HOME

Formel1: Schumis Welt

Vor dem Saisonfinale fehlt ihm nur noch ein Punkt zu seinem sechsten Titelgewinn. Der wäre ein Rekord für die Ewigkeit. Im stern-Interview spricht Michael Schumacher über seine Lust aufs Rundendrehen, seine neue Lockerheit und den Alltag mit seinen Kindern in der Schweiz.

Herr Schumacher, Gratulation zur Weltmeisterschaft. Oder zweifeln Sie etwa noch an Ihrer Titelverteidigung?

Es sieht schon sehr gut aus. Aber Gratulationen nehme ich sicher noch nicht an. Es passt nicht zu mir, keine Zweifel zu haben. Ich zweifle immer bis zum Schluss. Wer sich nicht immer wieder infrage stellt, kommt auf Dauer nicht voran, weder beruflich noch privat.

Am Sonntag können Sie einen Rekord für die Ewigkeit aufstellen. Sechsmal Weltmeister wird nach Ihnen wohl niemand mehr. Aber Sie sagen ja dauernd, dass Rekorde Sie nicht interessieren ?

Das wird gerne falsch verstanden. Natürlich berührt mich so was, natürlich macht es mich stolz. Aber ich versuche nicht, diesen Titel zu holen, weil er historisch wäre. Sondern weil es der Grund ist, warum wir uns überhaupt messen, weil wir alle Weltmeister werden wollen. Wenn es nun der sechste wird, wäre das eine Art Zugabe.

Sie haben in Italien getestet - kann man das Auto noch entscheidend verbessern?

Nein, entscheidend nicht, das ist zum Teil Selbstberuhigung. Wir haben getestet, um sicherzugehen, dass wir alles Menschenmögliche getan haben, um den Titel zu holen. Wir kämpfen auch noch um den Konstrukteurstitel. Den fünften für Ferrari hintereinander. Ein großes Ziel.

Ein Jahr lang haben Sie für uns Ihre Arbeitswelt fotografiert. Die Bilder Ihres Motorhomes erschüttern dabei ein Vorurteil: Sind Sie gar nicht so ein Ordnungsfanatiker, wie man das immer dachte?

Da ist ein großer Unterschied zwischen dem privatem und dem beruflichen Bereich! Beruflich ist mir gute Organisation sehr wichtig, privat kann ich’s mal richtig krachen lassen.

Sie sind ständig unterwegs, fühlen Sie sich da manchmal einsam?

Nein, nie. Leute wie unser Teamchef Jean Todt oder Technikchef Ross Brawn sind ja weniger Chefs als gute Freunde. Wir sitzen abends noch zusammen, essen gemeinsam. Harmonie ist wichtig, weil sie die Zusammenarbeit erleichtert. Dann wird Kritik nämlich als das verstanden, was sie sein sollte: konstruktiv. Man tut sich leichter mit Anregungen, weil man nicht politisch überlegen muss, wie man sie anbringt.

Als Fernsehzuschauer denkt man - dieser Schumacher, der fährt eine Stunde Auto am Tag, dann ist der fertig mit der Arbeit.

Von wegen. Du rennst den ganzen Tag im Fahrerlager rum, schüttelst Sponsoren die Hand, zwischendurch ein bisschen Smalltalk und ständig Besprechungen, bei denen du hochkonzentriert sein musst. Das schlaucht ganz schön. Abgesehen von einem harten Rennen ist es dann eher eine mentale als eine körperliche Erschöpfung.

Sind Sie abends auch so richtig alle?

Du kommst zurück ins Hotel und fällst manchmal einfach nur noch ins Bett. Ich bin froh, dass da einer wie mein Physiotherapeut Balbir ist, dem ich voll vertrauen kann. Manchmal schlafe ich ein, noch während er mich massiert.

Warum bringen Sie nie Ihre Kinder mit zur Rennstrecke?

Haben Sie gesehen, was das für ein Chaos war, als Mika Häkkinen früher mal seinen Sohn mitgebracht hat? Wie soll ein kleines Kind damit fertig werden? Ich glaube, man schadet Kindern damit; die werden sich schwer tun, Normalität zu leben. Meine Kinder sollen einfach nur als Gina und Mick aufwachsen und nicht mit dem Druck, die Kinder von Michael Schumacher zu sein. Unser Familienalltag ist wie der einer normalen Familie, wir essen zusammen, bringen die Kinder zur Schule und in die Vorschule.

