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Argentinien: Ihr Gott heißt Maradona

Fußball-Legende Diego Armando Maradona wird in Argentinien wie ein Heiliger verehrt. Deshalb haben seine treuesten Anhänger eine Kirche gegründet: Die Iglesia Maradoniana. Brautpaare heiraten dort, Diegos Geburtstag ist ihr Weihnachtsfest - das ist kein Scherz. stern.de war dabei.

Von Karen Naundorf, Buenos Aires

Eigentlich wollten Natalia und Mario Urlaub in Argentinien machen, Freunde besuchen. Doch jetzt stehen sie in einem Vorort von Buenos Aires, mit einem weißen Hochzeitskleid und einem Anzug im Arm, und warten auf den Einlass in den Festsaal. Um sie herum Journalisten und junge Männer mit "D10s"-T-Shirts: Díos heißt auf Deutsch Gott, die Zehn trug Diego Maradona als Spieler auf dem Rücken. In Argentinien wird el Diego wie ein Gott verehrt, an seinem Geburtstag feiern die Anhänger der maradonianischen Kirche Weihnachten. Seine Autobiographie ist ihre Bibel.

Der Festsaal ist mit Maradona-Transparenten geschmückt. Der Weihnachtsbaum auf der Bühne ist windschief, auf den Kugeln klebt das Gesicht des Diego. Auf zwei Leinwänden sind Maradonas beste Tore zu sehen. Die Maradonianer sitzen auf weißen Plastikstühlen, trinken Bier und essen Pizza mit viel Käse. "Pizza Napolitana, so wie es dem Diego gefällt", sagt der Moderator. Sie warten, dass es Mitternacht wird. Dann beginnt Diegos Geburtstag und nach Zeitrechnung der maradonianischen Kirche das Jahr 47 D.D., "después de Diego", nach Diego.

Sie grummeln das Glaubensbekenntnis

"Ich glaube an Diego, den allmächtigen Fußballspieler, Schöpfer von Magie und Passion", beten die Gläubigen gemeinsam. Sie grummeln das Glaubensbekenntnis der Maradonianer mit der gleichen Monotonie, mit der in vielen Kirchengemeinden gebetet wird. Doch zwei Minuten später reißen sie die Arme hoch, einige springen auf ihre Stühle und schreien als wären sie im Stadion: "Oleeee, oleeee, Diegooo, Diegooo."

Eigentlich war alles zunächst nur ein Scherz: "Frohe Weihnachten", sagte Hernán Amez am 30. Oktober vor neun Jahren zu seinem Freund Alejandro Verón am Telefon. "Weihnachten?" fragte Alejandro. "Na, überleg mal, wer hat heute Geburtstag?", sagte Hernán, wie Alejandro Sportreporter im lokalen Radio. Alejandro verstand: "Frohe Weihnachten, maradonianischer Bruder!"

Zu dritt gründeten die Freunde Hernán, Hector und Alejandro die Iglesia Maradoniana. Sie besorgten Messwein, beteten das erste "Diego unser" und legten die zehn Gebote der Maradonianischen Kirche fest, etwa: "Du sollst den Ball nicht beschmutzen." "Du sollst die Wunder des Diego im ganzen Universum verbreiten." "Du sollst die Tempel ehren, in denen er predigte."

Es gab nie einen Zweifel an Maradonas Göttlichkeit

"Ziel der Iglesia Maradoniana ist es, Maradona zu ehren und seine Wunder zu verkünden. Wir wollen nicht, dass ihm erst gehuldigt wird, wenn er tot ist." Alejandro trägt eine Jeans und ein D10s-T-Shirt. Es ist eins von denen, die man nur vorsichtig mit der Hand waschen darf, wenn überhaupt. Gott selbst hat darauf unterschrieben.

Bräutigam Mario war gleich begeistert, als sein Freund Adrian ihm erzählte, dass man sich in Buenos Aires nach den Gesetzen der maradonianischen Kirche trauen lassen konnte. Jetzt werden beide Paare zeitgleich heiraten, Mario und Natalia. Adrian und seine Freundin Olivia. "Diego ist der Größte", sagt er. "Man muss sich nur die WM 1986 anschauen", sagt der 22-jährige Mexikaner. Er habe nicht eine Minute gezweifelt.

Als Mario neben Natalia auf der Bühne steht, sieht er allerdings ein bisschen nervös aus. Es ist eben eine richtige Hochzeit, eine Doppelhochzeit sogar. Nur dass er und seine Freundin auf den Ball schwören. Er liegt vor ihnen auf einem kleinen Tischchen, auf ihm ein Stacheldrahtkranz - die Dornenkrone. Die zwölf Apostel betreten in langen weißen Gewändern die Bühne, Javier, einer der Organisatoren, liest die Versprechen vor, die sich die beiden Paare geben müssen, um nach den strengen Gesetzen der mardonianischen Kirche getraut zu werden, Scheidungen sind nicht vorgesehen: "Ich verspreche, meine Söhne mit zweitem Namen Diego zu nennen." Dann dürfen sich die beiden Brautpaare küssen.

Diego ist der Gott des Herzens

Ob ein solches Ritual nicht die katholische Kirche erzürnen könnte? "Wir Argentinier sagen, dass Fußball eine Religion ist. Wenn Fußball eine Religion ist, dann gibt es auch einen Fußballgott. Und der ist für uns Maradona", erklärt Mit-Gründer Alejandro Verón. "Der christliche Gott ist für uns der Gott des Verstandes, Diego ist der Gott der Herzen." Das beste Beispiel sei seine Schwester Jaquelin. Sie hat drei Mal geheiratet, standesamtlich, kirchlich, maradonianisch.

40.000 bekenndende Maradonianer gibt es inzwischen, auf der ganzen Welt verteilt. Die meisten Mitglieder sind allerdings Argentinier - denn es gibt wenig, auf das die Südamerikaner stolzer sind, als auf ihren Maradona. Er kann sich alles erlauben, die Argentinier lieben ihn trotzdem. Steuerhinterziehung? Egal. Uneheliche Kinder? Kann jedem passieren. Drogen? Schon vergessen. Zu groß sind die Freuden, die Maradona den Argentiniern geschenkt hat: Er stand 62 550 Minuten auf dem Spielfeld, war bei 695 Spielen dabei, schoss 353 Tore.

"Acht, neun, zehn!" Der Countdown in der maradonianischen Kirche wird aufwärts gezählt. Um Mitternacht springen die Fans auf, singen, "Maradona es el más grande", Maradona ist der Größte. Und sie werden für ihre Treue belohnt. Gott selbst hat mit einer Webcam eine kurze Videobotschaft aufgenommen, sie wird auf der Leinwand gezeigt: Diego, mit Basecap auf dem Sofa sitzend, grüßt die Maradonianer! Die Fans schauen die kurze Nachricht gleich mehrmals hintereinander. "Ole, Ole, Diegooo, Diegooo", singen die Maradonianer. Danach zeigen die beiden Leinwände wieder Aufzeichnungen von Maradonas besten Toren. Es hat schon was, wenn man die Wunder seines Gottes auf Video ansehen kann.

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