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100 Jahre Borussia Dortmund: Wir werden niemals auseinander gehen

Mit Borussia Dortmund feiert heute ein Fußballklub Geburtstag, dessen Fans ein ganz besonderes Verhältnis zu ihrem Verein nachgesagt wird. Hier schreibt einer von ihnen seine Liebeserklärung an den BVB.

Von Ralf Klassen

Meine Liebe zum Ballspielverein Borussia.09 e. V. Dortmund, sie fing ganz klassisch an: mit einem Bergmann-Onkel aus Wanne-Eickel. Ich, der Sechsjährige aus dem Emsland, war mit meinen Eltern zu Besuch in "Wanne", an jenem heißen Augusttag 1969, der - ja, so kann man das wohl sagen - den Fußball-Teil meines Lebens für ewig prägen sollte.

Warum mein Onkel ein Anhänger des BVB war, obwohl ein gewisser Gelsenkirchner Stadtteil namens Schalke quasi um die Ecke lag, erinnere ich nicht mehr - rechne es ihm aber bis heute hoch an.

Jedenfalls fand dieser weise Onkel, es sei Zeit, seinen Neffen mal an die wirklich wichtigen Dinge des Lebens heranzuführen. Und so nahm er mich mit zum Heimspiel seiner Borussia gegen den HSV in das berühmte Dortmunder Stadion "Rote Erde". "Familienblöcke" oder "Kids-Zones" gab es damals nicht, also stand ich zwischen all diesen aus der Perspektive eines Sechsjährigen riesigen, kräftigen Männern, und wurde regelmäßig von dem ein oder anderen auf die Schultern genommen, um wenigstens ein bisschen sehen zu können.

Es war, so weit ich mich erinnern kann, ein leidenschaftlicher Kampf. Onkels Borussia ging in Führung, Uwe Seeler, von dem hatte ich schon gehört, schoss zwischenzeitlich das 1:1 für den HSV, aber letztendlich gewann der BVB mit 2:1.

Wie gesagt, vom Spiel selber habe ich gar nicht so viele Erinnerungen - aber was mir ewig unvergesslich bleiben wird, ist das Publikum: 34.000 Menschen, die fluchten, meckerten und moserten - aber letztendlich wie eine Wand hinter ihrer Mannschaft standen. So stark war dieses Band zwischen Fans und Team, dass selbst ich als Fußballstadion-Novize spürte, dass hier etwas Besonderes passierte.

In den nächsten Jahren war ich häufig im Pott zu Gast und bei jedem Besuch ging es wieder in die "Rote Erde". So begriff ich immer mehr, dass Fußball und Leben hier untrennbar miteinander verbunden waren. Ein Spiel "abhaken", das machte man hier nicht. War Borussia schlecht, war die Woche schlecht. Gewann das Team, was leider nicht sehr oft passierte damals, war die nächste Schicht halb so schwer. Und die Ehrlichkeit und Direktheit, mit der die Menschen hier aussprachen, was sie meinten, kannte kein Rumeiern und Schwafeln: "Grau is alle Theorie - entscheidend is auf'm Platz", dieser berühmte Satz von BVB-Legende Adi Preißler ist, und das wissen die wenigsten, nicht nur auf den Fußball gemünzt.

Die Jahre vergingen, der Onkel starb an Staublunge, meine Liebe zur Borussia wuchs und wuchs. Doch in den Siebzigern war es nicht einfach, in einer niedersächsischen Kleinstadt Fan von Borussia Dortmund zu sein. Fast alle anderen aus dem Freundeskreis teilten sich schnell auf in Bayern-München- oder Mönchengladbach-Fans, das waren die coolen, erfolgreichen Klubs mit ihren Stars, die in der Nationalmannschaft spielten. Der BVB spielte, nach dem Abstieg 1972, vier Jahre lang in der Regionalliga West - weit unterhalb der Radarschirme von TV, Zeitungen und Bundestrainern.

