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US-Journalist deckt auf: Hunderte Passagiere fliegen haarscharf am Tod vorbei

Fast wäre es zum Supergau in der Luft gekommen. Nur durch die Reaktion eines Piloten wurde der Absturz zweier Boeing 757 vermieden. Das berichtet ein Passagier. Doch wie groß war das Risiko wirklich?

Von Till Bartels

Eine Boeing 757 von United, die von der US-Westküste auch mehrere Ziele auf den Hawaii-Inseln anfliegt.

Eine Boeing 757 von United, die von der US-Westküste auch mehrere Ziele auf den Hawaii-Inseln anfliegt.

Der Zwischenfall ereignete sich in 11.000 Metern Höhe über dem Pazifik. Plötzlich werden die Passagiere in ihre Sicherheitsgurte gedrückt, auf den Klapptischen verrutschen die Tabletts, Gegenstände purzeln durch den Mittelgang. Das Flugzeug taucht ruckartig in die Tiefe, viele der Fluggäste kreischen panisch.

An Bord der Boeing 757-300 der United Airlines, die sich auf dem Weg von Hawaii nach Los Angeles befand, war auch Kevin Townsend. Jetzt hat der Journalist den Vorfall, der sich am 25. April ereignete, auf der Website medium.com unter dem reißerischen Titel "Two weeks ago, I almost died in the deadliest plane crash ever" veröffentlicht.

Townsend erinnerte der unerwartete Luftsprung von Flug UA 1205 eher an das Flugmanöver eines Kampfjets. Schon kurz darauf meldete sich ein Flugbegleiter über die Lautsprecher: "Der Pilot machte ein Ausweichmanöver" und kündigte als Entschädigung für alle Passagiere an, dass das Bordunterhaltungsprogramm ab sofort kostenlos zur Verfügung stehe.

Zwei Boeings 757 kommen sich gefährlich nahe

"Etwas Schlimmes musste passiert sein. Etwas wirklich Schlimmes und Ungewöhnliches", orakelte Townsend. Nach der Ankunft begann er zu recherchieren, kontaktierte die US-Luftfahrtbehörde FAA und entdeckte auf der Website flightaware.com auch das Höhenprofil des Fluges: Um genau 13.15 Uhr verließ Flug UA 1205 für einen kurzen Moment die Reiseflughöhe um 200 Meter.

Doch welchem Flugobjekt musste der Boeing 757, in der er saß, ausweichen? Zu jenem Zeitpunkt befanden sich zwei Passagiermaschinen von US Airways in der Nähe auf Gegenkurs: Flug US 663 von Phoenix nach Kailua auf Kona/Hawaii und Flug US 692 von Phoenix nach Honolulu. Doch nach Angaben von Townsend möchte sich US Airways zu dem Vorfall nicht äußern.

Supergau der zivilen Luftfahrt

Hätte der United-Pilot, der vom Traffic Alert and Collision Avoidance System (TCAS) im Cockpit gewarnt wurde, nicht blitzschnell reagiert, wäre es zur möglichen Katastrophe über dem Pazifik gekommen, so Townsend. Er berichtet in seinem Beitrag ausführlich über die schlimmsten Flugzeugabstürze, die es je gegeben hat, und möchte sogar den Superlativ überbieten: den Zusammenstoß zweier Jumbojets auf dem Flughafen von Teneriffa im Jahre 1977, als 583 Menschen ums Leben kamen.

In seinem möglichen Fall spekuliert Townsend mit 590 Toten. Doch bei diesem Zahlenspiel übertreibt der Journalist. Nach seinen Angaben befanden sich an Bord der Maschine 295 Passagiere, und so verdoppelt er einfach die Zahl auf 590 Opfer. Dabei können sich in seiner Boeing nicht mehr als 213 Passagiere plus Besatzungsmitglieder befunden haben, wie ein Blick auf die Flug- und Sitzpläne von United für eine Boeing 757-300 ergibt.

Zwar handelt es sich bei den in Frage kommenden Flügen von US Airways auch jeweils um die Boeing 757, doch um die kürzere Version: Die Boeing 757-200 fasst laut US Airways nur zwischen 176 und 190 Fluggäste, sollten alle Plätze belegt sein. Statt den 590 möglichen Toten wären aber immer noch mehr als 400 Menschenleben betroffen gewesen.

TACS verhindert Katastrophen

Dass es doch nicht über dem Pazifik zum Supergau kam, verdanken die Flugpassagiere nicht nur der schnellen Reaktion des United-Piloten, sondern auch dem bereits erwähnten TCAS. Dieses automatische Kollisionswarnsystem ist in jedem Flugzeug ab einer Abflugmasse von 5,7 Tonnen in Europa und in Maschinen ab zehn Sitzen in den Vereinigten Staaten obligatorisch.

Zur Einführung dieses Frühwarnsystems kam nach es einem verheerenden Absturz zweier viermotorigen Propellermaschinen über dem Grand Canyon im Jahre 1956, als alle 128 Passagiere ums Leben kamen. Die TACS-Software wurde im Laufe der Jahre immer mehr verbessert. Wie häufig das System in der Zivilluftfahrt schon Leben gerettet hat, wissen wir nicht. Nur wenn es zu einem heftigen Ausweichmanöver in letzter Sekunde kommt, wie es Kevin Townsend an Bord des United-Fluges erlebte, erfahren wir von der lebensrettenden Funktion des TACS.

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