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1. Bundesliga Bundesliga-Vorschau - Hamburger SV


In Hamburg wird in dieser Saison kürzer getreten. Statt Weltstars wurden bislang ambitionierte Talente geholt - am liebsten vom FC Chelsea. Der Neuaufbau einer erfolgversprechenden Mannschaft ist die erste Aufgabe von Michael Oenning und dem neuen Sportchef Frank Arnesen. Doch wird man im Umfeld die nötige Geduld aufbringen?

Dreizehn Punkte hinter einem Europapokalplatz landete der Hamburger SV in der letzten Saison. Zum zweiten Mal in Folge wurde das internationale Geschäft verpasst. Präsident Bernd Hoffmann wurde zusammen mit Vorstand Katja Kraus des Hofes verwiesen. Trainer Armin Veh erwischte es natürlich auch. Zahlreiche routinierte Spieler verließen nach Saisonende zudem den Verein.

Nun wird mit Michael Oenning und dem neuen Sportchef Frank Arnesen der Neuaufbau mit deutlich weniger Mitteln eingeleitet. Wie Borussia Dortmund hofft man mit jungen Spielern zum Erfolg zu kommen. Im Falle des HSV kamen die vor allem vom FC Chelsea. Doch das wird einige Zeit dauern. Daher stellt sich die Frage, ob Fans wie Verantwortliche die nötige Geduld aufbringen werden. Wir sehen den HSV vor einer sehr schwierigen Saison.

Gute Sommer-Zeit
Am dritten Juli kassierte der HSV eine deutliche 1:5-Schlappe gegen den VfL Wolfsburg. Dieses Ergebnis scheint die Spieler aufgerüttelt zu haben. Danach folgten nur noch Siege in der Vorbereitung. Sogar der FC Bayern wurde mit 2:1 bezwungen. Der Meister und Gegner des ersten Spieltages Borussia Dortmund zeigte den Hamburgern dann allerdings wieder deutliche Grenzen im Endspiel des Liga-Total-Cups auf.

Vor allem die Offensive wusste bei den Testspielsiegen zu gefallen. Heung-Min Son erzielte gegen den Rekordmeister beide Treffer, zeigte sich wendig, kämpferisch stark und vor allem treffsicher. 17 Treffer hat er nun schon in der Vorbereitung erzielt. Auch Neuzugang Gökhan Töre wusste durch Passsicherheit bislang zu gefallen. Mit dem in der letzten Saison lange Zeit verletzten Dennis Diekmeier hat man scheinbar außerdem eine Alternative für die schwächelnde rechte Abwehrseite gefunden.

Schlechte Sommer-Zeit
Arnesen hat in diesem Sommer alle Hände voll zu tun. Nicht mehr als 32 Millionen will der HSV für Gehaltszahlungen ausgeben. Das wären immerhin 16 Millionen weniger als in der vorigen Spielzeit. Zudem betrug das Minus aus der letzten Saison nach Informationen des Hamburger Abendblattes satte fünf Millionen Euro. Da noch Teilzahlungen für längst getätigte Transfers geleistet werden müssen, besteht kaum ein Spielraum für teure Neuverpflichtungen.

Deshalb liest sich die Transferbilanz der Hanseaten auch sehr bescheiden. Ein Dutzend Spieler wurden bislang abgegeben, allerdings wurden nicht die Preise erzielt, die man sich erhofft hatte. Zudem hinterlassen Provisionszahlungen negative Spuren auf dem Konto, wie die Tatsache, dass man wie bei Alex Silva oder aus dem nun allgemein als missglückt angesehenen Kühne-Investoren-Deal nur Teilrechte an Spielern besitzt.

Stammkräfte wie Ze Roberto, Joris Mathijsen, Ruud van Nistelrooy und Frank Rost sind genauso nicht mehr in Hamburg wie Jonathan Pitroipa, und Piotr Trochowski. Geholt wurden fast ausschließlich junge, meist noch unerfahrene Spieler wie Gökhan Töre, Jacopo Sala und Michael Mancienne, die eines gemeinsam haben: Arnesen kennt sie bestens aus seiner Zeit beim FC Chelsea.

