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Das System Red Bull: Große Sause mit Brause

Sebastian Vettel ist Weltmeister - und damit auch Dietrich Mateschitz. Der Red-Bull-Chef steckt Hunderte Millionen in den Sport. Der beinharte Dosenkavalier will überall der Schnellste sein.

Von Elmar Brümmer

Sebastian Vettel konnte einfach nicht anders, es war die pure Dankbarkeit an den Mann, der vor 13 Jahren begonnen hatte, die Karriere zu finanzieren, die den Rennfahrer aus Heppenheim zum jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte gemacht hat: "Ja, Red Bull hat mir Flügel verliehen." Dietrich Mateschitz, der Mann, der hinter der Marke steht, streifte sich noch am triumphalen Abend in Abu Dhabi ein schwarzes T-Shirt über, auf dem in goldenen Lettern die Worte "Vettel" und "Champion" prangten - und natürlich das tierische Logo der österreichischen Getränkefirma. Auch in der Formel 1 ist Mateschitz mit seinem eigenen Team ein Leitbulle, generell aber gibt der Österreicher im Sport gern den Dosenkavalier. Das mag mit Überzeugung zu tun haben, vor allem aber mit einem ausgeprägten Geschäftssinn. Sebastian Vettel ist der aktuelle Spitzenreiter der Werbekolonne für die aufputschende Brause.

Alles was schnell und extrem ist oder zumindest extrem populär, findet im Red-Bull-Sportsystem seine Berücksichtigung. 1,4 Milliarden Euro beträgt das Marketingbudget, beinahe die Hälfte davon wird in Event- und Sportmarketing investiert. Der Motorsport spielte früh eine große Rolle, vor 16 Jahren bat Rennfahrer Gerhard Berger um ein paar Sponsorengelder. Damals gab es die Dosen mit der aus thailändischen Lkw-Fahrerkreisen stammenden Rezeptur noch nicht, die der Blendax-Manager Mateschitz entdeckt und mit einem asiatischen Partner patentiert hatte. Aber ein Logo hatte man, und Berger wurde die erste Werbefigur. Mittlerweile werden im Jahr gut vier Milliarden Energy-Drinks in 160 Ländern verkauft. Zielgruppe sind neben nachtarbeitenden Journalisten vor allem Jugendliche.

"Es wird ein fürchterliches Chaos, aber lustig"

Dem Motorsport blieb Mateschitz als Liebhaber schneller Autos treu. 1995 kaufte er Anteile beim Sauber-Rennstall, aber er wollte lieber das alleinige Sagen haben - weshalb er 2004 von Ford das Jaguar-Team übernahm und umtaufte, 2006 wurde Toro Rosso als Talentschuppen installiert. Jenes Team, für das Sebastian Vettel mit dem Sieg in Monza den Durchbruch schaffte. 120 Millionen Euro fließen in Red Bull Racing, vielleicht auch das Doppelte. Da widersprechen sich die Zahlen, und das Phänomen Mateschitz ist gern ein Phantom - Interviews gibt er eher selten. Sein Auftritt in Abu Dhabi vor den Kameras war die Ausnahme von der Regel. Den 66-Jährigen, dem man sein Alter nicht ansieht, trieb so etwas wie Stolz vors Mikrofon. Aber anders als der Abenteurer Richard Branson ("Virgin") oder der Inder Vijay Mallya ("Force India") betreibt Mateschitz seinen Rennstall nicht als Mäzen, sondern als Geschäftsmann.

Nicht anders ist es bei den Eishockeyspielern und Fußballern im heimischen Salzburg, mit dem Engagement bei den Profikickern in New York und dem Aufbau einer neuen Fußballdynastie in Leipzig. Vor allem aber unterstützt Red Bull etwa 500 Sportler, gern in Wettbewerben wie Free-Style-Motocross, Klippenspringen oder Basejumping. Das gerade populär gewordene Air Race allerdings ließ er in diesem Sommer wieder einstellen. Eine Warnung auch an das Formel-1-Team, das nach dem im vergangenen Jahr knapp verpassten Titel auch hausintern unter Druck stand. Zwischen der Rennfabrik im englischen Milton Keynes und der Konzernzentrale in Salzburg soll es ein paar Mal heftig gefunkt haben. Am Montagabend durften die mittlerweile 1000 Angestellten, die vom Firmensitz Fuschl aus das Sport-Imperium steuern, im nahen Hangar 7 des Salzburger Flughafens mit den Formel-1-Helden feiern, die direkt aus Abu Dhabi eingeflogen worden waren. "Es wird ein fürchterliches Chaos werden, aber lustig", hatte der großzügige Firmenchef schon vorher gehofft. Das feine Nobelrestaurant und die wertvollen historischen Flugzeuge gehören praktischerweise Mateschitz, ebenso wie der Fernsehsender Servus TV, der live die ersten Exklusivinterviews bekam. Diese Art von Unabhängigkeit, die eine Verkettung von Abhängigkeiten ist, liebt der Multi-Manager, dessen Privatvermögen auf gut drei Milliarden Euro taxiert wird.

Vettel - ein Mehr-Wert-Weltmeister für Dietrich Mateschitz

Vettels inoffizieller Zusatztitel als "jüngster Champion" spielt der Idee natürlich in die Hände. Das Alter des Deutschen und sein rennfahrerisches Potenzial hochgerechnet, ist sich Mateschitz sicher: "Er wird ein paar Mal Champion werden. Der Weg zum Weltmeistertitel führt in den nächsten Jahren sicherlich über Sebastian, vorausgesetzt, er sitzt im richtigen Auto. Wir werden uns bemühen, ihm dieses Auto zu geben." Momentan läuft der Vertrag bis Ende 2011, danach möchte Vettel - alte Partner hin oder her - seine Marktwertsteigerung sicher versilbern. Sein Gehalt wird derzeit auf zwölf Millionen Euro geschätzt. Die zugespitzte Situation in der Weltmeisterschaft und die Fügung des Schicksals erlaubte es Red Bull sogar, auf die viel diskutierte Stallorder zu verzichten. Mateschitz hatte diese schon beim vorletzten Rennen in Brasilien verweigert. Zum Glück für Vettel, der sonst seinen Teamrivalen Mark Webber hätte vorbeilassen müssen - damit wäre in Abu Dhabi dann doch Fernando Alonso Champion geworden. Ein Pokerspiel, das nun als Philosophie verkauft werden darf. Sebastian Vettel ist ein Mehr-Wert-Weltmeister - auch für Dietrich Mateschitz.

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