotels. Denn die bieten zwar Komfort und eine Minibar, sehen am Ende aber doch alle ziemlich gleich aus.

Für mutigere Reisende gibt es eine Alternative, bei der man sich nicht mit unpersönlichen Zimmern und ockergelben Nasszellen zufriedengeben muss. Über Mitwohnzentralen im Internet können Touristen und Businessreisende private Unterkünfte mieten - je nach Komfortbedürfnis vom einfachen Gästezimmer mit Klappcouch bis zum Himmelbett im Erkerzimmer.

Aus "Airbed and Breakfast" wird "Airbnd"

Ein bisschen wie eine Mischung aus Facebook und hrs.de sieht zum Beispiel die Internetplattform Airbnb.com aus, wo Privatleute Wohnraum zur Verfügung stellen. Für Städte wie New York, Paris oder Berlin sind es bereits mehrere Tausend Anbieter. Joe Gebbia, Brian Chesky und Nathan Blecharczyk gründeten die Website vor drei Jahren in San Francisco. Als während einer Veranstaltung in der Stadt alle Hotelzimmer belegt waren, boten sie in ihrem Loft ein paar Luftmatratzen als Schlafplätze an - und ließen sich vom Erfolg dieser Aktion dazu inspirieren, ein Unternehmen zu gründen. In Anlehnung an die Luftmatratzen entstand "Airbed and Breakfast", kurz: Airbnb.

Auf dieser Plattform gibt es mittlerweile Unterkünfte in 8000 Städten in über 160 Ländern. Zum Teil sind Baumhäuser dabei, Iglus oder Leuchtturmkämmerchen, und natürlich gibt es auch die klassische Luftmatratze in der Küche zu mieten. Man kann aber auch ganz normal ein Schlafzimmer in einer Hamburger Stadtwohnung buchen. So wie bei Holger, der seinen kompletten Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sucht man in Hamburg ein Quartier, taucht er in der Ergebnisliste ganz vorne auf.

Mehr Charme als in den meisten Hotelzimmern

"Ich glaube, ich war einer der Ersten, die über Airbnb ein Zimmer in Hamburg angeboten haben", sagt er. Das ist jetzt anderthalb Jahre her. Seitdem haben Besucher aus aller Welt bei ihm übernachtet: Italiener, Chinesen, Kanadier. Viele kommen als Touristen. "Aber es gibt auch welche, die geschäftlich unterwegs sind", sagt Holger. "Manche haben in der Stadt ein Vorstellungsgespräch, einige Selbstständige, die in der Gegend einen Auftrag hatten, waren auch schon bei mir."

Das Zimmer bei ihm kostet 49 Euro die Nacht. Dafür kriegt man ein schwarz lackiertes Bett, einen braunen Kleiderschrank, einen Rattansessel und einen Röhrenfernseher. Besonders ausgefeilt ist das Design der 62-Quadratmeter-Wohnung natürlich nicht. Dafür besitzt sie mehr persönlichen Charme als die meisten Hotelzimmer mit Minibar und Wandföhn. Das Bad wird von allen genutzt, wer Frühstück möchte, darf sich am Kühlschrank bedienen. "Es passiert schon mal, dass man beieinander am Küchentisch sitzt, sich unterhält, und plötzlich kocht man zusammen Pflaumenmarmelade," sagt Holger. Genau diese familiäre Note macht das Privatzimmermodell populär.

Das Statthotel als Alternative zum Hotel

Etwas heimeliger wollte es auch Wiebke Rosin-Luigs für sich haben. Früher war sie viel im Außendienst und oft in Hotels unterwegs - bis sie die anonyme Atmosphäre der meisten Häuser störte. Aus dem Versuch, auf Reisen privat unterzukommen, machte sie eine Geschäftsidee: Die Agentur Statthotel.de entstand.

Ähnlich wie bei Airbnb kann hier jeder Nutzer Wohnraum zur Verfügung stellen oder anmieten, inzwischen schon seit 13 Jahren. Zu den Kunden gehören auch Firmen, die für ihre Angestellten Unterkünfte suchen. "Viele müssen einfach eine längere Zeit unterkommen. Gerade Arbeitskräfte aus dem Ausland oder Leute von Film und Fernsehen", sagt Rosin-Luigs, die in ihrer Kartei 2500 Vermieter in Hamburg, Berlin und München führt.

Geborgenheit in der Fremde

Und die Nachfrage für solche Unterkünfte ist verblüffend heftig. Daniela etwa vermietet über Airbnb ihr Gästezimmer in Frankfurt für 56 Euro die Nacht und ist damit gut ausgelastet. Wenn sie wollte, sagt sie, hätte sie für den Raum jeden Tag einen zahlenden Gast. Auch über die Motive ihrer Kunden macht sie sich Gedanken. "Man möchte einfach jemanden, der sich auskennt in der Stadt, der einem mal ein paar Tipps gibt. Wo man was essen oder trinken gehen kann."

Diesem Bedürfnis kommt sie als Zimmerwirtin entgegen, malt für ihre Gäste Stadtpläne oder fährt sie in gute Restaurants, die ein bisschen außerhalb liegen. Wenn sie jemand bittet, kocht Daniela auch schon mal ein Abendessen. "Ich glaube, manche Geschäftsleute sind ständig auf Reisen und haben Sehnsucht nach einem familiären Umfeld", sagt sie. "Die wollen nicht nur die durchgestylte Anonymität eines Hotels, sondern suchen einfach ein bisschen Geborgenheit."

Abgesehen von den Mieteinnahmen profitieren die Schlafplatzanbieter aber auch persönlich von ihren Gästen. "Mir macht es einfach Spaß, Leute aus anderen Ländern kennenzulernen, ihnen einen guten Aufenthalt zu bieten und nicht nur ein Dach überm Kopf", sagt Daniela. Wirklich schlechte Erfahrungen habe sie noch keine gemacht. Manchen alleinreisenden Geschäftsmännern muss sie allerdings deutlich machen, dass sie nicht mehr Dienstleistungen anzubieten hat als das Zimmer. "Das akzeptieren sie dann - wenn auch manchmal etwas enttäuscht", sagt sie. Auch Holger kann sich nicht über seine Gäste beklagen. Einmal allerdings hat ein Pärchen ein paar Möbel von ihm verrückt. "Die meinten wohl, es würde so schöner aussehen. War aber nicht tragisch. Hab ich eben wieder zurückgerückt."

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