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1. Bundesliga Der Fall Babbel und 16 Jahre Bosman-Urteil


Vor 16 Jahren sprach der Europäische Gerichtshof das Bosman-Urteil. Vor 16 Stunden wurde Markus Babbel von Hertha BSC entlassen. Was diese beiden Vorgänge miteinander zu tun haben? Mehr, als Sie denken.

Markus Babbel ist nicht mehr Trainer von Hertha BSC. Aber was genau hat die Eskalation der Arbeitssituation ausgelöst? Und wo genau liegt der Skandal darin, dass ein Bundesligatrainer seinen Vertrag erfüllen, aber nicht vorzeitig verlängern will? Dass "Verträge nichts mehr wert" seien, wird oft medienwirksam beklagt. Meistens von Clubs, deren Angestellte sich karrieretechnisch verbessern wollen.

Das berühmte Bosman-Urteil von 1995, das sich in der abgelaufenen Woche gerade zum 16. Mal jährte, hat auf dem Spielermarkt bekanntlich für einen sehr vorausgreifenden Umgang mit Arbeitsverträgen gesorgt. Die Richter am Europäischen Gerichtshof hatten damals entschieden, dass Profisportler nach Ablauf ihres Arbeitsvertrages die Freiheit besäßen, sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen.

Kurzum: Fußballer wurden als Arbeitnehmer behandelt, für die das europäische Arbeitsrecht gelte wie für andere auch. Als Nebenwirkungen des Bosman-Urteils wurde die Macht der Spieler (zumindest der Stars unter ihnen) und nicht zuletzt ihrer Agenten und Vermittler gestärkt, mussten die Clubs ihren Leistungsträgern doch nun viel mehr bieten, um sie an sich zu binden. Die Rechtslage hat aber auch dazu geführt, dass Verträge und ihre Laufzeiten - anders als vielleicht von den Richtern intendiert - gar nicht mehr beim Wort genommen werden.

"He went to Madrid on a Bosman"

An die Stelle der freien Wahl des Arbeitsplatzes nach Ablauf der Vertragsdauer, des sogenannten Bosman-Transfers ("He went to Real Madrid on a Bosman", wie es in England heißt), ist die Vertragsverhandlung noch weit vor dem Ablauf der Fristen getreten.

Wenn ein Spieler seinen Vertrag nicht ein Jahr vor dem Ende seiner Vertragslaufzeit verlängern will, so gilt das oft als Indiz für mangelnde Treue zum Verein. Da Transfersummen als Entschädigungen für den abgebenden Club nur noch bei vorzeitigen Transfers aus dem laufenden Vertrag heraus gezahlt werden dürfen und Spieler sechs Monate vor Ablauf ihrer Verträge schon in Verhandlungen mit Interessenten eintreten dürfen, gilt es mittlerweile als vorausschauende Vereinsführung, sich von wichtigen Profis mindestens ein Jahr im Voraus zu trennen, um noch Geld zu bekommen.

So lief es etwa im Fall von Michael Ballack, als der in der Saison vor Ablauf seiner Vertragszeit beim FC Bayern einer Vertragsverlängerung nicht zustimmen wollte, woraufhin die Münchner enttäuscht ihr Angebot zurückzogen - und dann zusehen mussten, wie ihr Mittelfeldspieler ohne Ablöse nach Chelsea wechselte.

Ablöse für Trainer?

Unter Trainern ist das Bosman-Urteil auf den ersten Blick nicht so relevant. Zwar gilt das europäische Gemeinschaftsrecht natürlich ebenso für Coaches, aber da es auch zuvor  keine Ablösesummen bei Trainerwechseln gab, besitzt die Rechtslage hier nicht so viel Brisanz. In Fällen, in denen Trainer während einer Saison den Club wechseln, werden allerdings nicht selten Entschädigungssummen fällig, zuletzt etwa bei Thorsten Finks Abschied in Basel vom HSV.

Der Hamburger Sportdirektor Frank Arnesen, der den entsprechenden Deal mit den Schweizern aushandelte, war seinerseits 2005 Gegenstand einer hohen Ablösesumme, die Chelsea an Tottenham Hotspur zahlen musste, weil die Blues den Sportchef aus seinem laufenden Vertrag bei den Spurs herauskaufen wollten: Sechs bis neun Millionen Euro wechselten damals den Besitzer, wenngleich die Summe offiziell nicht in dieser Höhe bestätigt wurde.

