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Formel 1: Rosberg trumpft auf, Hamilton lahmt

Neue Regeln, neues Glück: Die runderneuerte Formel 1 bringt beim ersten Training zum Grand Prix in Australien tatsächlich eine neue Rangordnung hervor, angeführt vom Wiesbadener Nico Rosberg. Titelverteidiger Lewis Hamilton im Silberpfeil rutscht mit großem Rückstand in Regionen ab, die er sonst nur vom Überrunden her kennt.

Von Elmar Brümmer, Melbourne

Der Große Preis von Australien ist der perfekte Ort, um die Formel-1-Welt auf den Kopf zu stellen. Wer schnell über die Befindlichkeit von Weltmeister Lewis Hamilton informiert werden will, sollte gleiches mit der Ergebnistabelle tun: Dann findet sich der Last-Minute-Champion mit seinem Silberpfeil im zweiten Training beispielsweise an dritter Stelle. In der Realität ist das natürlich nur Rang 18, vor so bekannten Renn-Koryphäen wie Nelson Piquet junior und Sébastien Buemi.

Die Trainingsplatzierung vom Freitagnachmittag (Ortszeit) entspricht exakt der Prognose von Mercedes-Sportchef Norbert Haug, die aber eher dem Galgenhumor zuzurechnen war. Die Silberpfeil-Konstrukteure haben zu spät angefangen und sind dann noch in eine Sackgasse geraten, dem Auto fehlt es hinten am nötigen Anpressdruck. Was den Druck auf den Titelverteidiger erhöht: "Es ist ein langer Weg zurück..." Aber Hamilton kann nicht anders, als sich seine neue Welt schön zu reden: "Es war nicht so schlecht, ich bin glücklich..." Wenigstens der Humor bewegt sich noch auf Champions-Niveau.

Dort, wo er sich kraft seiner frischen Startnummer so gern sehen würde, auf der Eins, stand am ersten Praxistag der runderneuerten Formel 1 nach beiden Trainingssitzungen der Williams von Nico Rosberg, der damit sogar die als Favoriten gehandelten Wunder-Autos aus dem Rennstall von Ross Brawn hinter sich lassen konnte. Solche Testzeiten sind immer mit Vorsicht zu genießen, gerade auf einer temporären Strecke wie im Albert Park und bei der allerersten Ausfahrt der Renn-Cabrios mit ihren Frontschaufeln, dem schmalen Flügelgepäck am Heck und den profillosen Reifen. Aber der größte Regeleinschnitt der Formel-1-Geschichte zeigt schon mal, wie bunt die Mischung sein kann - wenn man die Zeitentabelle richtig herum liest und nur die Rennställe auflistet: Da tummeln sich beide Williams, Brawns, Toyotas und Red Bulls, und damit auch Timo Glock und Sebastian Vettel.

Und vor den ersten Ferrari mit Herausforderer Felipe Massa schiebt sich beim Probelauf vor einbrechender Dämmerung (der Grand Prix wird erstmals um 17 Uhr gestartet) noch das bisherige ewige Schlusslicht Adrian Sutil mit dem Force-India geschoben, der ebenso wie die Brawn-Rennwagen von Mercedes-Leihmotoren angetrieben werden. Für richtig gute Stimmung in Stuttgart wird das nicht sorgen. Ähnlich bedröppelt wird es bei BMW in München nach den Plätzen 14 und 15 für Robert Kubica und Nick Heidfeld bei der schnelleren zweiten Session zugehen.

Neue Regeln, neues Glück? Die Mut-Branche Formel 1 tut sich auch nach der ersten Standortbestimmung schwer, einen echten Favoriten auszumachen. Beim Aufgalopp konnte die Wirkung des Zusatzschubs durch das Kers-System noch nicht bewertet werden, das nach Wunsch der Regelhüter ebenfalls für mehr Überholvorgänge sorgen wird. Ob die breiten Frontspoiler heil durch das zu erwartende Startchaos kommen, ist ebenso unsicher wie die Haltbarkeit der weichen Reifen, die im australischen Herbst erheblichen Temperaturschwankungen ausgesetzt sind.

Das mag ja Ingenieure und Fahrer in den Wahn (und nächtelange Strategiesitzungen treiben), für die Formel 1 selbst ist der neue Mix der beste Weg aus der Krise. Wenn sogar schon Michael Schumacher aus lauter Neugier den Weg vom Genfer See nach Australien auf sich nimmt.... Gegen die sportliche Fahrt ins Ungewisse ist wenig einzuwenden, sie war schließlich Sinn der Regel-Revolution. Doch bevor sich das erste Rad im Albert Park gedreht hat, wurde bereits wieder protestiert - gegen die Luftführung unter den Rennwagen von Brawn, Williams und Toyota.

Das Wort Diffusor ist das erste, das nun alle Welt mit dem Neu-Start in Verbindung bringt. Das Bauteil am Heck soll eine Sekunde pro Runde bringen, die Freitagsresultate scheinen das zu bestätigen. Die Konkurrenz wittert daher illegale Hilfsmittel, doch die Rennkommissare schmetterten den Einspruch in einer Nachtsitzung ab. Bleibt der Gang vors Berufungsgericht in Paris. Und so wird aus der neuen Formel 1 ganz schnell wieder die altbekannte Skandal-Formel mit juristischen und politischen Machtkämpfen. Manches ändert sich eben auch in der Krise nicht. Da kann man sich auf den Kopf stellen.

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