HOME

Formel-1-Spaltung: Keine Gewinner, nur Verlierer

Das Erfolgsprinzip der Formel 1 war bisher ihre Einmaligkeit. Wenn jetzt die rebellierenden Rennställe um Ferrari ankündigen, eine "Piratenserie" zu gründen, dann gibt es kaum etwas zu gewinnen - für beide Seiten. Der Motorsport ist der Verlierer in diesem Machtkampf alter Herren. Noch besteht die Chance auf eine Einigung.

Von Elmar Brümmer, Silverstone

An dem Ort, an dem vor 59 Jahren die Wiege der Formel 1 stand, ist in der Nacht zum Freitag das Ende der Grand-Prix-Weltmeisterschaft eingeläutet worden. Acht von zehn Rennställen, darunter alle großen, haben in Silverstone angekündigt, im nächsten Jahr in einer eigenen Serie zu fahren. Die Königsklasse steht vor der Spaltung!

Draußen in der Dämmerung hoppelten Hasen an der Renault-Fabrik im mittelenglischen Enstone vorbei, doch von Idylle war keine Spur mehr bei der entscheidenden Sitzung der Formel-1-Rennstallgemeinschaft Fota. An dem Abend, bevor die Einschreibefrist des Automobilweltverbandes Fia für die WM-Saison 2010 endete, wurden alle Kompromissvorschläge verworfen. Der Machtkampf zwischen den von Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo angeführten Teams und Fia-Präsident Max Mosley ist durch das am Freitag um ein Uhr früh veröffentlichte Positionspapier eskaliert: Im Streit um das künftige Reglement, vor allem die Budgetobergrenze von 45 Millionen Euro pro Jahr, gibt es keinen Konsens mehr. Das ist der Anfang oder das Ende für den Top-Motorsport.

Keine weiteren Kompromisse

Die Rennställe BMW-Sauber, Brawn GP, Ferrari, McLaren-Mercedes, Red Bull, Renault, Toro Rosso und Toyota beklagen gemeinschaftlich, dass die Fia die Wünsche eines Großteils der Formel-1-Teilnehmer ignoriert habe, außerdem seien mehrere zehn Millionen Dollar Anteile aus Vermarktungsgeldern nicht bezahlt worden: "Deshalb will sich die Fota auf keine weiteren Kompromisse mehr bei den fundamentalen Grundwerten der Formel 1 einlassen." Als Konsequenz wurden nicht nur die Meldungen unter Vorbehalt für 2010 zurückgezogen: "Die Teams haben somit keine andere Alternative als die Vorbereitungen für eine neue Meisterschaft voranzutreiben. Eine Meisterschaft, die die wahren Werte der Teilnehmer und Partner darstellt." Aber für das Kind gibt es momentan noch nicht mal einen Namen, zur Jahrtausendwende gab es schon mal die Idee eines Ausbruchs namens "Formel Gold".

In der Theorie gibt es damit einen Idealzustand für die neue Rennserie – transparente Führung, ein einziges Reglement, neue Teilnehmer, Wünsche der Fans respektieren, Preise senken. Das einzige, aber größte Druckmittel: Die besten und bekanntesten Rennfahrer und die populärsten Teams und Marken sind in dieser "Piratenserie" am Start. Obwohl mit der Ankündigung die Eskalation betoniert war, handelt es sich gleichzeitig um einen letzten, massiven Versuch, die Fia per Drohgebärde doch noch zu Verhandlungen zu zwingen. Oder dafür zu sorgen, dass Max Mosley als "Zerstörer" der Formel 1 untragbar in seiner Funktionärsrolle wird, und kommenden Mittwoch bei der Sitzung des Fia-Weltrates abgewählt werden kann. Falls das nicht klappt, stehen die Automobilhersteller unter dem Druck, innerhalb eines Dreivierteljahres eine Gegen-Formel zu konzipieren, ganz abgesehen von der drohenden juristischen Schlammschlacht und den großen wirtschaftlichen Problemen.

Machtkampf alter Herren

"Wir sind enttäuscht, aber nicht überrascht", schrieb die Fia den PS-Revoluzzern zurück. Die Risiken sind für beide Seiten immens, größer als die Chancen: Die Fia, die bislang nur Williams und Force India von den bisherigen Teilnehmern fix nennen kann, behält zwar den Namen und das Prädikat, aber bietet unter diesem Deckmantel ein No-Name-Produkt an. Die Hersteller auf der anderen Seite müssen neue Strecken und Konzepte finden und dabei ihre Einigkeit behalten. Und die Zuschauer? Die sind über den monatelangen Machtkampf der alten Herren ohnehin genervt, die die Automobilkrise dazu benutzen, alte persönliche Rechnungen zu begleichen und sich gegenseitig die Geschäftsgrundlage zu entziehen.

Das Erfolgsprinzip der Formel 1 war bisher ihre Einmaligkeit. Wenn es sie nun doppelt geben soll, dann teilt sich nicht nur das Interesse, viele werden es bei der Unübersichtlichkeit - wie Parallelen in Nordamerika zeigen - sogar aufgeben. Aus Formel 1 und Formel 1a können kaum zwei Gewinner werden, aber ein großer Verlierer: Der Motorsport. Ach, es geht hier um Sport?

Wissenscommunity