Wissen Ihre Kinder schon, was ihr Vater da für einen Job macht?

Klar, die sind vier und sechs Jahre alt. Die schauen sich das auch im Fernsehen an. Jedenfalls den Start, danach wird’s ihnen schnell langweilig.

Wenn Sie wie zuletzt aus Amerika zurückkommen, was beschäftigt die Kinder dann?

Als wir ankamen, waren Gina und Mick schon aus der Schule zurück und haben gegessen - dann ging es darum, den, wie ich immer sage, "Zoo" bei uns zu Hause zu füttern. Vom Rennen fiel kein Wort.

Schwer, ihnen zu erklären, dass Papa mal wieder wegmuss?

So oft ist das gar nicht. Mal hier drei Tage, mal fünf. Und dann rufe ich eben von unterwegs an. Dazwischen bin ich aber mal einen ganzen Tag zu Hause und kann mein Training, meinen Tagesablauf komplett um sie herum organisieren. Das ist doch eine privilegierte Situation. Andere Väter arbeiten den ganzen Tag, und wenn sie heimkommen, sind die Kinder schon im Bett. Die sehen ihre Kinder noch seltener.

Es gibt Sportler, die ordnen ihr ganzes Leben ihrer Karriere unter, weil die kurz genug ist. Welche Priorität setzen Sie?

Ich nehme meinen Sport sehr ernst, aber ich habe meinem Manager schon vor sechs Jahren, nach Ginas Geburt, gesagt, dass ich mehr Zeit für die Familie haben möchte. Dass Sponsorentermine weniger und anders organisiert werden müssen. Das ist eh nicht meine Welt. Ich habe auch nicht mehr wie früher den Ehrgeiz, jeden Test selbst zu machen. Im Sommer verbietet das Reglement sowieso neuerdings Testfahrten.

Regeln ändern sich schnell in der Formel 1.

Sollte das dann extrem mit meinem Privatleben kollidieren, würde ich meine Karriere beenden. Die Familie ist mir eindeutig am wichtigsten.

Und ein gesundes Kontrastprogramm zur Scheinwelt Formel 1?

Mir ist schon klar, dass die Formel 1 eine künstliche Welt ist, die die echte nicht ersetzen kann. Auch wenn ich damit gewissermaßen aufgewachsen bin, war mir dieser Rummel immer schon fremd. Ich komme aus einem sehr normalen Elternhaus, das hilft.

Machen Sie sich deshalb nichts aus Statussymbolen?

Mein Einkommen selbst bedeutet finanzielle Sicherheit für mich und meine Familie. Die hätten sich meine Eltern auch gewünscht. Ansonsten gibt es nur ein paar Dinge, die mir wichtig sind: ein schönes Haus für uns alle oder das Flugzeug, das mir Zeit schenkt. Ich hatte auch mal eine Yacht, aber da hingen ständig Paparazzi herum. Das macht dann sowieso keinen Spaß.

Sie haben mehrere hundert Millionen Euro verdient. Selbst verdient. Was ist das für ein Gefühl? Normalerweise werden solche Vermögen heutzutage nur noch vererbt.

So habe ich darüber noch nie nachgedacht. Ich habe das nie nur an mir selbst festgemacht, weil ich weiß, dass ich meine Karriere sehr vielen Leuten zu verdanken habe. Meinen Eltern zum Beispiel, die mich immer unterstützt haben. Und in gewisser Weise kann man das als Erbe sehen.

Kennen Sie eigentlich Ihren Kontostand?

Nicht jederzeit den exakten, aber ich weiß schon sehr genau, was mit meinem Geld passiert, wenn Sie darauf hinauswollen.

Sie haben erlebt, wie sich die Formel 1 entwickelt hat, und sind mit ihr gewachsen. Wie schwer ist es für junge Fahrer, sich in dieser Welt zu bewegen?

