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Formel 1 in Singapur: Am Tatort auf der Suche nach Normalität

Es ist die Rückkehr zum Tatort des größten Skandals der Formel-1-Geschichte. Wenn die Königsklasse am Wochenende in Singapur startet, geht es nicht nur um Siege und Punkte, sondern auch um das Vertrauen der Sportwelt. Im Kampf um den WM-Titel hilft Sebastian Vettel wohl nur noch ein Wunder.

Drei Tage nach den Schuldsprüchen im Unfall-Skandal kehrt die Formel 1 an den Tatort zurück. Auf den Straßen von Singapur beginnt die Königsklasse am Donnerstag ihre Vorbereitungen auf ihren zweiten Nacht-Grand-Prix und will sich nach der schmutzigen Betrugsaffäre um das Renault-Team mit dem Tagesgeschäft ablenken. Im Licht der 1.500 Scheinwerfer soll das packende Titelrennen die PS- Gemeinde wieder elektrisieren. "Ich werde bis zur letzten Minute kämpfen. Das Ziel ist der Sieg, in allen verbleibenden Rennen", versprach die deutsche WM-Hoffnung Sebastian Vettel einen finalen Angriff auf den enteilten Spitzenreiter Jenson Button.

Renault unter Beobachtung

Auf dem Marina Bay Circuit der asiatischen Millionen-Metropole fährt die Formel 1 am Sonntag (14.00 Uhr/RTL/Sky und im stern.de-Liveticker) aber nicht nur um Punkte und Pokale, sondern auch um das Vertrauen der Sportwelt. Ein Jahr nach dem fingierten Unfall von Nelson Piquet Jr., der seinem Teamgefährten Fernando Alonso den Sieg bei der Singapur-Premiere ermöglichte, steht vor allem das am Montag zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilte Renault-Team unter Beobachtung.

Sportlich aber geben andere den Ton an. BrawnGP hat sich mit dem Doppelerfolg in Monza zuletzt eindrucksvoll zurückgemeldet. Der Brite Button und sein Teamgefährte Rubens Barrichello dürften die Weltmeisterschaft in den verbleibenden vier Rennen wohl unter sich ausmachen. Dem Gesamtdritten Vettel (54 Punkte) hilft nur noch ein Wunder. "Sicher ist der Rückstand von 26 Punkten ziemlich groß, und es wird schwer, das aufzuholen. Aber wir werden es auf jeden Fall versuchen", sagte der Heppenheimer.

Button hat den Red-Bull-Rivalen nach dessen enttäuschendem achten Platz in Italien nicht mehr auf der Rechnung. "Rubens ist jetzt mein größter Konkurrent. Wir werden es bis zum Saisonende unter uns ausfahren", meinte der 29-Jährige. Mit 80 Punkten hat Button noch 14 Zähler Vorsprung auf seinen brasilianischen Kollegen, der sich im Spätherbst seiner Karriere endlich den Titeltraum erfüllen will. "Es ist ein großartiges Gefühl, diese Chance zu haben", schwärmte der 37 Jahre alte Barrichello nach seinem beeindruckenden Monza-Sieg.

Vettel droht Strafversetzung

Der größte Vorteil der "Brawnies" auf der WM-Zielgeraden ist der bärenstarke und vor allem zuverlässige Mercedes-Motor, mit dem das Renault-Triebwerk der "Roten Bullen" nicht mithalten kann. Nach mehreren Motorschäden droht Vettel bei einem weiteren Tausch des Aggregats sogar eine Strafversetzung um zehn Startplätze. "Von jetzt an müssen alle Motoren perfekt sein", forderte der 22-Jährige. Aus Vorsicht wird Vettel auch in Singapur beim Freitagstraining nur kurz auf der 5,067 Kilometer langen Strecke auftauchen.

Dabei wären gerade unter den ungewöhnlichen Umständen in Singapur Testrunden besonders wichtig. Die Piloten müssen an allen drei Tagen Spätschichten absolvieren, damit in Europa zur gewohnten TV-Zeit gesendet werden kann. "Dass das ganze Team bis nachts um drei auf den Beinen ist, um im Biorhythmus zu bleiben, ist irgendwie schräg, aber auch sehr unterhaltsam", urteilte BMW-Sauber-Fahrer Nick Heidfeld.

Auf dem taghell erleuchteten Stadtkurs werden die Piloten voll gefordert. "Das Härteste in Singapur sind die Hitze und die vielen Kurven. Es gibt 23, also besteht keine Chance, sich zu erholen", erklärte der Wiesbadener Nico Rosberg. Der Williams-Mann kehrt mit gemischten Gefühlen in den Stadtstaat zurück. Im Vorjahr wurde er hinter Alonso Zweiter und fühlt sich nach der Enthüllung des Renault- Skandals inzwischen als "moralischer Sieger".

Christian Hollmann/DPA / DPA

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