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Wandern mit "Mister Parkinson" Pamela hat Parkinson. Ihr bleiben zehn Jahre. Sie beschließt, alles zu verändern – und geht auf Reisen

Pamela Spitz
Pamela Spitz geht auf Reisen – hier ist sie auf einem Schiff in der Bucht von Pantin in Galizien
© Mirjam Seifert
Die Diagnose ist niederschmetternd: Pamela Spitz hat Parkinson. Vor fünf Jahren stellte sie daher ihr Leben auf den Kopf. Im Interview spricht sie über ihre Reisen, ihre Erfahrungen und ihr neues Buch.
von Laura Engels

Wie soll man mit der Nachricht umgehen, dass das Leben kürzer ist als gedacht und einem die Kontrolle über den eigenen Körper langsam entgleitet? Pamela Spitz stürzt sich nach ihrer Parkinson-Diagnose erstmal exzessiv ins Berliner Nachtleben. Doch dort findet sie nicht die Antworten, die sie sucht. Die Fotojournalistin und Globetrotterin begibt sich daher auf Reisen – zur Atlantikküste, durch die Wüste, den Dschungel, zu ihren Wurzeln und schließlich zu sich selbst. Immer mit im Gepäck: "Mister P", der sie zwingt, sich auf das wirklich Wichtige im Leben zu konzentrieren. Nun hat sie ein Buch geschrieben. Ein Interview.

"Noch zehn gute Jahre, dann ist Schluss." Das war vor fünf Jahren Ihr erster Gedanke, als Sie mit 41 die Diagnose Morbus Parkinson erhalten haben. Es ist Halbzeit. Wie fühlen Sie sich?
Am Anfang war alles super. Ich konnte noch alles machen, was ich wollte: feiern, reisen, wochenlang wandern, Surfen lernen. Ich fühlte mich unangreifbar – das hat sich jetzt verändert. Seit ein paar Monaten merke ich, dass es mir schlechter geht und ich überlege, welche Konsequenzen ich daraus ziehe.

Nach der Diagnose haben Sie sich erstmal exzessiv ins Berliner Nachtleben gestürzt, um später nach Portugal zu flüchten. Was haben Sie dort beim Wandern gefunden?
Ich musste allein sein. In der Natur kommt man sehr gut zu sich selbst. Portugal, weil ich zuvor noch nie dort war und es nicht so dicht besiedelt ist. Dort konnte ich in Ruhe wandern. Hauptsache, ich komme irgendwo an, habe meinen Rucksack, meine Nüsse und weiß, wohin ich laufe, dann kann ich mich komplett gehen lassen. Ich habe am Strand geschlafen und konnte mich wirklich mit mir selbst auseinandersetzen. Es ging um "Mister Parkinson" und um die Trennung von meinem Ex-Mann. In Berlin hatte ich das alles weggeboxt, da konnte ich mich nicht damit auseinandersetzen. 

Pamela Spitz
Wandern. Einfach nur Wandern. Pamela Spitz auf Sardinien.
© privat

Was reizt Sie so am Wandern?
Ich bin sehr, sehr gerne allein. Meine Begeisterung fürs Wandern habe ich schon mit Anfang 20 in Transsilvanien entdeckt. In der Natur fühlte ich mich schon immer sehr wohl und aufgehoben und vor allem autark. Dort habe ich absolut die Kontrolle über mich selbst. Alles, was ich tue, alle Fehler, die ich mache, sind auf meinem Mist gewachsen, keiner hat Einfluss darauf. Und dann ist da noch diese absolute Freiheit zu tun und zu lassen, was du willst.

Pamela Spitz liebt das Surfen: "Da ist das Leben so intensiv"

Auf Ihren Reisen haben Sie jede Menge ausprobiert: eine Ayurveda-Kur in Indien, Surfen im Atlantik, Wandern durch die Wüste Negev in Israel, einen Arabisch-Kurs in Palästina. Was hat Ihnen besonders geholfen?
Definitiv das Surfen. Das Element Wasser, diese Power, das Untergehen und wieder die Kontrolle über den Körper gewinnen – wow, das hat mich schon beeindruckt. Du musst dich dabei so sehr konzentrieren, weil es manchmal ums reine Überleben geht. Aber es gibt auch die schönen Momente, in denen du eine Welle erwischst und der Wellengang ganz easy ist. Da kann ich "Mister Parkinson" einfach mal am Strand stehen lassen. Der Körper reagiert dann automatisch. Im Moment tätige ich jeden Schritt und jeden Handgriff ganz bewusst und frage mich dabei immer: "Schaff ich das jetzt oder schaff ich es nicht?" Im Wasser muss ich einfach paddeln, aufspringen, untergehen, wieder auftauchen und schwimmen. Ich liebe es, Dinge zu tun, die ich noch nicht kenne, weil es unvorhersehbar ist. So vergeht die Zeit langsamer, das Leben ist so intensiv, ohne Routine und alles ist immer irgendwie ein kleines Wunder.

