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Venedig: Träumen im Palazzo

Wie es sich wohl anfühlt, in einem der prachtvollen Paläste von Venedig zu wohnen? Besucher der Stadt können das jetzt erleben, zum Beispiel bei einen Kurztrip im Herbst. Denn immer mehr Besitzer öffnen ihr Palais zu feinstem Bed & Breakfast für Urlauber mit Stil.

Du schlägst die Augen auf und schaust in den Himmel. Zarte Wölkchen schweben da, auf denen sich gut gebaute Männer nackt um eine Schöne rekeln. Sie trägt blauen Samt, das Haar verhüllt. Die Gottesmutter? Unmöglich, zu lasziv ist ihre Pose, auch das Jesulein fehlt. Pure Sinnlichkeit verströmt das Deckenfresko hoch über dir, und ganz unwillkürlich beginnst auch du dich jetzt auf der herrschaftlichen Schlafstatt aus Kirschholz zu rekeln. Reinleinene Bettwäsche streift über die Haut, du reckst die Arme, und deine Fingerspitzen berühren die kühle Seidentapete, mit der fast alle Säle hier im Palazzo Malipiero ausgeschlagen sind. Einmal in einem der Märchenpaläste im Herzen Venedigs wohnen, lange hast du davon geträumt. Und nun, seit immer mehr Eigner den Erhalt ihrer musealen Palazzi mit Bed & Breakfast der Edelvariante finanzieren, gibt es diese filmreifen Alternativen zu den engen, kaum bezahlbaren Hotelzimmern an der Lagune. Im Palazzo Malipiero hast du mit ungläubigem Staunen einen ganzen Flügel bezogen, mit Zimmerfluchten, in denen bequem eine Fußballmannschaft, im besten Fall eine Großfamilie oder die Freundesclique Platz fände. Der Speisesaal mit ausladender Tafel, Rokoko-Geschirrschrank und Stuckwänden. Der Salon und die Schlafgemächer mit goldenen Zierspiegeln, glitzernden Murano-Lüstern, antiken Schränken und Sekretären. Ein Labyrinth kleiner Gänge, in dem du dich verläufst auf der Suche nach den beiden altmodischen Bädern oder der Küche. Beim Einschlafen hörst du die Wellen auf dem Canal Grande gegen die Mauern schwappen, beim Aufwachen das fauchende Motorengeräusch der Vaporetti, die unter dem Fenster an- und ablegen. Und insgeheim wartest du auf das sanfte Klopfen eines Kammerdieners und seine Frage: "Wie haben Herrschaft geruht?"

"Hätten Sie vor 265 Jahren hier genächtigt, wären Sie heute morgen vielleicht neben Giacomo Casanova erwacht." Anna Barnab˜ lacht ihr sinnliches Raucherlachen und führt die Zigarette zum zartrosa geschminkten Mund, wenn sie von Venedigs legendärem Womanizer erzählt. Signora Anna ist die Hausherrin im Palazzo Malipiero und weiß alles über seine illustren Gäste. Casanova etwa war um 1740 junger Seminarist gleich nebenan in der Priesterschule, da holte ihn Senator Alvise Gasparro Malipiero als seinen Sekretär ins Haus. Der alte Herr war der letzte Erbe derer von Cappello-Malipiero, die den Palazzo im 16. Jahrhundert im byzantinisch-venezianischen Stil hatten erbauen lassen. Als der Senator starb, wechselte sein Prachtpalast von einem Käufer zum nächsten, wurde zunehmend marode, bis ihn in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die großbürgerliche Familie Barnabó aus dem venetischen Hinterland erstand und aufmöbelte. Mit der alterslos eleganten Anna, Halbfranzösin und zweite Frau des betagten Besitzers Alessandro Barnabó, zog auch wieder Flair in die Säle ein. Wenn sie dich mag, empfängt sie dich im langen Hauskleid zum Cocktail im Privatsalon oder unter den steinernen Nymphen in ihrem Rosengarten. Vor wenigen Jahren erst hat sie den Seitenflügel des Palazzo Malipiero für zahlende Gäste geöffnet, "weil, wie zum Teufel, sollen wir den ewig sanierungsreifen Laden sonst erhalten?". Zu ihren "Habitués" zählen ein spanischer Pianist, ein Hermès-Erbe, US-Unternehmer, Biennale-Künstler. Und auch Madame Pinault hat schon mal angefragt: Im Mai hatte ihr Gatte François, Chef des Luxuskonzerns LVMH, für 29 Millionen Euro den berühmten Palazzo Grassi gleich nebenan gekauft. Dort sollen demnächst Teile seiner Kunstsammlung einziehen, und Madame will den Umbau aus der Nähe überwachen. "Bauarbeiten" ist ein Wort, das bei Signora Barnabó Seufzer tiefer Verzweiflung auslöst. Deshalb ringst du lange mit dir, ob du beim Abschied den wackeligen Duschkopf oder den klemmenden Fensterflügel erwähnen sollst. Du gibst ihr - mit dem stattlichen Obulus in bar - den schweren Eisenschlüssel zurück, denkst an schweineteure Nullachtfuffzehn-Herbergen mit perfekten Grohe-Brausen und schweigst.

