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1. Bundesliga: Bundesliga-Vorschau - FC Schalke 04

Jung gegen alt und Rangnick gegen Raul. Auf Schalke spielt sich schon vor Saisonbeginn einmal mehr eine Seifenoper ab. Wir haben gute Zeiten sowie schlechte Zeiten gesehen und sind dennoch zuversichtlich, was die Saisonprognose anbelangt. Doch Faktor X könnte auch unsere Gleichung zur Chaostheorie verkommen lassen.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten? Eine Seifenoper gibt es natürlich bei Schalke in irgendeiner Form in jedem Jahr. In diesem Jahr wurde zum Kampf der Generationen aufgerufen. Jung gegen alt heißt die Ansetzung und im ersten Akt wurde gleich der Königsmord an Kultkicker Raul geprobt. Wir versuchen Fiktion und Wirklichkeit zu trennen und wagen eine kühne Saisonprognose. Doch Faktor X könnte auch unsere Gleichung zur Chaostheorie verkommen lassen.Gute Sommer-ZeitenGut war der Sommer in Gelsenkirchen vor allem für die Jugend. "Es macht einfach Spaß in einem jungen Kader, in dem 25 Mann miteinander lachen", beschrieb etwa Lewis Holtby (20) die Atmosphäre bei den Königsblauen. Seid Branchenprimus Dortmund mit der jüngsten Meistermannschaft aller Zeiten den Trend setzte, ticken die Uhren auch auf Schalke für Spieler, die jung, laufstark und spielfreudig sind. Ralf Rangnick gab sich trendbewusst und folgerichtig hatte vor allem die junge Garde Oberwasser.

Benedikt Höwedes (23) heißt der neue Kapitän, Lewis Holtby (20) hat einen Stammplatz sicher, Joel Matip (19) scheint im defensiven Mittelfeld gesetzt, Kyriakos Papadopoulos (19) hat Christoph Metzelder in der Innenverteidigung verdrängt, Alexander Baumjohann (24) und Julian Draxler (17) gehören ebenso zu den Gewinnern der Vorbereitung. Doch Ralf Rangnick gibt diesen Spielern nicht aufgrund bloßer Jungendliebe den Vorrang. Sein bevorzugtes System ist auf Pressing ausgelegt. Auf ein laufintensives Spiel, in dem Überzahl geschaffen wird sowie die gedanklich und technisch schnelle Verarbeitung bei Ballgewinn, das sogenannte Umschalten."Schalke hat die wenigsten Kontertore der Liga erzielt, das wollen wir ändern", lautet die neue Marschroute. Ragnick entdeckte schnell, dass der Magath-Kader kaum schnelle Konterspieler bereitstellte. "Alle schnellen Angriffe sind zuletzt immer nur über Jefferson Farfan über die rechte Seite gelaufen“, beklagte Rangnick laut Tagesspiegel. Damit standen zwei Spielertypen fest, die im ersten Sommer unter Ralf Rangnick eher schlechte Zeiten erlebten: Die älteren- und die langsamen Spieler, und das eine schließt das andere in den seltensten Fällen aus.Schlechte Sommer-ZeitenChristoph Metzelder (30), Peer Kluge (30), Hans Sarpei (35) und Edu (29) gehören zu den Verlierern der Vorbereitung, auch Raul (34) und Klaas-Jan Huntelaar (27) scheinen nicht zu den Lieblingsspielern des Trainers zu gehören. Metzelder hatte unter einer Grippe zu leiden, Stammspieler Peer Kluge unter mangelndem Vertrauen und ausbleibender Kommunikation. "Ich finde das sehr merkwürdig. Ich habe immer Leistung gebracht, bin top-fit aus dem Urlaub zurückgekommen. Der Trainer hat nicht mal mit mir darüber gesprochen", so der Stammspieler der letzten Saison über sein Reservistendasein laut bild.de.

Auch hier gilt es zu überprüfen, ob Ralf Rangnick aus bloßer Antipathie den Korsettstangen des Magath-Kader misstraut. Wir sind der Meinung, Ralf Rangnick folgt einer Idee und viele junge Spieler sind so weit, diese Ideen als Leistungsträger umzusetzen zu können. Kyriakos Papadopoulos ist schnell, körperlich unglaublich robust und mit einem guten Passspiel ausgestattet. Er könnte Metzelder den Rang ablaufen. Lewis Holtby fehlte in der letzten Saison die Konstanz. Er könnte den Sprung zum Leistungsträger unter Befürworter Rangnick schaffen. 

Joel Matip ist hoch veranlagt, das gilt natürlich auch für Dauersorgenkind Alexander Baumjohann, für den diese Saison die letzte Chance ist, bei seinem Lieblingsverein den Durchbruch zu schaffen. "Er ist ein absolutes Talent, hat geniale Anlagen und kann jeden Gegner in Grund und Boden spielen. Aber er sollte die Chance, die er jetzt bekommt, auch nutzen. Er weiß, dass es seine letzte Chance ist, vielleicht für die ganze Karriere. Dafür muss er richtig Gas geben. Er hat keine Zeit mehr für einen Schritt nach vorn und zwei zurück“, so Horst Heldt auf westline.de.Die jungen Wilden stehen also nicht zu unrecht vor der Wachablösung von Metzelder, Kluge, Sarpei, Edu und Co. Zumal Edu und Sarpei auch in der letzten Saison keine Leistungsträger waren. Entscheidend für das Gleichgewicht im Schalker Kader ist aber wohl vermutlich die Personalie Raul. Der Spanier ist ein absoluter Liebling der Fans. Diesen Status hat er sich durch viel Fleiß und zum Teil sensationelle Leistungen erarbeitet. Auch in der Hierarchie der Mannschaft nimmt er einen wichtigen Bezugspunkt ein. Metzelder und Kluge auf der Bank, da darf sich Raul nicht verletzen.Wer darf sich nicht verletzen?Zwar hat Schalke genug offensive Mittelfeldspieler, die die neue Rolle des Spaniers ebenfalls adäquat bekleiden können, doch Raul ist auch als Führungsspieler enorm wichtig.  Die jungen Spieler schauen zu ihm auf, durch sein Engagement ist er das Vorbild im Kader. Zudem war er der erfolgreichste Torschütze der Schalker in der letzten Saison und hat in den entscheidenden Spielen die Weichen auf Sieg gestellt. Klaas-Jan Huntelaar wird zwar vermutlich mehr Treffer erzielen als in der letzten Saison, doch ohne Raul ist der Angriff der Schalker nur halb so gefährlich.

