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Allianz Arena: Leicht und doch so fest

Sie sieht nicht nur aus wie ein riesiges Luftkissen, sie ist es auch. Die neue Münchner Allianz Arena ist eine große Kunststoffhülle, bestehend aus mit Sauerstoff gefüllten Kissen.

Fast möchte man meinen, das Stadion schwebt in der Luft. Möglich machte dies eine kleine Firma aus Obing nahe dem oberbayerischen Chiemsee: Bei der covertex GmbH wurde die einzigartige Stadionhülle entwickelt, und dort entstanden auch die exakt 2874 Luftkissen, die in den Vereinsfarben Rot und Blau des FC Bayern und des TSV 1860 München um die Wette strahlen werden.

"Über die Allianz Arena kommen wir an jeden Auftrag", freute sich Dirk Temme, einer der drei Geschäftsführer des jungen Unternehmens mit einem Jahresumsatz von zuletzt 15 Millionen Euro, als covertex den Zuschlag für das Prestigeprojekt erhielt. Vor gut fünf Jahren gründete der Architekt zusammen mit dem Maschinenbauer Hubert Reiter und dem Segelmacher Jürgen Obermeier die Firma mit mittlerweile Projekt bezogen zwischen 130 und 150 Mitarbeitern.

Baustoff der Zukunft

"Membrane Architektur" heißt das Zauberwort, mit dem covertex Gebäuden in aller Welt eine schwebende Leichtigkeit verleiht. Egal, ob es sich um ein Basketballstadion in Taiwan, ein Hotel in Bombay oder die preisgekrönte faltbare Überdachung des Arkadenhofes am Wiener Rathaus handelt, überall setzen Temme und sein Team architektonische Zeichen. Durch ihre außergewöhnlichen technischen, wirtschaftlichen und ökologischen Eigenschaften ist die Membrane in den Augen der covertex-Manager neben Holz, Stein, Metall und Glas der Baustoff der Zukunft. Sie ist extrem hitze- und kältebeständig, zudem besticht sie durch geringe Transportkosten.

Auf der ganzen Welt gibt es nur eine Hand voll Firmen, die sich der Kunststofffolie als Baustoff verschrieben haben. International tätige Architekturbüros wie Herzog & de Meuron arbeiten mit covertex zusammen, das neben dem Obinger Stammsitz ein Standbein in Großbritannien hat und seit zwei Jahren auch in China vertreten ist. "Asien ist ein großer Markt und wird in den nächsten Jahren riesige Zuwachsraten erfahren", erklärt Temme die Firmengründung im Reich der Mitte. Und wie zum Beweis dafür hat covertex zusammen mit einem chinesischen Partnerunternehmen den Zuschlag für die Hülle des Zentralstadions bei den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking erhalten.

Verhüllen à la Christo

Doch zunächst galt es, die Allianz Arena zu "verhüllen". 64.000 Quadratmeter in Rollen gelieferte Folie vom Typ "ETFE Membrane transparent", gerade einmal 0,2 bis 0,25 Millimeter stark, mussten computergesteuert zugeschnitten werden. Die vier Buchstaben ETFE stehen für den sehr stabilen und Licht durchlässigen Kunststoff Fluorpolymer. "Keines der 2874 Elemente gleicht dem andern", versichert Temme. Jedes zusammengeschweißte Kissen bekommt ein Ventil und wird nach dem Aufpumpen mittels Klemmschienen an der Stahlkonstruktion befestigt. Ein ausgeklügeltes System sorgt dafür, dass die Kissen konstant unter 0,035 bar Luftdruck gehalten werden. Auf diese Weise entstand die größte Membranhülle der Welt.

Die hauchdünne Folie hat nach den bisherigen Erfahrungen Temmes eine Lebensdauer von mindestens 20 Jahren und verwittert kaum. "Schon bei einem kurzen Regenguss reinigt sie sich von selbst." Die Garantie über die Luftkissen-Konstruktion beträgt zehn Jahre. Und sollte tatsächlich einmal ein Kissen kaputt gehen, kann es ohne Probleme ausgetauscht werden. Der Allianz Arena kann also so schnell die Luft nicht ausgehen.

Paul Winterer/DPA / DPA

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