"Casanova blieb übrigens auch nicht lang", gibt die Signora wie zum Trost mit auf den Weg, "der alte Malipiero erwischte ihn mit dem Hausmädchen, in flagranti, und warf ihn hochkant hinaus." Ihr rauchiges Lachen hörst du noch, wenn das Tor hinter dir zufällt. Auch wenn du im Palazzo Abadessa absteigst, kannst du auf internationale Boheme treffen. Wie etwa den deutschen Textilmagnaten Ludwig Kuttner mit Künstlergattin Beatrix Ost und Freunden aus New York und London. Für die extravaganten Gäste rücken die besten Schneider venezianischer Karnevalskostüme an - zur Anprobe im Bildersaal der Beletage vor den biblischen Frauenporträts des Tintoretto-Schülers Filippo Zaniberti. Zwischendurch schaut schon mal Designer-Freund Jean-Paul Gaultier vorbei - und Maria Luisa Rossi, die Herrin im "Palast der Äbtissin", flattert blond, üppig und überglücklich durch die Szene. Genau so hat sich die Frau des Heizungsfabrikanten Rossi aus der Provinz Vicenza ihr Publikum erträumt, als der Gatte das Schmuckstück der Dogenfamilie Priuli aus dem späten 15. Jahrhundert erstand. 30 Jahre ist das her. "Statt Geschäftskunden weiter für Unsummen in Nobelhotels wie dem Danieli unterzubringen, lass uns lieber einen kleinen Palast kaufen. Das wird billiger", lockte sie ihn damals und wurde in einem Seitengässchen des Cannaregio-Viertels fündig. Die Sanierung des heruntergekommenen Patrizierpalastes hinter hohen Mauern, mit Marmorgöttinnen im Palmengarten und eigenem Anlegesteg für Gondeln am kleinen Kanal auf der Rückseite, wurde ihre Lebensaufgabe - "und ein Gnadenstoß für meine Träume von einem ruhigen Rentnerleben", wie Signor Rossi schmunzelnd einräumt. Unter Auflagen der Denkmalschützer - "kein Bild durfte ich umhängen" - ließ die quirlige Gattin das Traumpalais wieder erstehen. Mit handgewobenen Seidentapeten, altvenezianischen Terrazzoböden mit Lapislazuli-und Perlmuttmosaiken, antiken Betten mit Elfenbein-intarsien und Rohseidenbaldachins, mit vergoldeten Spiegelkommoden und den Treppenaufgängen der Baumeisterlegende Andrea Palladio, die von der Wandelhalle im Parterre zum Gemäldesaal führt.

Erst vor drei Jahren, mit dem Rückzug aus der Firma, wandelten die Rossis ihren Palazzo Abadessa mit seinen zwölf Zimmern und Suiten zum exklusiven Gästehaus für all jene Venedig-Reisenden um, die sich dem morbiden Charme der Stadt total ergeben wollen. Wenigstens für ein paar, bezahlbare Tage. Der süßliche Duft frischer Lilien weht durch die Räume, die Lieblingsblumen der Hausherrin. Bevor du abreist, wird sie dir von den starken Frauen des Palazzo erzählen, von der Äbtissin, die hier lebte, und der "Dogaressa" Zilia, Ehefrau des Dogen Lorenzo Priuli, der "ersten Feministin" im Männerstaat an der Lagune. "Sie, die Frau, kommandierte hier, nicht er", sagt Signora Rossi und kichert, "genau wie heute." Ca' Maria Adele, das zartgelbe Palais, das nur ein Kanälchen trennt von der Barockkirche Santa Maria della Salute, scheint auf den ersten Blick eine Männerdomäne zu sein. An der kühl gestylten Rezeption, zwischen echten Säulen, künstlichen Wasserspielen und diskretem NuJazz, empfängt dich Francesco so lässig und tadellos in seinem dunklen Anzug, dass du Richard Gere sofort zum Vorstadt-Gigolo herabstufst. Nicola Campa, 32, schmal und stets mit offenem weißen Hemd, dirigiert die Finanzen, Alessio Campa, 27, stattlich und immer in Schwarz, das Marketing des vor anderthalb Jahren eröffneten Gästehauses. Zusammen mit dem ältesten Bruder Dario, 33, haben sie Venedigs derzeit schickste Adresse für Menschen geschaffen, die lieber auf der Straße als in einem unpersönlichen Hotel übernachten würden.