Die Frage an den FachmannWir haben mit Philipp Selldorf den Schalke-Experten der Süddeutschen Zeitung zum brisanten Thema Raul befragt. Wir wollten wissen, warum Raul derzeit keine Interviews gibt. Ist er über die neue Rolle im offensiven Mittelfeld, die Ralf Rangnick ihm zugeteilt hat, verstimmt?Philipp Selldorf: "Ich denke, Raul will erst einmal schauen, wie gut er mit dem Trainer in der neuen Saison zurechtkommt. Ich würde das so deuten, dass er ein bisschen misstrauisch ist, weil sich nun mal seine Rolle im taktischen System verändert hat. Er spielt jetzt in der zentralen offensiven Position, was ihn nötigt, weite Wege nach hinten gehen zu müssen. Er ist damit zum Teil weit vom Strafraum entfernt, das ist eine neue Rolle, damit muss er zurechtkommen.“

Ragnick entgegnete dem Vorwurf der neuen Rolle für Raul damit, dass Raul auch in der letzten Saison hängende Spitze gespielt habe und nie ganz vorne drin...Philipp Selldorf: "Das stimmt, aber hängende Spitze und offensives Mittelfeld, da sind noch ein paar Meter Unterschied. Es war ja gerade unter Magath so, dass Raul, als er nach Schalke kam, zu viel auf einmal wollte und weite Wege gegangen ist. Dadurch war er zu Beginn seiner Zeit relativ wirkungslos. Magath hat ihn dann ein Stück nach vorne gezogen und quasi zu seinem Glück gezwungen und auf einmal war er wieder torgefährlich. Aber die Saison hat noch nicht begonnen, deshalb muss man mal abwarten, wie er mit der Rolle umgeht. Dass Raul jetzt keine Interviews gibt, entspringt weniger einem großen Unmut, sondern auch seiner Art, erst einmal Leistung sprechen zu lassen."

Wie ist Ihre Saisonprognose für Schalke 04?Philipp Selldorf: "Ich schätze Schalke hoch ein. Ich glaube, dass sie unter die ersten Fünf der Tabelle kommen werden und sich durchaus mit Dortmund und Leverkusen messen können. Zwar sind die beiden Vereine besser besetzt, die hohe Belastung durch die Champions League könnte sich aber bei den Konkurrenten auswirken. Schalke könnte das ausnutzen. Allerdings kommt bei Schalke immer der X-Faktor dazu." 

Prognose

Philipp Selldorf hat vollkommen recht. Der Faktor X spielt auf Schalke eine außerordentliche Rolle. Ähnlich wie beim FC Hollywood, bildet auch bei der Skandalnudel Schalke das Drumherum eine entscheidende Variable. In der Flügelzange zwischen Boulevardmedien und der hohen Erwartungshaltung der Fans, getrieben von den seit über 50 Jahren unerfüllten Meisterschaftsträumen und gepiesackt vom Erfolg des Erzrivalen aus Lüdenscheid-Nord, können schon zwei, drei Niederlagen hintereinander erneut ein Führungschaos auf Schalke bedeuten. Wir behalten das im Hinterkopf, konzentrieren uns aber auf die Fakten des rein Sportlichen.

Schalke hat die seit vielen Jahren schwelende Problemstelle Numero eins, die linke Außenverteidigerposition, mit Christian Fuchs sehr gut besetzt. Ralf Fährmann (derzeit verletzt) ist zwar kein Manuel Neuer, zeigte im Supercup aber, dass er ein verlässlicher Rückhalt sein kann. Das Mittelfeld ist überragend besetzt. Mit Lewis Holtby, Jan Moravek, Jose Manuel Jurado, Alexander Baumjohann, Julian Draxler und Jefferson Farfan verfügt Königsblau über ein beeindruckendes Offensivpotenzial. Holtby könnte sogar als kreativer Sechser eingesetzt werden, spielte zuletzt mit neben Joel Matip auf dieser Position. Raul und Klaas-Jan Huntelaar sind Stürmer von internationalem Format und Benedikt Höwedes bildet zusammen mit Kyriakos Papadopoulos ein starkes Defensivgespann in der Abwehr-Zentrale. 

Die Qualität im Kader ist vorhanden und Ralf Rangnick ist ein anerkannter Taktikfuchs, der aus den Zutaten ein schlagkräftiges Kollektiv bilden wird. Wir sind der Meinung, Schalke kann Platz zwei erreichen, es sei denn, Faktor X zerstört wieder einmal alle Planungen und lässt das Sportliche in den Hintergrund treten. 

Michel Massing

sportal.de / sportal

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