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Istanbul Grand Prix: Ein bisschen Frieden in der Formel 1

Drei Wochen lang war die F-1-Karawane getrennt. Der Urlaub muss der High-Tech-Klasse wie Sommerferien vorgekommen sein. Das Wiedersehen in Istanbul hatte deshalb etwas von Schulanfang: Wer hat was mit wem? Was machen die Störenfriede? Wer wird nicht versetzt?

Von Elmar Brümmer, Istanbul

Der Rebellenbart, den sich Weltmeister Fernando Alonso hat stehen lassen, soll keine falschen Rückschlüsse zulassen: Offiziell haben der Spanier und sein direkter Gegenspieler, der WM-Führende Lewis Hamilton, im Istanbuler Conrad Hotel Frieden geschlossen. Spannend beim Start ins letzte Drittel der Formel-1-Saison ist nicht nur, wie lange der Friede bei McLaren-Mercedes hält.

Noch denkt keiner wirklich dran, was vor der Königsklasse liegt: Die entscheidenden sechs Rennen dieser Weltmeisterschaft werden innerhalb von acht Wochen ausgetragen, selbst für die Höchstgeschwindigkeits-Branche ein Höllen-Tempo. Die Stress-Bewältigung hat jeder auf seine Art betrieben: Lewis Hamilton plantschte mit der Tochter eines saudi-arabischen Milliardärs, Ralf Schumacher lümmelte mit Familie in St. Tropez, Fernando Alonso kickte bei einem Schweizer Drittligisten, David Coulthard verkaufte mit einer Bulimie-Episode seine Biographie, Kimi Räikkönen amüsierte sich bei einer Herrentour, bei der der Finne und seine Kumpels sich Gorilla-Kostüme überzogen.

Friedens-Gipfel am Bosporus

Das war’s dann vorläufig mit den leichten Momenten. Vor allem das Spitzenreiter-Team von McLaren-Mercedes wird von Sorgen und Affären gedrückt: Zwei Verfahren vor dem Berufungsgericht das Automobilweltverbandes stehen im September an. Dringender noch war die Entschärfung der In-Team-Feindschaft von Fernando Alonso und Lewis Hamilton, die durch Alonsos Parkmanöver in der Boxengasse von Budapest eskaliert war. Das ist weder vergessen, noch vergeben. Beim Friedens-Gipfel am Bosporus hatten sich die Silberpfeil-Bosse - Teamchef Ron Dennis, McLaren-Geschäftsführer Martin Whitmarsh, Mercedes-Sportchef Norbert Haug - die beiden Streithähne Hamilton und Alonso, die an der WM-Spitze nur durch sieben Punkte getrennte werden, zur Brust genommen. Einzeln. Resultat, laut schriftlicher Erklärung des Rennstalls: „Beide Fahrer haben verstanden, dass das Team alles möglich macht, um beide Fahrer gleich zu behandeln und ihnen die gleiche Siegchance zu geben." Anschließend sprachen sich Alonso und Hamilton aus. Offizielles Statement: "Sie haben einen konstruktiven Weg für die Zukunft gefunden". Das klingt gut und ist sicher ebenso gemeint. Aber in der Realität handelt es sich um einen sehr zerbrechlichen Frieden, der in jeder Kurve neu auf der Probe steht. Zwei Ausnahmerennfahrer wie den Briten und den Spanier kann man einfach nur aufeinander los lassen. Die silbernen Häuptlinge müssen nur dafür Sorge tragen, dass die beiden sich nicht gegenseitig von der Piste kegeln, und damit Ferrari automatisch wieder eine echte Titelchance geben.

Schumi II bangt um die Versetzung

Ob Fernando Alonso dauerhaft dem Team erhalten bleibt, ist nicht allein eine Frage des sportlichen Erfolges. Der Titelverteidiger und seine Entourage haben in letzter Zeit alles getan, um sich bei McLaren nicht wohl zu fühlen. Das weckte umgehend Begehrlichkeiten bei der Konkurrenz: Flavio Briatore griff gern die Gerüchte über eine Rückkehr des Champions zu Renault auf. Und auch Ferrari, Toyota und BMW wurden mehr oder weniger geschickt ins Gespräch gebracht - der Aufruhr war groß. Die deutsche Variante ist seit dieser Woche als Finte entlarvt: Nick Heidfeld wird auch in der kommenden Saison den BMW-Rennwagen steuern, Seite an Seite mit Robert Kubica. Der Mönchengladbacher hat offenkundig sogar einen Zwei-Jahres-Vertrag. "An der Verlängerung gab es nie ernsthaft Zweifel", verrät BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen und erklärt, dass Alonso keine Rolle in den Überlegungen gespielt habe. Jedenfalls noch nicht für 2008. Aber überhaupt das Interesse des Weltmeisters geweckt zu haben, schmeichelt den Münchnern auf dem Weg nach oben. Die vorgeblichen Wechselgelüste des Spaniers blockieren den ganzen Transfermarkt, denn Briatore will bis September abwarten, ob er den Ex-Zögling doch noch mit Sponsorenmillionen locken kann. Renault ist das einzige Top-Team mit Vakanz. Einziger deutscher Pilot mit nach wie vor ungewisser Zukunft ist Ralf Schumacher, obschon er sich selbst immer noch sicher ist, auch in der kommenden Saison noch mit am Start zu sein. Der 32-Jährige muss darauf hoffen, dass Toyota noch mal ein Jahr mit ihm weitermachen will. Schumacher junior, fünf WM-Pünktchen, stellt sich selbst ein Zeugnis aus: "Ausreichend." Ob das für die Versetzung ausreicht?

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