Bei den Campas kann man unter fünf Themen-Sälen wählen. Ironische Venedig-Inszenierungen in einer Mischung aus echten Antiquitäten und erkennbar gefälschten "Stil-Zitaten". Soll es die Sala del Camino sein, mit weißem Marmorkamin, rohen Deckenbalken und Alkoven in Elfenbeintönen? Oder die Sala del Doge, ein Schlafzimmer wie ein Bühnenbild aus leuchtend rotem Damast und üppigen Goldornamenten? Von der Sala Nera - Brokattapeten in Kakaotönen, das Lotterbett in schwarze Seide geschlagen und darüber ein gigantischer Murano-Lüster aus düsteren Kristallleuchten - ist Zartbesaiteten mit einem Faible für Thomas Manns "Tod in Venedig" abzuraten. Mit Lüstern aus Murano kennen die Campas sich aus. Der Großvater betrieb auf der Insel eine berühmte Glasbläserei, der seine Enkel einen Teil der Millionen für das Projekt Ca' Maria Adele verdanken. Den Palazzo, den sie 2002 erstanden und in nur einem Jahr in viel Eigenarbeit von Grund auf sanierten. Den anderen Teil haben Vater und Onkel beigesteuert, geschäftstüchtige Elektrohändler aus Murano, "die alle Familien auf der Insel mit Kühlschränken und Klimaanlagen versorgt haben". Solchen Familienschnack würden dir die Campa-Brüder natürlich nie erzählen. Aber Giovanna, ihre Mamma. Gottfroh ist sie, dass "die Buben jetzt versorgt sind", auch wenn sie den Stil der Söhne noch für gewöhnungsbedürftig hält. Etwas verloren steht sie da in der Lounge, eine Tasche mit halbwarmen Kochtöpfen im Arm. "Meeresschnecken in Olivenöl und Hühnchen in Tomatensauce", erklärt sie, "die ragazzi müssen essen, damit sie bei Kräften bleiben." Eine hohe Mauer aus alten Ziegeln, eine dunkelgrüne Tür, dahinter eine Wiese mit Lavendel- und Rosmarinsträuchern und ein blütenverhangenes Landhaus. Wäre da nicht das mit Gemüse voll bepackte Boot, das auf dem Kanal neben dir vorbeituckert, du wähntest dich auf dem venetischen Land oder in der französischen Provence.

Beim Eintreten fällt dein Blick auf den großzügigen Wohnraum: Bücherwände, offener Kamin, bequeme Leinensofas, witzige Designerstücke neben edlen Antiquitäten. Eine dunkelhaarige Frau, lässig elegant wie dieses Ambiente, tritt dir entgegen: "Freut mich. Fühlen Sie sich wie zu Hause." Da ist dir längst klar: Hier willst du nie mehr weg. "Alma Mahler ging es auch so", sagt Alessandra Arduini, 49, die ihr B & B Oltre il Giardino zusammen mit dem 27-jährigen Sohn Lorenzo seit einem Jahr betreibt. "Casa Alma Mahler" sagen die Venezianer zu dem verwunschenen Haus, in dem die Witwe Gustav Mahlers und Muse von Kokoschka, Gropius und Werfel von 1922 bis 1935 lebte. Alessandra kann einem viel über diese kluge Femme fatale erzählen. Als das Anwesen 1998 - mal wieder - zum Verkauf stand, hat die einstige Kolumnistin von Venedigs Tageszeitung "Il Gazzettino" nicht gezögert, ihre 500-Quadratmeter-Wohnung in einem Palazzo am Canal Grande einzutauschen gegen dieses versteckte Kleinod nahe dem Campo dei Frari. Sechs kleine Gäste-Apartments sind darin entstanden, bis in winzige Details so liebevoll und harmonisch gestaltet, dass es dir ergehen wird wie der deutschen Herrin von einst: "...ein wahres Paradies", schrieb Alma Mahler in ihr Tagebuch. "Wir sind sehr glücklich hier, ohne den Wunsch auszugehen, ohne irgend etwas anderes zu wollen."

Daniela Horvath / print

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