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Südafrika auf der ITB: Fußball-WM im Gangster-Paradies?

"Alles ist möglich." Das Motto Südafrikas ruft Spötter auf den Plan. Die halten es auch für möglich, dass die Fußball-WM 2010 wegen fehlender Stadien und hoher Kriminalität abgesagt werden muss. Südafrikas Tourismus-Minister erläuterte stern.de, wie das Land die Probleme in den Griff bekommen will.

Von Jens Maier, Berlin

"Ich hörte den Typen die Pistole durchladen und sagen: 'Ich blas Dir das Hirn weg.'" Der kriegserprobte Afrikareporter des amerikanischen Senders CNN, Jeff Koinange (41), hat vor wenigen Tagen in Johannesburg "einen der schlimmsten Augenblicke seiner journalistischen Karriere" erlebt. Vor dem CNN-Studio in der südafrikanischen Metropole hatten vier Bewaffnete ihn und seine schwangere Frau Ende Februar abgefangen und ausgeraubt. Dass beide unverletzt blieben, war reines Glück. Die Polizei sei erst eine knappe Stunde später eingetroffen, die Wachleute am Gebäude hätten nicht reagiert, berichtete die "Sunday Times" auf ihrer Titelseite.

Negativ-Schlagzeilen wie diese machen Marthinus van Schalkwyk, dem Minister für Tourismus in Südafrika, derzeit das Leben schwer. Seine Marketing-Maschinerie für die Fußball-WM 2010 gerät durch immer neue Meldungen über Gewaltverbrechen und Ärger beim Stadionbau ins Stottern. Eine Absage der WM käme für das Land einer Katastrophe gleich. Auf einer Pressekonferenz auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB) erklärte der Minister stern.de, wie der Kap-Staat die Probleme in den Griff bekommen will.

Stadien sollen bereits 2009 fertig sein

"Wir liegen voll im Zeitplan", versuchte Schalkwyk Fragen nach unfertigen Stadien im Keim zu ersticken. Die geplanten Bauten seien "an jedem Ort und mit jedem Datum vor dem WM-Zeitplan". Bereits zum Confederations-Cup 2009 könnten alle fünf neuen Stadien eingeweiht werden. Auch von Problemen beim Öffentlichen Nahverkehr wollte der Minister nichts wissen. "Wir sind eine Fußballnation und haben an jedem Wochenende Spiele. Zuschauer ins Stadion zu befördern ist für uns Alltag", erklärte der Minister.

Verzögerungen beim Baubeginn der Stadien und fehlende Transportmittel dürften zu Zeit ohnehin das geringste Problem Schalkwyks sein. Zehn Millionen Besucher sollen 2010 nach Südafrika kommen, davon 400.000 wegen der WM. Und alle erwarten vor allem eines: Sicherheit. Dabei ist die Kriminalität bereits heute eines der größten Probleme des Landes. In Südafrika sterben im Schnitt jeden Tag 50 Menschen eines gewaltsamen Todes. Mehr als 39.000 Morde oder Mordversuche pro Jahr, knapp 55.000 gemeldete Vergewaltigungen: Die Bilanz ist erschreckend.

119.000 Polizisten im Dienste der Sicherheit

"Wir nehmen dieses Thema sehr ernst", sagte Schalkwyk. Mit riesigen Investitionen will Südafrika die Gewaltwelle stoppen. "Wir werden jedes Jahr 11.000 neue Polizisten einstellen. Im Jahr 2010 können somit 119.000 Polizisten während der WM für Sicherheit sorgen", erläuterte der Minister die Pläne. Das Budget für den Polizeiapparat werde um 34 Prozent aufgestockt, das der Justiz sogar um 52 Prozent. Gleichzeitig wolle Südafrika eng mit anderen Fußballverbänden und sogar Geheimdiensten im Ausland zusammenzuarbeiten, um nicht nur die Kriminalität im eigenen Land einzudämmen, sondern gewaltbereite Fans und Hooligans fern zu halten.

Schalkwyk räumte allerdings ein, dass es eine hundertprozentige Sicherheit nicht geben könne. "Wir haben es hier mit einem weltweiten Problem zu tun", sagte er. In jeder Metropole der Welt gebe es Gewaltverbrechen und Stadtteile, in denen die Sicherheit von Touristen nicht gewährleistet werden könne. Als Beispiel nannte Schalkwyk Washington, wo er bei einem Aufenthalt vor "No-Go-Areas" gewarnt worden sei. "Aber sie können versichert sein, dass wir alles Nötige tun werden, um die Spiele so sicher wie möglich zu machen."

Fifa erhöht Druck auf Südafrika

Dass dem Minister nur noch wenig Zeit bleibt, um seine Versprechen umzusetzen, weiß er selbst. Sollte der Weltfußballverband (Fifa) zu dem Schluss kommen, dass in Südafrika keine sichere WM abzuhalten ist, wird er spätestens Ende nächsten Jahres die Reißleine ziehen. Der Geschäftsführer des internationalen Kreditversicherers Coface, Malcolm Guest, wies erst vor wenigen Wochen auf die Gefahr einer Absage hin: "Es würde keinen Sinn machen, eine WM in Südafrika abzuhalten, sollte es Risiken für Leib und Leben der Besucher geben."

Die USA sollen bereits Interesse angemeldet haben, die WM-Ausrichtung 2010 zu übernehmen. Das käme nicht nur für Südafrika einer Katastrophe gleich. Der Tourismus ist der wichtigste Industriezweig des Landes und Konjunkturmotor. Der Image-Schaden einer Absage wäre über Jahre hinaus nicht wieder gut zu machen. Und zwar nicht nur für Südafrika, sondern für den ganzen Kontinent Afrika.

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