Es kommt darauf an, wie man in die Formel 1 reinkommt. Fernando Alonso etwa hat bei Minardi angefangen, wo sich keiner für ihn interessierte, dann war er ein Jahr lang Testfahrer, nun fährt er für Renault und gewinnt sein erstes Rennen. Jetzt ist natürlich alles anders für ihn, aber zumindest hat er sich zwei Jahre lang eingewöhnen können. Andere, wie Juan-Pablo Montoya, sind von Beginn an in einem Spitzenteam. Die haben mehr Druck.

Haben Sie sich von diesem Druck befreit?

Ganz sicher.

Sie waren vorsichtig zu Beginn, regelrecht misstrauisch.

Bin ich immer noch. Das ist eine Erfahrungssache. Ich war immer vorsichtig, was ich zu wem sage, bis ich die Leute langsam kennen gelernt habe. Was glauben Sie, wie oft mir Aussagen schon verdreht wurden! Und dann bin ich sowieso ein eher zurückhaltender Mensch, es dauert, bis ich Vertrauen fasse. Dass ich heute etwas offener bin, ist ein Entwicklungsprozess.

Früher wirkten Sie oft wie ein Streber, inzwischen machen Sie einen entspannten Eindruck. Liegt es daran, dass Sie niemandem mehr etwas beweisen müssen?

Vielleicht, aber ich bin auch älter geworden, erwachsener. Ich finde aber nach wie vor, dass im Arbeitsleben zunächst andere Dinge wichtiger sind als Lockerheit. Zum Beispiel Disziplin. Und wenn dann der Erfolg da ist, wird man automatisch lockerer.

Auf einem Ihrer Fotos sind Autogrammjäger zu sehen. Wie viel Nähe zu Ihren Fans können Sie sich denn leisten?

Es dürfte gern mehr sein, aber es ist schwierig. In Indianapolis zum Beispiel ist ein Zaun umgefallen, weil die Fans sich dagegengestemmt hatten. Da hätten sich Leute verletzen können. Das ist so ein Dilemma, ich kann nicht alle zufrieden stellen, wo ziehe ich die Grenze? Wenn ich zehn Autogramme schreibe, stehen dahinter noch mal hundert Leute, die keines bekommen. Neulich habe ich eine Geschichte erlebt, da standen vorn an der Absperrung Kinder, und von hinten drückten Erwachsene. Das war beängstigend. Da fragt man sich, ob man besser gar nichts macht. Aber das ist auch keine Lösung.

Bringt Ihnen so ein Rennwochenende überhaupt noch Spaß?

Ja sicher, allein das Rennen fahren, dieser Wettbewerb, der Kampf, die Tüftelei. Meine Hauptmotivation ist mittlerweile der Spaß. Ich habe mein großes Ziel doch erreicht, schon im Jahr 2000, die Weltmeisterschaft mit Ferrari. Seither fahre ich aus reiner Freude.

<zwitit>Mal ehrlich: Was ist denn so geil daran, im Kreis rumzufahren?

Das kann man wahrscheinlich nicht nachvollziehen, wenn man es noch nicht erlebt hat. Aber das Gefühl, genau das Limit zu spüren und am Rand der physikalischen Möglichkeiten die Kurven zu fahren, das ist unheimlich schön. Das ist wahrscheinlich wie der perfekte Schwung im Golf oder der perfekte Schlag im Tennis, da fließt alles zusammen zu einer Einheit. Das verleiht einem eine tiefe Befriedigung.

Fühlen Sie sich eigentlich alt im Vergleich zu Jungs wie Alonso und Räikkönen?

Nein, ich fühle mich nicht wie 34. Ich spiele ja dauernd mit den Jungs Fußball, mit Alonso, und ich bin genauso fit wie die. Mein Arzt sagt, ich hätte die Werte eines 25-Jährigen. Dann passt es ja wieder.

Hören Sie also nicht nach Ihrem sechsten Titel auf und machen einem Jungen Platz?

Jetzt fangen Sie nicht auch noch an. Warum sollte ich? Ich fahre, solange es mir Spaß macht. Manchmal habe ich das Gefühl, je länger ich dabei bin, desto mehr liebe ich diesen Sport.

print

Wissenscommunity