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Formel 1: Formel Hitchcock

Dreher ohne Ende, Fahrfehler en Masse und jede Menge technischer Pannen - die Formel 1 ist zur Saisonhälfte spannend wie nie. So haben zu diesem Zeitpunkt noch vier Fahrer realistische Chancen auf den heißbegehrten WM-Titel. Das Zauberwort heißt "Konstanz" - die ist aber schwer zu erreichen.

Von Elmar Brümmer

Es ist ein großer Vierk(r)ampf, den sich Lewis Hamilton, Felipe Massa, Kimi Räikkönen und Robert Kubica bei acht noch ausstehenden Rennen liefern. Lediglich zehn Pünktchen trennen den britischen Spitzenreiter vom Polen, da ist noch nichts verloren. Denn Kubica ist ähnlich wie sein BMW-Kollege Nick Heidfeld einer der wenigen Spitzenpiloten, der in den Rennen noch keinen großen Schnitzer gemacht hat.

Die Achterbahnfahrten der Gefühle innerhalb des Spitzenquartettes haben zu dieser Verdichtung in der Punktewertung geführt. Schon ziehen die Nostalgiker Parallelen zum großen Rennjahr 1987, als Alain Prost, Ayrton Senna, Nelson Piquet und Nigel Mansell um den Titel pokerten. Damals mussten die großen Vier etwa ein Viertel aller Rennen als Totalausfälle abschreiben.

Konstanz wichtiger denn je

Die Fehler- und Ausfallquote der aktuellen Pilotengeneration ist weit höher: Sie liegt für Hamilton, Massa und Räikkönen kurz nach Saisonhalbzeit und dem Rennen in Hockenheim schon bei einem Drittel. 58 Punkte für einen WM-Führenden nach zehn Rennen, das ist wahrlich nicht das Optimum, im Vorjahr lag Hamilton zur gleichen Zeit mit 70 Zählern knapp vor Fernando Alonso (68), und der damalige Dritte Kimi Räikkönen hatte mit 59 Punkten immer noch einen mehr als der heutige Spitzenreiter.

Dementsprechend murmeln die Spitzenpiloten, die so oft neben der Spur waren, auf die Frage nach der wichtigsten Tugend in der entscheidenden Phase der Saison das Wort "Konstanz" wie ein Mantra. Lewis Hamilton, der momentan als "überirdisch schnell" gilt, vor vier Wochen nach seinem Auffahrunfall in der Boxengasse von Montreal aber noch als Trottel beschimpft wurde, kommt zu dem Schluss: "Das ist wirklich eine merkwürdige Saison: Jeder von uns hat seine Aufs und Abs gehabt, nach ein paar Podiumsplatzierungen kamen bei allen wieder schlechte Rennen. Aber fragen Sie mich nicht, woran das liegt. Ich kann es ja für mich selbst nicht beantworten. Von jetzt an kommt es noch mehr darauf an, konstant zu sein und das Auto auf der Piste zu halten. Der zuverlässigste Fahrer wird in diesem Jahr wohl Weltmeister." Vielleicht hat der Top-Favorit in Hockenheim den Fluch gebrochen – außer ihm hat es noch kein anderer geschafft, zwei Rennen hintereinander zu gewinnen.

Fast wie ein Blaupause – auch wenn das bei einem Ferrari-Piloten die falsche Farbe ist – legt sich die Einschätzung Felipe Massas über Hamiltons An- und Einsichten: "Ich dachte eigentlich, dass der Kampf an der Spitze im letzten Jahr schon sehr hart war. In dieser Saison ist er aber noch härter. Jeder hat bisher Fehler gemacht, und es passiert allen immer wieder. Deshalb müssen die eigenen Leistungen konstant werden, dass ist der Schlüssel zum Titel."

Hohe Fehlerquote

Es ist ein schmaler Grat zwischen grandios und bodenlos – bei Massas Niederlage im direkten Überholduell gegen Hamilton vor der Mercedes-Tribüne zu besichtigen. Dem Ferrari gingen zum Schluss Bremskraft und Reifenhaftung verloren, aber auch der Mut beim Fahrer...

Die auffällige Fehlerquote liegt möglicherweise doch stärker in dem Wegfall der elektronischen Traktionskontrolle begründet, als die Herrschaften zugeben möchten. Nochmal Massa, der ungekrönte Dreherkönig der ersten Saisonhalbzeit: "Generell musste man sich nicht groß umstellen, nur in Extremsituationen ist es weit schwieriger, das ausbrechende Auto zu korrigieren." Die Anforderungen ans Multi-Tasking im Cockpit sind gestiegen, seit die elektronische "Fernsteuerung" von Seiten der Box eingeschränkt ist – wer sich ablenken lässt, hat schon verloren. Der menschliche Makel. "Rennfahren heißt, in einer Zehntelsekunde eine Million Fragen beantworten zu müssen", sagt Hamilton über die gestiegenen Anforderungen.

Eine Frage der Einstellung

Woher kommen die Form-Fehler? Die aktuelle Rennwagengeneration ist aerodynamisch so auf die Spitze getrieben, dass häufig nur Nuancen über Top oder Flop entscheiden. Das führt zu einem weiteren großen Unsicherheitsfaktor: Von Strecke zu Strecke wechseln die technischen Vorteile, und im Gegensatz zu früher ist vorher nicht absehbar, welches Team davon profitiert. Je enger der Wettbewerb ist, je massiver können die Auswirkungen von Kleinigkeiten sein.

Ein bis zwei Prozent mehr Flügelverstellung, und schon ist der Gegner im Niemandsland – oder man selber. Das erklärt beispielsweise die Formschwankungen am BMW-Rennwagen, der an einem Wochenende gleichauf mit Ferrari und McLaren ist, und am nächsten wieder hinter den beiden großen Gegnern. Und zwar ohne, dass das wie früher absehbar war, als jedes Team Strecken benennen konnte, die dem eigenen Auto in jedem Fall liegen würden. Die Risiken werden mit abnehmender Anzahl an Rennen – und Chancen – größer. Mit jedem Rennen beginnt die Weltmeisterschaft praktisch aufs Neue. "Du blätterst um, und fängst wieder mit einem leeren Blatt an", sagt WM-Spitzenreiter Hamilton.

Spannend wie nie

Wer patzt, liegt im Trend. Wenn es mal nicht Massas Pirouetten oder Hamiltons Auffahrunfälle sind, dann springen die Teams unfreiwillig in die Bresche. Ferrari schafft es in Monaco nicht, die neuen Reifen fristgerecht zu montieren, bei McLaren versagt mal die Elektronik und mal der Schlagschrauber. Zufälle, vielleicht. Aber auch der Ausdruck des ungeheuren Drucks in einem so engen Wettbewerbsumfeld.

Mehr als 30 Fehler hat die "FAZ" in ihrer Pannenstatistik bereits notiert. Die neue Führungsebene von Ferrari und McLaren pflegt dabei offen die Selbstkritik. Stefano Domenicali und Martin Whitmarsh ähneln sich wie ihre Fahrer in Analyse und Wortwahl. Stellvertretend der Brite: "Uns sind einige Siege und Punkte durch die Finger gerutscht. Deshalb muss unser Hauptziel sein, die Fehler auszubügeln und unseren Fokus auf den Titel zu schärfen."

Der Zuschauer darf sich so entspannt wie gespannt zurücklehnen: Wer macht den nächsten Fehler?

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