Aber auch diese Durststrecke schafften mein Verein und ich. Durch die 80er- und 90er-Jahre ging es Stück für Stück aufwärts, bis hin zum Gewinn der Champions League 1997 gegen Juventus Turin - der alle Ingredenzien einer Legende hat: Stadion von Bayern München, grandiose Taktik von Ottmar Hitzfeld, Kopfball von Riedle, Heber von Ricken.

1997, das war sicherlich ein Höhepunkt, dazu noch die Meisterschaften 95, 96 und - ich kann es bis heute noch nicht fassen - der Sensationstitel von 2002 unter Matthias Sammer.

Grandiose Momente habe ich diesem Verein zu verdanken, unvergessliche Stunden auf der Südtribüne, der berühmten "gelben Wand" aus 25.000 Menschen, im zu Recht erst kürzlich zur besten Fußballarena der Welt gekürten Westfalenstadion. Diese Wand ist so etwas wie die wieder geborene "Rote Erde", eine Versammlung von positiv Bekloppten, für die Fußball mehr ist, als 90 Minuten, drei Bier und ein Würstchen.

Und von diesem Mehr gab es bei Borussia Dortmund immer genug. Was habe ich mit diesem Verein schon mitgemacht und auch ertragen: eine beschämende.0:12-Bundesligarekord-Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach, Spieler wie Michael Rummenigge oder Jürgen "die Kobra" Wegmann, Trainer wie Nevio Scala und Bert van Marwijk, selbst die schnöselige Regentschaft von Präsident Gerd Niebaum, der nahezu den ganzen Verein mit seinen immer absurderen Schicki-Micki-VIP-Börsengang-Träumen infizierte - und schließlich fast in den Abgrund geführt hatte.

Ich habe die Augenschmerzen ausgehalten, wegen der neon-gift-grünen Trikots Mitte der 90er, die ein Farbenblinder beim Einkauf für gelb gehalten hatte. Ich habe die Umbenennung des Westfalenstadions in "Signal-Iduna-Park" überlebt (und weitestgehend ignoriert). Ja, ich habe sogar Udo Lattek zugejubelt, als der uns 2000 als Nottrainer knapp vor dem Abstieg rettete. Udo Lattek!

Und immer wieder habe ich diese Bundesliga-Saisons durchlitten, die - auch das typisch für diesen Verein - innerhalb weniger Wochen fließend zwischen Meisterträumen und Abstiegsangst mäanderten, und schlussendlich immer im Mittelmaß endeten.

Ja, es war und ist nicht immer einfach, Fan des Ballspielverein Borussia.09 e. V. Dortmund zu sein. Aber, wenn ich ehrlich bin, ist genau das der wahre Grund für meine Liebe zu diesem Klub. Denn Borussia, das ist wie das Leben: mal fürchterlich, mal großartig, mal deprimierend, mal zum Welt umarmen. Aber nie: langweilig.

Es ist ein perfekter Verein für das Revier und seine Bewohner, die auch jenseits des Fußballs schon so einiges an Wechselbädern mitgemacht haben: Mal ist man das Herz von Deutschland, mal der Arsch. Aber das Herz ist hier am rechten Fleck und es gibt hier mehr Menschen, die wenigstens noch einen Hintern in der Hose habe, als anderswo in diesem Land und in dieser Zeit.

Herzlichen Glückwunsch, meine Borussen!

P.S. Und was ist mit Schalke? Nun, natürlich pflege und zelebriere ich, wie jeder BVB-Fan, meine tiefe Abneigung gegen die Blau-Weißen ("Ein Leben lang, keine Schale in der Hand!") Natürlich frotzelt man heftig, wenn man so einem Irregeleiteten mal begegnet.

Aber, ganz tief, da ist bei aller Rivalität, noch etwas ganz anderes: Nämlich die Ahnung, dass die Abneigung zwischen uns und denen auch darauf beruht, dass man sich so ähnlich ist. Aber für so viele positiv Bekloppte ist im kleinen Pott einfach kein Platz. Dat is ja dat Problem!

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