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Formel 1: Schumacher versagt im Vorspiel

Michael Schumacher hat in den ersten vier Saison-Rennen in der Formel 1 enttäuscht. Der Hype um sein Comeback ist längst verblasst, Teamkollege Nico Rosberg hat ihn locker abgehängt. Der Renngott von einst muss jetzt ganz von vorne anfangen. Das wird schwer genug.

Ein Kommentar von Tim Schulze

Es gibt ein paar festgeschriebene Regeln in der Formel 1. Eine davon lautet: Dein härtester Konkurrent fährt im eigenen Team. Willst du Erfolg, musst du erst ihn schlagen. Ein anschauliches Beispiel dafür liefert aktuell der Kampf der beiden Ferrari-Piloten Fernando Alonso und Felipe Massa um die Vorherrschaft in der Scuderia. Als beide beim Grand Prix in Shanghai fast gleichzeitig zum Reifenwechseln in die Boxengasse fuhren, drückte Alonso seinen brasilianischen Kollegen rücksichtslos von der Piste: Keine Gnade für Massa. Der Brasilianer musste sich brav hinten anstellen.

Auch für Mercedes GP gab es vor der Saison ähnliche Befürchtungen. Nico Rosberg, jung und talentiert, aber noch ohne einen einzigen Grand-Prix-Sieg und Michael Schumacher, der Renngott, der siebenfache Weltmeister, der es auf sagenhafte 91 Siege bringt, in einem Team. Würde das gut gehen? Würde Rosberg, siebzehn Jahre jünger als Schumacher, überhaupt den Hauch einer Chance haben? Vielen war das gewaltige Medieninteresse an Schumacher und seinem Comeback schon Indikator genug für die zukünftigen Kräfteverhältnisse bei den deutschen Silberpfeilen. Rosberg? Der Junge kann einem nur Leid tun!

Schumi-Fans wird bang ums Herz

Jetzt reiben sich viele verwundert die Augen. Vor allem eingefleischten Schumi-Fans dürfte ein wenig bang ums Racer-Herz werden. Vier Rennen sind in der neuen Formel-1-Saison absolviert und die Fakten sprechen eine deutliche Sprache. Rosberg zeigt, dass Mercedes richtig lag, als man ihn verpflichtete. Er holt das Optimum aus seinem Silberpfeil heraus. Das Auto hat (noch) Schwächen. Aber ein Podiumsplatz ist allemal drin, wenn die Bedingungen und das Glück, so wie in Shanghai, mitspielen. Zweimal raste der Sohn des finnischen Ex-Weltmeisters Keke Rosberg auf den dritten Platz. Er hat bereits 50 WM Punkte eingesammelt und liegt in der Fahrerwertung hinter Jenson Button auf dem zweiten Platz.

Und Schumacher? Gerade mal zehn magere Punkte stehen auf seinem Konto. Genauso viele wie Adrian Sutil im Force India, dem nur ein zweitklassiges Auto zur Verfügung steht. Viermal war Schumacher Rosberg sowohl im Qualifying als auch im Rennen (in Malaysia hielt Schumachers Auto nicht durch) hoffnungslos unterlegen. In Melbourne fuhr er fünf Ränge hinter Rosberg über die Ziellinie, in Shanghai gar ganze sieben. Im chinesischen Regenchaos wurde er reihenweise von den jüngeren Fahrern überholt. Gegen Hamilton wehrte sich Schumi eine Runde lang, bis der bissige Brite ihn kassierte. Den russischen Neuling Vitaly Petrov im Renault ließ er ohne Gegenwehr vorbeiziehen. Eine Schmach.

Ernsthaftes Problem für Schumacher und Mercedes

Im Moment schleicht Schumacher wie ein Rennrentner über die Piste. Dass es nicht am Auto liegt, beweisen die Erfolge des Teamkollegen. Einen brenzligen Konkurrenzkampf wie bei Ferrari gibt es nicht, allein die sportliche Situation hat die Verhältnisse geklärt. Das ist eklatant. Und ein ernsthaftes Problem für Michael Schumacher - und Mercedes GP.

Es heißt, die Schadenfreude im Fahrerlager wachse mit jedem Rennen. Die einstige Rennmaschine Schumacher, der diszipliniert, kühl kalkulierend und rücksichtslos den Erfolg suchte, ist in den frühen Tagen der Saison nur ein Schatten früheren Ruhms. Nach dem Rennen in Shanghai gestand er zerknirscht: "Ich bin zu langsam". Aber der Druck wächst. Schumacher wurde von Mercedes nicht als fahrendes Museumsstück engagiert, das friedlich irgendwo im Mittelfeld seine Runde drehen soll. Schumacher soll Erfolge haben, er soll der Marke Mercedes Glanz verleihen. Motorsportchef Norbert Haug und die Konzernleitung stehen für die teure Verpflichtung Schumachers unter Rechtfertigungsdruck.

Dreijährige Pause unterschätzt

Schumacher hat, so sieht es im Moment aus, seine dreijährige Pause unterschätzt. Er ist älter geworden, Regeln und Technik haben sich rasant weiterentwickelt. Ein Beispiel: Eine von Schumachers Stärken waren Disziplin und Fleiß. Er war auch im Testen Weltmeister, um das Auto optimal seinem Fahrstil anzupassen. So konnte er seine Stärken perfekt ausspielen. Heute geht das nicht mehr. Tests sind stark beschränkt, den Piloten bleibt nicht viel Zeit, um das Auto kennenzulernen. Rosberg kommt damit offensichtlich besser zurecht. Natürlich ist es zu früh, um den siebenfachen Weltmeister abzuschreiben. Der Formel-1-Zirkus trifft sich in drei Wochen wieder in Barcelona. Das ist seit jeher der große Einschnitt: Die Rennen in Asien sind Vorspiel. Jetzt verarbeiten die Teams ihre Erkenntnisse, die Autos werden verändert oder ganz neu gebaut. Schumacher wird in Spanien in einem gänzlich anderen Silberpfeil sitzen. Das gilt natürlich auch für Rosberg, der nicht langsamer werden wird. Schumacher braucht jetzt einen Re-Start, er ist wieder Lehrling, der sich an die neuen Bedingungen anpassen und wieder nach vorn kämpfen muss - sonst endet der ehemalige Renngott bei seinem Comeback als normal sterblicher Durchschnittsfahrer. Und das wäre doch irgendwie ein tragisches Comeback.

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