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Amateur-Fußball: Hartplatzromantik vor Gericht

Der Württembergische Fußballverband will mit einer Klage den Betreibern einer Website verbieten, Videos von Amateur- und Jugendspielen zu veröffentlichen - angeblich wegen Verstößen gegen das Wettbewerbsrecht. Doch dahinter stecken drei andere Dinge: Geld, Geld, Geld.

Von Klaus Bellstedt

Wem gehört der Fußball? Der Württembergische Fußballverband (WFV) scheint es genau zu wissen: Denjenigen, die ihn organisieren. Der WFV hat das Web-2.0-Portal www. hartplatzhelden.de auf Unterlassung verklagt, Videos aus seiner Region zu veröffentlichen. Die Absurdität dieses Vorgehens wird einem erst klar, was und wer auf den Clips zu sehen sind: Amateurfußballer aus der Kreisliga auf vermatschten Hartplätzen, Siebenjährige, die ihr erstes Tor schießen, aufgenommen von Privatleuten auf mehr oder weniger verwackelten Bildern, aber deswegen eben auch mit unverbrauchtem Charme. Diese Bolzplatzromantik, fern von der künstlichen, milliardenschweren Glanzwelt Champions League, wollen die württembergischen Funktionäre, die das Interesse ihrer Mitglieder zu vertreten vorgeben, jetzt verbieten.

Es geht darum, eine gute Idee abzukupfern

www.hartplatzhelden.de ist seit etwa einem Jahr online und hat in dieser Zeit eine begeisterte "Community" von Fußballliebhabern versammelt. Es gibt ihnen die Chance, was ihnen sonst verborgen bliebe: die Möglichkeit, sich spielerisch selbst darzustellen. Irgendwann mal soll das Portal die Sportschau für die Kreisliga werden, mit Spielberichten und O-Tönen. Von den Usern selbst gestaltet, wohlgemerkt. Letztlich will also der WFV seinen eigenen Mitgliedern, nämlich Spielern, Eltern und Familien, untersagen, das Internet in ihrem Sinne zu nutzen.

Der WFV macht gegen die Gesellschafter der Website vor dem Landgericht Stuttgart wettbewerbsrechtliche Ansprüche geltend, weil die Beklagten Filmaufnahmen von Veranstaltungen des Klägers "verwenden und kommerziell nutzen". Doch zu offensichtlich ist das Anliegen der Funktionäre: Es geht ihnen darum, eine gute Idee abzukupfern und für sich selbst verwertbar zu machen. Zumal eine Wettbewerbssituation nicht zu erkennen ist, die Hartplatzhelden waren einfach schneller. Außerdem, hat ein Sportverband nicht vor allem der Gemeinnützigkeit zu dienen? Vielleicht sollten die Herren des WFV ihre eigene Satzung mal genauer lesen.

Der WFV begründet seine Klage damit, dass er es sei, der die Meisterschaftswettbewerbe veranstalte und durchführe - alles in allem rund 5.000 Spiele pro Wochenende. Seine Organisationsaufgaben: Spielpläne, Ergebnisdienst und Sportgericht. Doch ob diese Vorleistungen genügen, die alleinigen Vermarktungsrechte für sich zu beanspruchen? Gespielt wird das Spiel noch immer von echten Hartplatzhelden.

Keine Peinlichkeit ist zu peinlich

Gegründet wurde das Portal von drei Fußballfreunden, die das Risiko eingingen, in ihre Idee zu investieren - ohne großen Geldgeber im Rücken. Einer der dreien, Oliver Fritsch, ist Online-Journalist und selbst noch aktiver Spielertrainer in der Kreisliga. Er erzählt, dass ihm der Präsident eines anderen Landesverbandes in einem Telefonat damit gedroht habe, die Trainerlizenz zu entziehen, sollte er weiterhin die Clips im Netz lassen. "Doch", entgegnet er, "könnte ich mich ja, ähnlich wie einst José Mourinho, im Trikotkoffer in die Kabine schmuggeln lassen."

Wenn's ums Geld geht, scheint den Fußballfunktionären keine Abwegigkeit zu abwegig, keine Peinlichkeit zu peinlich. Die Hartplatzhelden zeigen derweil Kampfgeist. Sie rufen alle Amateurfußballer - auch die in Württemberg - dazu auf, bis zum 31. Dezember wieder ihr Tor des Jahres einzureichen. In der Jury sitzen unter anderem Günther Jauch, Marcel Reif, Marco Bode und Thomas Helmer.

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