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Flotter Dreier (III): Kein Sport, sondern Krieg

Überzogener Ehrgeiz der Marke Hamilton, Aggressivität à la Alonso, oder einfach nur die von Räikkönen exerzierte Lust am puren Rennfahren? Der neue Formel-1-Champion muss sich am Sonntag beim Rennen in Brasilien an Renngott Ayrton Senna messen lassen. Taugen die Top Drei zu seinen Jüngern?

Von Elmar Brümmer

Ob Felipe Massa zum zweiten Mal hintereinander seinen Heimat-Grand-Prix gewinnt, ist selbst für die Brasilianer nur eine Randnotiz der Geschichte. Ein Landsmann überstrahlt alle und alles, auch die kaum minder erfolgreichen Fittipaldis und Piquets: 13 Jahre nach seinem Tod wird sich auch der neue Formel-1-Champion am Sonntag vor allem an Ayrton Senna da Silva messen lassen müssen. In Sao Paulo ist er der Renngott, und seine Fahrweise Religion. Taugen die aktuellen Top Drei denn zu seinen Jüngern?

Lewis Hamilton, mal wieder ganz das Vorbild, plant einen Besuch am Grab des 1994 in Imola tödlich verunglückten Dreifach-Champions. Allerdings will er den Cemiterio do Morumbi erst nach dem Rennen aufsuchen. Im Cockpit ähnelt Hamilton Senna auf den ersten Blick am meisten - nicht nur wegen seines ebenfalls leuchtend gelben Helms. Auch Hamiltons Gespür für Rennsituationen und selbst der Boxengassenausrutscher von Schanghai, erinnern an den jungen Senna. Für den galt nur eine Maxime: "Ich kenne gar keine andere Fahrweise als die mit Risiko." Ein bisweilen überzogener Ehrgeiz, der bis hin zur kalt lächelnden Rücksichtslosigkeit auf der Strecke reichen kann, macht Hamilton und Senna zu Brüdern im Geiste.

Bei allem, was nach seinem Tod verherrlichend in den Charakter des nur 34 Jahre alt gewordenen Senna hineininterpretiert wurde: So sensibel wie er erscheinen konnte, so emotional war er auch in negativer Hinsicht. Mit einem Hang zum Nachtreten, der stark an den im Stolz verletzten Fernando Alonso erinnert. Mut, Talent, Risiko und der Ärger bei McLaren eint die beiden Latinos. Daraus entwickelt sich ein übertriebener Stolz, der in Aggressivität mündet - Senna und Gegenspieler Prost fuhren sich beim Finale sogar gegenseitig ins Auto. Der Franzose räumt deshalb mit dem Kult um den populären Gegenspielers auf: "Was Ayrton getan hat, war mehr als unsportlich. Es war abscheulich. Für ihn war Rennen fahren kein Sport, sondern Krieg. Ich bevorzuge Ehrlichkeit, aber er war nicht ehrlich."

Zur gespaltenen Persönlichkeit des hoch verehrten Brasilianers gehörte aber auch die simple und ungebrochene Freude am Schnellfahren. Das entspricht perfekt der Denkweise von Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen, dem das ganze Drumherum in der Formel 1 höchst zuwider erscheint. Auch Senna war körperlich süchtig nach purem Rennfahren. Er brauchte das Extrem, er suchte es, und er begegnete ihm so cool wie der Finne heute, mit dem simplen Anspruch: "Der Zweite ist der erste Verlierer."

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