World Pyro Award Gletscherglühen über Sölden

Ganz Europa denkt an den Sommer. Alle träumen von Strand und Meer. Ganz Europa? Nein, im Gletscherskigebiet Sölden geht die Wintersaison gerade zu Ende. Nicht mit einem schmelzenden Schneemann, mit einem Riesenknall wurde der Winter verabschiedet.

Weit oben auf dem Rettenbachgletscher wurde die erste Ausscheidungsrunde der Weltmeisterschaft für Feuerwerkskünstler, dem World Pyro Award, ausgefackelt. Für die Schweiz trat Toni Bussmann, für Deutschland Uwe Rohr und für Russland die Gruppe Pyrotechnic Yards of Peterhof an. Eine beeindruckendere Kulisse als die weißblaue Gletscherzunge lässt sich für eine Feuerwerksshow der Superlative kaum ausdenken.

Wie ein schlafender Riese liegt der Gletscher über dem Tal und dem Ort, dem er mit dem Ski-Tourismus Geld und Gäste schenkt. Doch von Jahr zu Jahr wird der Gigant schwächer. Tags, ohne Schnee, sieht die Bergstation mit ihrem Parkplatz, der Zubringerstraße und den massiven Bauten aus wie aus dem Hasshandbuch des Alpenökologen. Jetzt verwandeln die magischen Bilder des Feuerwerks das Betonareal in einen rituellen Kultplatz, als ginge es nicht um Spaß, Disco und Gaudi, sondern darum dem lebensspendenden Riesen zu besänftigen.

Jeweils fünfundzwanzig Minuten lang spannen die Feuerwerker ihre Lichtkaskaden und Goldregenschleier in den Himmel. In dieser Nacht verstummt selbst das berüchtigte Party-Publikum. Das Reglement der Feuerwerker ist streng und kompliziert, dem Zuschauer kann es egal sein. Er staunt. Am Ende hat das deutsche Team gesiegt, die Begeisterung für die Schweiz und Russland war darum nicht geringer.

Darf es ein Küßchen mehr sein?

Während draußen dem ewigen Eis gehuldigt wird, tafelt man gehoben im Pavillon. Beim "Wein am Berg"-Programm werden Spitzenküche und die besten Weine Österreichs aufgefahren. Die Abendkarte ist bezahlbar, das Mehrtagesarrangement des Central Hotels (Fünf Sterne) verschlingt schon 1000 Euro pro Person. Dafür muss man auch nicht im Bus auf den Gletscher fahren, sondern wird im BMW-Shuttle-Service chauffiert.

Die Partyjugend heizt sich in der Kälte mit Glühwein und Red-Bull-Mischgetränken ein. Am kuscheligen Edelbuffet gibt es Einblicke in die gereifte Bussigesellschaft. Riesige Kunstblondinen mit Amanda-Lear-Appeal umschnurren ergraute Lebemänner, geliftete Schönheiten lassen die Stulpensteifel knallen und die goldbehängten Versace-Kostüme glitzern.

Schall und Rauch

Sölden ist Party und setzt auf spektakuläre Events. In den fünfundzwanzig Minuten verwandeln sich jeweils schätzungsweise 50.000 Euro in Licht und Pulverdampf. Zurück bleiben ein paar schwarze Schlieren auf dem Gletscher. Vor dem nächsten Morgen sind sie entfernt. Dennoch ist der Event-Tourismus am Schmelzen des Gletschers nicht beteiligt. Im Gegenteil. Der Ruf Söldens als Top-Skigebiet beruht auf den Gletschern, die Einheimischen wissen es und versuchen mit rührenden Methoden, "ihren" Gletscher wie ein Riesenbaby aufzupäppeln.

Ist es kalt, wird Schnee extra für ihn gemacht, nach Saisonschluss kratzt man die Pistenreste mit Bullys zusammen - alles um dem schrumpfenden Riesen Substanz zuzuführen. Im schrecklich warmen Sommer wird er dann mit Folie gut zugedeckt, damit die Hitze ihm nicht allzu viel anhaben kann. Ernsthaft erwogen hat man sogar, ihn elektrisch herunterzukühlen. Da können sie einen fast Leid tun, die lustigen Event-Tiroler von Sölden.

Zwischen Party und Sport

Und das Skifahren? Natürlich ist das befahrbare Pistennetz sehr viel kleiner als in der Hochsaison, aber selbst am letzten Tag gibt es in Sölden immer noch mehr Piste als in vielen Gebieten im ganzen Dezember. Auf dem Eis unter der Sonne ist der Unterschied bemerkenswert: Auf der eine Seite die Nonstop-Amüsiermaschine Ötztal Sölden, die mit Partyprogramm bis in die norddeutsche Provinz in Form vom Snow Dome Bispingen hineinschwappt.

Auf der anderen Seite die Berge mit ihrer Mächtigkeit und Ruhe, die die heutigen "Ötzis" geprägt haben bis in die wettergegerbte Haut. Kulturindustrie meets Authentizität. Die Tiroler sind lustig und werden es bleiben. Heutzutage vermieten sie ihre Betten, statt sie zu verkaufen - und das gern auf Vier-Sterne-Niveau und mit Wellnessangebot.

Die Einheimischen haben den Spagat gelernt. Und Prinzipien bewahrt. Von Freestyle-Events etwa hält beispielsweise Andre Arnold - vierfacher Skiweltmeister - überhaupt nichts. "Mit mir nicht! Wir können den Kids nicht das ganze Jahr erzählen, seid vorsichtig, fahrt kontrolliert! Und dann machen wir sie mit so einer Show heiß." Ein starkes Statement, dass man so in Sölden nicht erwartet hätte.

Vom Hasenstadl in den Kuhstall

Nachts macht das Feiern Spaß, zwischen "techno meets tony marschall" für die, die es brauchen, und live gespieltem Lounge Jazz für die, die es wollen. Am nächsten Morgen zeigt der Skilehrer Siggi Grüner Verständnis. Schließlich lebt er von beidem. Er sieht sich als guter Hirte, der mit Erfahrung und Kenntnis nicht nur Schnee von Schnee unterscheiden kann, sondern seine Ski-Schafe dorthin führt, wo der beste Schnee zur entsprechenden Tageszeit liegt und wo die breite Masse der anderen Skiläufer nicht hinfindet.

Sölden bietet dabei nicht nur Profiski-Guides, sondern ist etwa auch in Sachen Table-Dance ganz weit vorn. Mit ihrer Amüsiermeile auf 1300 Metern Höhe lässt sich die Sportlerfraktion leicht auf Glatteis führen. Auf die Frage, was die heißen Table-Girls denn im Sommer außerhalb der Saison anstellten, ob sie dann Kühe melken würden, guckt Siggi Grüner - amtierender Weltmeister Tiefschnee - nur ganz lange. Und antwortet dann tiefernst, er wisse leider nicht, was die Damen täten, aber das mit dem Kuhstall könne er sich nicht vorstellen.

In strahlender Sonne gleitet man mit ihm über die Pisten, im schattigen Kühlschrank-Tal bleiben sie hart und fest, in der Sonne verwandeln sie sich zuerst in wunderbaren Firnschnee und irgendwann, ja dann wird es natürlich sulzig. Doch in der Früh bringt der berüchtigte Hermann Maier im Testcenter die Ski noch an die Belastungsgrenze. Das sollte alle Zweifel zerstreuen. Wenn der Schnee für den Herminator noch gut geht, muss sich der normale Fahrer kaum Gedanken machen.

Marina und Gernot Kramper


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