Zum fünften Jahrestag haben Sie "Mr. Parkinson", wie Sie Ihren täglichen Begleiter nennen, in Ihrem Blog einen "Liebesbrief" geschrieben. Wie würden Sie Ihre Beziehung beschreiben?
Wir haben uns mittlerweile aneinander gewöhnt. Dadurch, dass alles sehr langsam vorangeht, habe ich Zeit, mich vorzubereiten. Unterbewusst wusste ich, dass dieser Moment kommt, an dem ich nicht mehr richtig laufen kann und ich mir was überlegen muss. Ich habe es die letzten fünf Jahre wirklich schleifen lassen, hätte mich schon bei verschiedenen Studien anmelden können. Ich habe mich erst jetzt damit auseinandergesetzt. 

"Wanderlust mit Mister Parkinson" von Pamela Spitz erscheint im Verlag Kiepenheuer & Witsch und kostet 18 Euro. Auf ihrem englischsprachigen Blog "Wanderlust with P" erzählt sie von ihren Abenteuern.
"Wanderlust mit Mister Parkinson" von Pamela Spitz erscheint im Verlag Kiepenheuer & Witsch und kostet 18 Euro. Auf ihrem englischsprachigen Blog "Wanderlust with P" erzählt sie von ihren Abenteuern.

Sind Sie auch ein bisschen dankbar für einige Erkenntnisse, die es ohne ihn nicht gegeben hätte?
Definitiv. Ich wüsste nicht, wo ich jetzt ohne ihn wäre, weil ich immer sehr schnell und intensiv gelebt habe. Mein Gott, ich war eine Partygöre und habe, gerade nachdem ich mich getrennt hatte, alles gemacht, was ich wollte und habe bei mir auch körperlichen Schaden angerichtet – durch übermäßiges Feiern mit Alkohol, Drogen und Schlafmangel. Ich hatte mich ein bisschen verloren – und so hatte ich eine Bremse und musste mich um die wichtigen Dinge kümmern. Inzwischen lebe ich gesünder denn je.

Anfangs war da der fehlende Geruchssinn, dann das Zittern in der linken Hand und später Schwierigkeiten beim Abrollen des Fußes. Wie haben sich Ihre Symptome im Laufe der Zeit verändert?
Jetzt geht es nicht mehr um Luxus-Probleme, etwa dass ich aufhören muss zu joggen, sondern um das normale Laufen. Ich humple wirklich richtig herum und muss wöchentlich zur Osteopathie. Ich habe immer noch Muckis, mache die ganze Zeit Yoga, aber ich muss jeden Tag dranbleiben.

Eine Mehr-Tageswanderung wäre also gerade nicht mehr drin?
Nein, ich schaffe es im Moment nicht mal einen Hügel hoch. Das letzte Mal war ich in Polen und Tschechien unterwegs. Das ist ein Jahr her. Ich wollte eigentlich eine lange europäische Fernwanderung über Spanien, Frankreich und den Balkan bis nach Istanbul machen. Das werde ich aber wahrscheinlich nicht mehr schaffen, zumindest nicht am Stück. Ich wollte mindestens drei oder vier Monate mit dem Rucksack unterwegs sein.

Gibt es noch weitere Träume, die Sie begraben mussten?
Den geplanten Motorradführerschein zumindest haben Sie aufgegeben. Ja, aber ich habe mir eine kleine Automatik-Maschine gekauft, die ich als Jugendliche schon mal besessen habe, so ein uraltes Ding aus den 70ern. Mit der kann ich noch wunderbar hantieren, weil sie keine Gänge hat. Ich musste sie mir vom spanischen Festland nach Formentera holen, zahle wahnsinnig viel Versicherung, aber das ist mir alles egal. Ich habe so viel Spaß damit. Es gibt immer Möglichkeiten. Es gibt so viele Menschen, die körperlich behindert sind und trotzdem das machen, was sie wollen – mit einem Bein oder ohne Arme surfen. Dann werde ich das auch schaffen.

