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Südtirol: Abseits aller Pfade

Den Berg hinauf, den Berg hinab - aber bitte nicht dort, wo all die anderen unterwegs sind! Spurengeher finden auf Hochtouren das Glück nur im unberührten Schnee.

Von Johannes Schweikle

elch ein Anblick hier oben am Gletscherbruch! Mächtige Zacken ragen ins Nichts, das Eis ist glatt und hart, dazwischen spannen sich Brücken aus Schnee, manche so filigran wie Seidengespinst, andere so stabil, dass wir gefahrlos drauftreten können. François staunt: "Wir sind ja so richtig im Gebirge!"

Der Arzt aus Grenoble hat zu Beginn seiner freien Woche die Kreditkarte eingesteckt, die Ski aufs Auto geschnallt und ist durch den großen Tunnel nach Italien gefahren. Auf einer Karte entdeckte er den Ortler und erinnerte sich, dass Freunde von ihren Skitouren rund um den höchsten Berg Südtirols geschwärmt hatten. In Sulden dann schloss er sich dem Bergführer Toni an. "Du bist also der Franz", sagte Toni.

Im Hochwinter hatte François noch der Vernunft gehorcht. Weil viel Schnee gefallen und die Lawinengefahr groß war, widerstand er der Versuchung des Pulverschnees und blieb auf den Pisten. Aber jetzt, im Frühjahr, hat sich die Schneedecke gesetzt, und den Tourengeher locken die gesamten Alpen. "Mein Lieblingsgebiet? Da, wo der beste Schnee liegt!", sagt François.

Die Bergsteiger des Winters

Tourengeher sind so etwas wie die Bergsteiger des Winters. Sie bewegen sich dort, wo es weder Pisten noch Seilbahnen gibt. Ihre Ski sind leichter und weicher als Carvingski, die Bindung gibt beim Aufstieg die Ferse frei, und im steilen Gelände lässt sich eine Steighilfe unter die Hacke schieben. Die Tourenstiefel sind beweglicher als die harten Plastikmonster für die Piste, und weil die letzten Meter auf den Gipfel meist zu Fuß zurückgelegt werden, haben sie Profilsohlen aus Gummi. Steigfelle verhindern, dass die Ski beim Aufstieg zurückrutschen. Auf dem Gipfel werden sie in den Rucksack gesteckt.

Bis dahin sind es noch zwei Stunden. Die Suldenspitze ist 3376 Meter hoch, der Aufstieg erfolgt in unendlichen, gleichförmigen Bewegungen - wie eine dynamische Meditation: Der Körper findet seinen Rhythmus, die Schritte werden immer leichter. Die Außenwelt verschwindet zusehends, der Tourengeher hängt seinen Gedanken nach.

Am Eisseepass zieht Nebel auf. Der Wind treibt die Feuchtigkeit in Schwaden den Berg entlang. Im diffusen Licht ist nicht mehr zu erkennen, ob es vor uns auf- oder abwärtsgeht. Schleierhaft, wie Toni den Weg zum Gipfel finden will. "Die Richtung im Kopf, das Gelände in den Beinen", sagt er und stapft weiter, ohne Kompass oder sonstige Hilfsmittel. Seine Locken haben Raureif angesetzt, Heike mit ihrer pelzbesetzten Kapuze sieht aus wie die Teilnehmerin einer Arktis-Expedition.

Sie kommt aus Hamburg, und zusammen mit ihrem Mann Ingo wagt sie sich in dieser Woche zum ersten Mal über die Piste hinaus. Beide haben jahrelang in Norwegen gelebt und schwärmen noch immer von der Weite der Landschaft, die sie dort auf Langlauftouren erlebt haben. Jetzt wollen sie diese Erfahrung in den Alpen machen, wo es steile Berge gibt. Toni hat mit ihnen einen kleinen Lawinenkurs gemacht und gezeigt, wie man mit dem Ortungsgerät einen Verschütteten findet und ausgräbt. Vor jeder Tour kontrolliert er, ob auch alle ihren Lawinen-Piepser am Körper tragen und eingeschaltet haben.

