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Großer Preis von Monaco: Schumacher beißt - und wird bestraft

Im Team Red Bull galt die Hierarchie als geklärt. Von wegen! Nach dem Sieg von Mark Webber beim GP von Monaco ist klar: Sebastian Vettels schärfster Konkurrent lauert im eigenen Lager. Und Michael Schumacher? Der ist endgültig kein netter Rennonkel mehr.

Von Elmar Brümmer, Monte Carlo

Wenn ein Duell in den Spitzenteams der Formel als entschieden galt, bevor die Saison begonnen hat, dann war es das bei Red Bull. Der Australier Mark Webber (33) war fürs Gandenbrot vorgesehen, Sebastian Vettel (22) für den Titel. Das Ergebnis des Jubiläums-Grand-Prix der Formel 1 in Monte Carlo markiert auch den aktuellen Stand der Weltmeisterschaft: Webber triumphiert zum zweiten Mal innerhalb von acht Tagen und führt punktgleich, aber mit einem Sieg mehr, mit 78 Punkten in der Gesamtwertung. Der Außenseiter kann den Triumph kaum fassen, er wiederholt nach der ersten WM-Spitzenposition in seinen neun Formel-1-Jahren immer nur: "Es ist ein ganz, ganz besonderer Tag für mich." Und hegt einen Wunschtraum: "Wenn doch heute nur das WM-Finale gewesen wäre..." Das Duell Webber gegen Vettel wird an Intensität zunehmen, auch an Härte - ähnlich wie der Wettstreit in Silber zwischen Nico Rosberg und Michael Schumacher.

Schumacher schiebt sich auf den letzten Metern des Rennens, dass den 60. Geburtstag der Formel 1 markiert, nach der vierten Safety-Car-Phase des Rennens in der berüchtigten Rascasse-Kehre an dem ursprünglich aus der Boxengasse gestarteten Fernando Alonso im Ferrari vorbei. Einen Angriff auf Platz sechs, mit dem der Spanier nicht mehr gerechnet hat. Ausgerechnet in jener Kurve, in der sich vor vier Jahren das umstrittene "Parkmanöver" im Qualifying zutrug, das dem Spanier damals die schnellst Runde versaute. Schumacher wurde ans Ende des Feldes versetzt, beteuert bis heute seine Unschuld und hat viel öffentlichen Kredit deshalb eingebüßt.

Manöver unter Beobachtung


Doch die Freude hielt nur drei Stunden. Sofort nach der überraschendsten Aktion des Nachmittags signalisierten die Rennkommissare, das Manöver unter Beobachtung zu nehmen. Zwar ist ein Rennen wieder frei, wenn das Safety Car in die Boxengasse abgebogen ist, aber in der letzten Runde macht die Regel eine Einschränkung. Der Fehler lag bei den Streckenposten, die grüne Flaggen zeigten, und beim Mercedes-Team, dass Schumacher und Rosberg zur Attacke aufforderte. Ferrari wiederum hatte Alonso gewarnt. Die unsichere Rechtslage nutzte nichts, am Ende wurde der Kerpener wegen des Verstoßes gegen Artikel 40.13 verurteilt – in den letzten fünf Runden ist das eine automatische Zeitstrafe von 20 Sekunden. Aus Rang sechs mit acht Punkten wird Platz zwölf. Kollege Nico Rosberg rutscht damit auf Platz sieben vor, Adrian Sutil auf acht. Mercedes wird die Entscheidung vor dem Berufungsgericht der Fia anfechten.

Die Verzweiflungstat aber zeigt, dass die Instinkte des Kerpeners immer noch intakt sind - auch wenn es nur um zwei Punkte mehr oder weniger geht. Das ist eine Charakterfrage, und in der Auseinandersetzung mit Ferrari und Alonso kommt auch noch eine persönliche Genugtuung hinzu. Wie klug das war, muss sich noch zeigen. Im Jahr 2005 hatte er ein ähnliches Manöver gegen Rubens Barrichello und seinen Bruder Ralf gelandet. Der zusätzliche Frust diesmal resultiert aus dem Top-Ten-Qualifying, als ihn sein Teamkollege Nico Rosberg aufgehalten hatte. Ein Duell, das sich ähnlich entwickeln kann wie das bei Red Bull. Die Zeit der Allgemeinplätze und der nach außen gelebten Harmonie im silbernen Lager ist jedenfalls vorbei.

Red Bull beweist seine Ausnahmestellung


Sebastian Vettel beginnt aufgrund der starken Konkurrenz im eigenen Haus zu spüren, dass die Unzuverlässigkeiten seines Red Bull in den ersten Rennen ihn im Titelrennen noch teuer zu stehen kommen können. Umso wichtiger für ihn war, dass er gleich am Start den überraschend starken Polen klassisch ausbremste. Vettel verspricht Revanche: "Diesmal konnte ich nicht mithalten. Der Start war der Schlüssel, um Platz zwei und viele Punkte zu sichern. Das war heute unser Maximum. Aber jedes kommende Rennwochenende ist eine neue Herausforderung." Der Red Bull hat in Monaco erneut seine technische Ausnahmerolle unter Beweis stellen können.

Und Michael Schumacher schließt mit dem Ausrufezeichen nach einem eher langweiligen Rennnachmittag endlich wieder an den ersten Teil seiner Karriere an: Keiner polarisiert so schön wie er.

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