Dies gilt auch für Leihgabe Jeffrey Bruma, der immerhin schon zwei Länderspiele in der niederländischen Elftal absolviert hat. Der mit 17 Länderspielen erfahrenste Neuzugang Per Skjelbred wird im August an der Alster erwartet. Doch der HSV ist die erste Auslandsstation des 24-jährigen norwegischen Mittelfeldspielers. Weitere Neuzugänge sind von Verkäufen abhängig. So wird weiterhin über einen Verkauf von Paolo Guerrero spekuliert, an dem aber Kühne ein Drittel der Transferrechte hält.

Eine der wenigen Stärken des HSV in der letzten Saison war es, Partien, in denen man nicht überzeugte, dennoch zu gewinnen dank Erfahrung, Willenskraft und der Fähigkeit Schwächen des Gegners gnadenlos zu nutzen wie zum Beispiel bei Siegen in Mönchengladbach oder in Wolfsburg. Es bestehen berechtigt große Zweifel, ob nach den erfolgten Abgängen diese Qualität noch vorhanden ist.

In Hamburg ist man anderes gewöhnt. Bernd Hoffmann wollte den HSV unter Europas Top20 führen. Das hatte er kurzzeitig geschafft. Allerdings mit einem Vorgriff auf zukünftige Einnahmen. Deshalb müssen beim Europapokalsieger von 1983 nun kleinere Brötchen gebacken werden. Und das seit 24 Jahren andauernde sehnsüchtige Warten auf einen Titel geht weiter.

Wer darf sich nicht verletzen?
Mladen Petric war letzte Saison mit großem Abstand der gefährlichste Hamburger. Elf Treffer erzielte er in gerade einmal 22 Partien. Zudem legte er sechs Mal für seine Kollegen auf. Der Stürmer war und ist so etwas wie die Lebensversicherung des HSV. Allerdings befindet er sich noch in Verhandlungen, da sein aktueller Vertrag im nächsten Jahr ausläuft. Daher ist auch ein Abgang des Torjägers nicht ausgeschlossen. Ein Verkauf würde eine große Lücke reißen, denn von den verbliebenen Angreifern erzielte Paolo Guerrero vier, Heung-Min Son drei und Eric Choupo-Moting gerade einmal zwei Tore in der vergangenen Spielzeit. Darauf, dass Sons Torquote der Vorbereitung eine Fortsetzung in den Ligaspielen findet, kann man sich nicht verlassen.

Prognose
Die Hamburger stehen vor einer schweren Saison. Der Anspruch internationale Spitzenklasse zu sein, wurde im letzten Jahr weit verfehlt. Nun bewegt sich der Verein im grauen Mittelmaß. Guerrero wird nach der Teilnahme bei der Copa erst einmal Urlaub machen, die gewünschten Transfers sind noch lange nicht alle vollzogen und noch hat Petric einen neuen Vertrag nicht unterschrieben. Die Frage aller Fragen aber wird sein, wie sehr Fans und Verantwortliche dem Trainer auch dann noch vertrauen, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt und die Europapokalplätze erneut in weite Ferne rücken. Michael Oenning wird beweisen müssen, dass er aus dem mit vielen Talenten gespickten Kader eine Mannschaft formen kann, die Ansätze für größere Taten zeigt. Allenfalls dann wird das Umfeld auch die nötige Geduld aufbringen und der Trainer das damit verbundene nötige Vertrauen erhalten.

Mehr als Mittelmaß wird beim HSV in dieser Saison nicht herausspringen. Zu viele Fragezeichen bestehen rund und den Kader. Der Umbruch wird einige Zeit benötigen. Ob Oenning der richtige Mann für diese Maßnahme in einem schwierigen Umfeld ist, wird sich schon in den kommenden Wochen zeigen. Zu einem Platz fürs internationale Geschäft wird es erneut nicht reichen. Aber auch mit dem Abstiegskampf werden die Rothosen nichts zu tun haben. Am Ende wird man sich in der Hansestadt mit Rang 11 zufrieden geben müssen.

Uwe Toebe

sportal.de sportal

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