Sehen Sie gehbehinderte und ältere Menschen inzwischen mit anderen Augen?
Definitiv. Ich gehöre mittlerweile ja auch zu denen. Ich kann nicht mehr so schnell über die Straße laufen, Schnürsenkel zubinden geht auch nicht mehr so richtig. Das ist der normale Alterungsprozess – nur, dass es bei mir ein bisschen schneller geht.

Wie haben Sie die Corona-Pandemie erlebt? Hatten Sie Panik, von der wertvollen verbleibenden Zeit noch mehr zu verlieren?
Eigentlich nicht. Ich habe mich anfangs nur um das globale Geschehen gekümmert, um meine Familie und Freunde. Ich war zu Beginn in Rio bei meiner Schwester, bin dort geschwommen und habe meine Übungen zu Hause gemacht, als wir alle quasi eingesperrt waren. Es gab keine Kontrollen auf den Straßen, sondern jeder Bürger hat eigenverantwortlich agiert. Ich bin relativ gut durch die Pandemie gekommen, musste natürlich Tests machen, auf mich aufpassen und Maske tragen, aber bin gereist, wohin ich wollte. Ich war egoistisch genug, um das zu tun. Durch Corona konnte ich auch sozialen Zusammenkünften ein bisschen aus dem Weg gehen, genau das machen, was ich wollte, alleine sein und mit den ganzen Bekanntschaften nur über Whatsapp kommunizieren. Ich hatte einfach keinen Bock mehr drauf, mich ständig erklären zu müssen und es tat gut, mal abtauchen zu können. Das war auch eine Reise zu mir selbst. Ich möchte so viel Zeit wie möglich nur mit den Personen verbringen, die mir wirklich lieb sind – meiner Familie und meinen besten Freunden. Alles andere gerät in den Hintergrund. Ich mache keine Kompromisse mehr. 

Pamela Spitz
Was hilft? Zeit auf dem Surfboard. Hier in Costa Rica
© privat

Sie haben jetzt in Portugal und auf Formentera zwei Homebases. Werden Sie weiter herumreisen oder mit Mitte 40 nun langsam etwas ruhiger?
Ich reise mit meiner kleinen Tasche umher und genau da, wo ich bin, ist dann mein Zuhause. Das macht wahnsinnig Spaß. Die Wohnung in Berlin, die Dinge, die ich besaß und die Rechnungen am Ende des Monats waren eine zu große Bürde und verschwendetes Geld. Die Reiserei und Feierei, meine ganzen Abenteuer, die ich erlebt habe –  ich will nichts davon missen. Aber ich muss mir nichts mehr beweisen, sondern nur noch Gutes tun. Ich habe gelernt, dankbarer zu sein und nicht mehr so viel zu erwarten. Demütig bin ich geworden, aber das wäre wahrscheinlich auch so mit dem Alter passiert."

Pamela Spitz gibt zu: "Früher war ich fatalistischer"

In Ihrem Buch "Wanderlust mit Mister Parkinson" haben Sie geschrieben: "Ich will so lange wandern, bis ich tot umfalle." Gibt es einen Plan B?
Das Buch war ein Entwicklungsprozess. Es hat sich doch einiges verändert. Früher war ich fatalistischer, weil ich immer noch so vor Gesundheit strotzte und mir nicht vorstellen konnte, wie es sein wird, wenn man eingeschränkter ist. Da habe ich gedacht, ich stürze mich von einer Klippe, wenn ich nicht mehr kann. Jetzt denke ich anders darüber. Wenn ich eine Tablettentherapie beginne, habe ich vielleicht immer noch fünf gute Jahre, in denen dann alles wieder geht – das ist die sogenannte Honeymoon-Phase. Aber später kommt der Zahltag. Wenn ich damit beginne, gibt es keinen Weg zurück und ich habe noch so viel vor. Das ist einfach eine reine Kalkulation. Sollte das mit dem Wandern bis zum Schluss nicht klappen, kann ich aber ja einfach etwas anderes lernen. Ich finde die Fliegerei zum Beispiel ganz toll. Obwohl ich mal einen Paragliding-Unfall hatte, möchte ich es noch mal versuchen und den Pilotenschein machen. Da muss man viel Theorie lernen und sich mit der Thermik auseinandersetzen. Und dann fliege ich halt einfach durch die Lüfte.

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