Die Tücken des Skilaufs im wilden Gelände hat Ingo gestern zu spüren bekommen, bei der Abfahrt vom 2813 Meter hohen Hintergratkopf. Der Schnee konnte sich nicht entscheiden, ob er zu tragfähigem Firn ge-frieren oder zu matschigem Sulz tauen sollte. Da war es bei den Schwüngen auf dieser wechselhaften Unterlage schwer, das Gleichgewicht zu halten. Heike fuhr im Pflug, wie sie das auf der Piste seit Jahren nicht mehr getan hat, Ingo entschied sich gleich für die Höchststrafe des Skifahrers: Er kam in Spitzkehren den Hang herunter. "Ich bin da völlig schmerzfrei", sagte er schwitzend.

Heute sieht das ganz anders aus. Auf der Suldenspitze ist gerade mal das verrostete Gestell einer Artilleriekanone zu erkennen. Im Ersten Weltkrieg verlief am Ortler die Front zwischen Österreich und Italien, statt eines Kreuzes markiert die Kanone den Gipfel. Der Rest der Welt ist im Nebel verschwunden. Aber der wird auf wundersame Weise zu unserem Gehilfen: Er nimmt der Abfahrt die gähnende Tiefe. Ingo meistert den langen, steilen Hang ohne Spitzkehre. Dafür legt François einen spektakulären Sturz hin: Er fährt so sehr in Rücklage, dass er mit jedem Schwung schneller wird, bis er irgendwann die Kontrolle verliert. Beide Ski schwirren durch die Luft, sodass die orangefarbene Lauffläche zu erkennen ist. Aber François rappelt sich bestens gelaunt aus dem weichen Pulverschnee. "Ein Skandal, dass hier keine Pistenraupe fährt!"

Der schönste Eisgipfel der Alpen

Im Verlauf der Tourenwoche besteigen wir den 3769 Meter hohen Cevedale. Fünf Stunden geht's bergauf, hundert Meter unter dem Gipfel schnallen wir die Ski ab und balancieren auf einem schneeverwehten Grat vollends hinauf. Wir sehen aus verschiedenen Perspektiven die Königsspitze in den Himmel ragen: eine weiße Pyramide, die Nordwand schimmert wie Titan im Sonnenlicht, nicht nur für Reinhold Messner der schönste Eisgipfel der Alpen.

Auf der Casati-Hütte hören wir Meldungen aus einer anderen Welt: Auf 3269 Meter Meereshöhe sitzen wir bei Spaghetti con aioli, auf dem Ofen trocknen die Handschuhe, und das Radio bringt den Verkehrsfunk vom Brenner. Ingo sagt über die gemeisterten Touren: "Ich bin an meine Grenzen herangeführt worden." Er strahlt, zufrieden und rot von der Sonne.

Bei der Abfahrt ins Martelltal sind Nebel und Spitzkehren vergessen. Das Panorama reicht im Norden bis zur Silvretta, unten deutet der Vinschgau mit seinen Apfelbäumen das Grün des Frühlings an. Auf dem Ortler glänzt ein Eispanzer, lediglich der Berg mit dem schönen Namen Hasenöhrl wird von einer Wolke verdeckt.

Der Wind hat den Schnee zu einer festen Unterlage gepresst, fast so bequem zu fahren wie eine Piste. Darauf liegen zehn Zentimeter watteweicher Pulverschnee. François steht noch oben am Grat, seine Skispitzen ragen steil in den Himmel. Die Gruppe wettet, wie viele Schwünge er diesmal schafft, bis er liegt. Auf halber Höhe schauen wir noch einmal den Hang hoch. Unsere Spuren ziehen sich als gleichmäßiges Zopfmuster durch den Schnee, keine Zacken oder Kuhlen durchbrechen die Linien. Neben uns ragen unberührte Gletscher in den Himmel. "Ich liebe dieses Gefühl", sagt François, "wenn ich so klein bin und der Berg so groß ist."

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