Was hat das alles nun mit Markus Babbel und Hertha BSC zu tun? Einiges. Denn bei allen persönlichen Vorwürfen und "Er hat mich einen Lügner genannt"-Anschuldigungen: Was war der Auslöser der Krise, die am vierten Advent mit der unchristlichen Entlassung des Aufstiegstrainers endete?

Wer die Wahrheit sagt? Das weiß man nicht. Aber man weiß anderes.

Da sportliche Gründe kaum eine Rolle gespielt haben können - steht Hertha doch mit 20 Punkten genau im Soll und im Mittelfeld der Liga - scheint die Angst vor dem drohenden Ende der Arbeitsbeziehung die Verantwortlichen die Nerven gekostet zu haben. Wohl gemerkt wissen wir nicht, wer über die vor einigen Wochen vermeintlich getroffenen internen Absprachen die Wahrheit sagt.

Wir kennen aber die Rahmenbedingungen und die Interessenlage. Der Vertrag von Babbel wäre am Saisonende ausgelaufen. Hertha BSC hatte ein Interesse daran, seinen Erfolgscoach weiter an sich zu binden. Babbel wollte das aus persönlichen Gründen oder Karriereerwägungen nicht - nach seinen Angaben wollte er von vornherein aufhören, nach Darstellung von Sportchef Michael Preetz ließ er den Club über seine Absichten im Dunklen.

Wie dem auch sei - offenkundig wollte Hertha weiter mit Babbel zusammenarbeiten, Babbel aber zumindest nicht sicher mit Hertha. Damit waren die Rahmendaten der Vertragssituation im Wesentlichen klar. Niemand kann es dem Club verübeln, dass er nicht bis zum Juni 2012 im Ungewissen darüber bleiben wollte, wer in der nächsten Saison sein Trainer sein würde. Babbel zufolge musste die Hertha das auch nicht, hatte er ihr in Person von Preetz doch angeblich schon vor Wochen seine Entscheidung gegen Berlin mitgeteilt.

Es gibt nur zwei mögliche Versionen der Wahrheit

Hinsichtlich dieser sagenumwobenen Unterredung gibt es aber ja nur zwei Möglichkeiten: Entweder Preetz wusste seither Bescheid. Oder er wusste es nicht, musste aber anhand der ausbleibenden Einigung befürchten, sein Trainer werde den Club verlassen. Im ersten Fall hätte eigentlich alles klar sein müssen. Hertha sondiert den Markt und sucht einen neuen Cheftrainer. Der Club hätte dann nur noch entscheiden müssen, ob es besser wäre, einen sicher abwandernden Trainer schnell zu ersetzen oder mit dem guten Babbel so lange wie möglich weiter zu machen.

Im zweiten Fall hätte wenig dagegengesprochen, Babbel ein Ultimatum zu setzen, er solle sich bis zu einem bestimmten Datum für oder gegen Berlin entscheiden. Anschließend hätte dann Planungssicherheit bestanden. Dass die Lage statt dieser beiden Verläufe so eskaliert ist, kann man als Bruch eines vormaligen Vertrauensverhältnisses begreifen, was aber nichts daran ändert, dass es sich um ein Versagen der sportlichen Führung handelt.

Babbel kann die Weigerung, sich öffentlich zum Club zu bekennen, zunächst kaum negativ ausgelegt werden. Nach seiner eigenen Darstellung hatte er seinen Arbeitgeber informiert, verschwieg die bereits gefallene Entscheidung aber gegenüber der Öffentlichkeit. Falls die Darstellung von Preetz stimmte, dann hätte Babbel nicht nur die Medien, sondern auch seinen Arbeitgeber über seine wahren Absichten im Unklaren gelassen.

Selbst das wäre aber in sich noch kein schweres Vergehen. Als Angestellter des Clubs ist er nicht dazu verpflichtet, sich jetzt schon auf Jahre hinaus an die Hertha zu binden. Es wäre ein verständlicher Wunsch des Vereins, zwecks besserer Planung eine frühzeitige Zusage seines Trainers zu bekommen. Falls Preetz Recht hat und der Club statt dessen nicht wusste, wie es weitergehen würde, so wäre das trotzdem kein justiziables Fehlverhalten Babbels, sondern höchstens ein Wink mit dem Zaunpfahl, sich schon mal nach Alternativen umzusehen.

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