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Maccabi Games in Berlin "Jüdische Olympiade" startet mit Gänsehaut-Eröffnung

Das deutsche Team bei den Maccabi Games in Berlin ist in Feierlaune
Das deutsche Team der European Maccabi 2015 will gar nicht aufhören zu feiern 
© Sean Gallup/Getty Images
Zum ersten Mal nach dem Holocaust findet die europäische "jüdische Olympiade" in Deutschland statt. Im Olympiapark in Berlin. Die opulente Eröffnungsfeier war ein Wechselbad der Gefühle. Das lag auch an Palina Rojinski.
Von Sophie Albers Ben Chamo

Die deutsche Fahne, die der Gastgeber, kommt zuletzt. Die 365 jüdischen Sportler der deutschen Delegation stehen ganz oben rechts an der Treppe, deren Stufen zur Waldbühne hinunterführen. Vor ihnen sind die Amerikaner als zweitgrößtes Team (nach Deutschland) der European Maccabi Games 2015 eingelaufen.

Dann gehen sie los. Schwarz-Rot-Gold flattert im Abendwind. Einfach so. Alle jubeln. Juden. Nicht-Juden. Alles fühlt sich ganz leicht an. Alles ist möglich. Sogar, dass Juden aus aller Welt genau an diesem Ort das größte jüdische Sportfest Europas feiern. Da, wo vor 79 Jahren die Nazis auf dem eigens gebauten "Reichssportfeld" Juden von der elften Sommer-Olympiade ausgeschlossen haben, als die Maschinerie zur Vernichtung der europäischen Juden mit den Nürnberger Gesetzen in Deutschland längst angelaufen war.

Gespürte Geschichte

Ausgerechnet hier, neben Hitlers Olympiastadion, scheint der Schatten des Holocaust sich an diesem Dienstagabend kurz zu heben. Es ist ein historischer Moment der Leichtigkeit, in dem Juden voller Stolz die Deutschlandfahne tragen und Juden anderer Nationalitäten ihnen zujubeln. Vor zehn Jahren noch undenkbar. Aber hier und jetzt möglich. Kein Wunder, dass Bundespräsident Joachim Gauck kurz die Stimme kratzig wird, als er in seiner Eröffnungsrede sagt: "Makkabi kommt nach Hause". Denn tatsächlich hat die Geschichte der jüdischen Sport-Organisation in Berlin ihren Anfang genommen. Vor mehr als 100 Jahren.

Rojinski und Tawil bringen den Abend zum Leuchten

Weil es ein historischer Abend ist, ist die Zeit der Leichtigkeit begrenzt. Zum Unmut mancher, vor allem junger Zuschauer bleibt es nicht bei der strahlend-gutgelaunten Show mit Moderatorin Palina Rojinski und den Sängern Adel Tawil und Matisyahu, die das Publikum zum Lachen, Tanzen und begeisterten Schreien bringen. Es werden auch lange Reden gehalten, die versuchen, der ganzen Geschichte gerecht zu werden. "Jiskor" - Gedenken - ist fester Bestandteil der jüdischen Tradition. Und deshalb ist dieser Abend ein Wechselbad der Gefühle. Ein unfassbarer Balanceakt für die Organisatoren: Die Begeisterung des Triumphes, hier zu sein. Ein Fest des Selbstbewusstseins und Stolzes, in Deutschland das Zuhause zu haben und Gastgeber dieser Veranstaltung zu sein, die vor allem mithilfe vieler ehrenamtlicher Mitarbeiter gestemmt wurde. Überwältigend viele davon Nichtjuden.

Lachen und Weinen

Jungs halten beim Tanzen ihre Kippas fest, während Adel Tawil "Wir sind vom selben Stern" singt, Palina Pojinski macht sich über Selfiestäbe lustig und wehrt wunderbar Berlin-schnodderig Flirtversuche von ihrem Mitmoderator Yigal Ravid ab, ein berühmter TV-Moderator in Israel. Es gibt Feuerwerk, Tänzer und Pommes Rot-Weiß. "Komm, wir bringen die Welt zum Leuchten!"

Musik, Feuerwerk und Fahnen: Die Eröffnung der European Maccabi Games 2015 in der Waldbühne im Olympiapark Berlin
Die Eröffnung der European Maccabi Games 2015 in der Waldbühne im Olympiapark Berlin
© Fabrizio Bensch/Reuters

Im gleichen Augenblick trägt ein Sportler der französischen Mannschaft ein Baby durch die Bühnenarena, als atmendes Zeichen des "Wir sind noch hier!" Immer wieder wird von den Schicksalen einzelner Menschen berichtet, denen Deutschland einst Heimat war. Und wenn die deutsche Mannschaft beim Einmarsch nicht zur Ruhe kommen will und so laut feiert, als hätte sie gerade nochmal die Fußballweltmeisterschaft gewonnen, hat das etwas von einem geöffneten Ventil. Zu jedem Lachen gehört hier ein Weinen und umgekehrt. Und das wird auch nach dieser Makkabiade noch sehr lange so bleiben.

"Mein Name ist Rilli Willow, ich komme aus Israel, und ich bin Opernsängerin. Wie einst meine Tante Dora aus Berlin. Sie wurde 1943 nach Auschwitz verschleppt, wo sie vor Offizieren singen musste, bis sie starb", sagt eine junge blonde Frau auf der Bühne - und singt dann die deutsche Nationalhymne. Und fast jeder in der Waldbühne steht auf.

Bis zum 5. August werden im Berliner Olympiapark rund 2300 jüdische Sportlerinnen und Sportler aus mehr als 36 Ländern in 19 Sportarten gegeneinander antreten. Es sind die 14. European Maccabi Games.


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