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Nach Germanwings-Absturz Wie Flugkapitäne das Vertrauen der Passagiere zurückgewinnen wollen


Hat sich nach der Germanwings-Katastrophe das Berufsbild des Flugkapitäns verändert? Müssen Piloten jetzt regelmäßig zum Psycho-Test? Fragen an Jörg Handwerg von der Vereinigung Cockpit.

Herr Handwerg, steigen Piloten dieser Tage mit einem anderen Gefühl ins Cockpit?
Unser Berufsbild hat sich nicht geändert, eher bei dem einen oder anderen die Einstellung uns als Piloten gegenüber. Im Moment ist vielleicht ein gestörtes Vertrauensverhältnis der Passagiere zu spüren, weil sie verunsichert sind.

Begrüßen deshalb die Piloten jetzt häufiger die Fluggäste beim Boarding?
Da während des Fluges keiner mehr ins Cockpit darf, sind wir während des Flugs eher anonym unterwegs. Daher ist es wichtig, dass man die Person sieht, der man sein Leben anvertraut. Zwar haben wir während der Einstiegsphase im Cockpit vieles zu erledigen und nicht immer Zeit. Aber die Kollegen zeigen jetzt öfter ihr Gesicht, weil der erste Eindruck beim Betreten des Flugzeuges für das Vertrauen wichtig ist.

Haben Flugkapitäne ihre Ansagen geändert, wenn sie sich aus dem Cockpit melden?
Im Moment sitzt der Schock noch tief, und ich weiß, dass einige Kollegen die eine oder andere Variante sprechen. Aber das ist eine schwierige Gratwanderung. Wir sollten nicht den Verdacht fördern, dass es Anlass zu Misstrauen gibt.

Wird der jährlich anstehende Medical Check für Piloten zukünftig nicht nur physische, sondern auch psychische Aspekte stärker berücksichtigen?
Das kann ich mir schwer vorstellen. Denn auch Psychologen sagen, dass ein Kurzcheck wenig Aussagekraft hat. Man kann niemandem in den Kopf gucken. Wenn ein Proband es nicht will, lässt er sie nicht reinschauen. Anders ist es bei einer medizinischen Untersuchung mit eindeutigen Labor- und Grenzwerten. Doch was hilft eine psychologische Momentaufnahme? Es nützt nichts festzustellen, dass eine Person heute topfit ist. Aber wenn am nächsten Tag ein naher Angehöriger verstirbt oder jemand vom Partner verlassen wird, durchlebt dieselbe Person eine schwere Lebenskrise.

Zu Beginn der Pilotenausbildung gibt es beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) eine Grunduntersuchung inklusive Psychotests. Bleibt dort auch alles beim Alten?
Bevor man jemanden einstellt, wird man jetzt sicher intensiver hinschauen. Was hat er für eine Vorgeschichte, hat er uns alles erzählt? Nach der Ausbildung haben wir ein medizinisches System, in dem Erkrankungen vom Arzt diagnostiziert oder Piloten als gesund eingestuft werden. Aber überall, wo ein Mensch entscheidet, können auch Fehler passieren. Wenn ein Arzt feststellt, der oder diejenige ist geheilt, soll ein Unternehmen ihn dann noch ausschließen? Eine schwierige Frage.

Kann man sich für die anfängliche Eignungsprüfung auch coachen lassen?
Nein, nicht im Sinne des psychologischen Gesprächs. Es existieren allerdings standardisierte Trainingsprogramme mit Testaufgaben zur Vorbereitung, damit man weiß, was auf einen zukommt. Das war früher einmal anders. Aber inzwischen berücksichtigt auch der DLR, dass jeder ein Training absolviert hat.

Können sich Piloten bei psychischen Problemen an ihre Fluglinie wenden?
Es gibt genügend Hilfsangebote von den Airlines und der Vereinigung Cockpit. Denn das Luftfahrt Bundesamt kann nur entscheiden, ob jemand flugtauglich ist oder nicht. Wenn nicht, müssen sie ihm die Lizenz entziehen, was zum Arbeitsplatzverlust führen kann. Der Arbeitgeber dagegen hat mehr Möglichkeiten, kann ihn sofort aus der Fliegerei rausnehmen und einem Hilfsprogramm zuführen. Das wird auch so gelebt, wenn Probleme bekannt werden. Menschen mit gewissen Erkrankungen werden sofort rausgenommen, aber nicht rausgeschmissen. Man versucht, sie zu unterstützen. Erst wenn der Arzt sagt, wir sehen keine Heilungschancen mehr, dann ist der Punkt gekommen, wo die Lizenz dauerhaft erlischt und die Person aus dem Unternehmen ausscheidet.

Interview: Till Bartels

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