Ausnahmezustand B-b-b-b-bibbern auf St. Pauli


Nach dem Schlusspfiff des Pokal-Spiels zwischen Pauli und Werder am Millerntor ging die Party richtig los - auf dem Hamburger Kiez war die Hölle los.
Von Volker Schönenberger

Das vierte B ist geschafft. Unfassbar für uns St.-Pauli-Fans, der aktuelle DFB-Pokalwettbewerb: 3:2 gegen Burghausen? Das war die Pflicht. 4:0 gegen Bochum? Eine Erste-Sahne-Kür. 4:3 nach Verlängerung gegen Hertha BSC? Ohne Worte. Und jetzt das unglaubliche 3:1 im Schneespiel gegen den großen SV Werder Bremen, der im DFB-Pokal normalerweise eine Bank ist. Wahnsinn.

Schlusspfiff! Was für ein Spiel auf weißem Acker. Nach Ausgleich per Abseitstor und gehaltenem Foul-Elfmeter steht der FC St. Pauli zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte im Halbfinale des DFB-Pokals. Das schreit nach dem einen oder anderen Bier im Kreis der Gleichgesinnten. Das in Stadionnähe gelegene Jolly Roger an der Budapester Straße bietet sich an. Solveig hat sich bereits zur Halbzeit dorthin verzogen - sie bekam im Gedränge der Gegengerade keine Luft mehr. Anjas Herzallerliebster Krischan legt heute Abend wieder im Jolly auf, also nichts wie hin.

Wollen wir jetzt schon die Bayern kriegen?

Hm, ob wir überhaupt reinkommen? Schon vor dem Eingang stapeln sich die feiernden Fans, aber irgendwie schaffen wir es, das Jolly zu entern. Solveig erwartet uns strahlend auf der Tanzfläche, wo noch ein Minimum an Platz ist. Nun nicht mehr, mit uns Sechsen ist der Laden voll. Denkste! Kurz darauf zwängen sich auch noch Anne und Michael zu uns. Großes Hallo, Umarmungen, Gejohle, Holsten, Astra. Anja gelingt es, am Tresen ein paar wohltemperierte Gerstenkaltschalen zu ordern. Nach so einem Spiel schmeckt das Bierchen gleich viel besser als ohnehin. Prost!

Die beiden Fernseher laufen, Bielefeld und Frankfurt sind ebenfalls weiter. Sofort wird abgewogen: Wollen wir jetzt schon die Bayern kriegen? Oder eins der beiden vermeintlich schwächeren Teams, um auf die Bayern erst im Finale zu treffen? In dem Fall wäre der UEFA-Cup wahrscheinlich sicher. Darauf einen ordentlichen Schluck Bier. Man wird ja wohl träumen dürfen.

Wie viel Paadie verträgt der FC St. Pauli?

Punk, Ska, neue deutsche Welle - das Jolly tobt, DJ Krischan hat die Menge im Griff, was heute Abend allerdings leicht ist. In dieser Nacht wird in etlichen Kiez-Kneipen das Bier in Strömen fließen. "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins..." Cora, Piet und Bolle haben sich für Urgestein Hermann entschieden. Wer weiß, wie lange sie unterwegs sind.

Unsere Freunde vom Fanclub Kiezwichtel sind noch eine Dreiviertelstunde nach Abpfiff im Stadion. Toddy berichtet, Gunesch sei aus der Kabine gekommen, habe sich ein Megaphon geschnappt, den Zaun erklommen und Gesänge angestimmt. Auch das Clubheim ist bis weit nach Mitternacht rappelvoll, die Luft zum Schneiden dick. Wie viel Paadie verträgt der FC St. Pauli? Eine ganze Menge...

Ein Sieg, und der Kiez bebt wieder

Nach wie vor kommen mehr Leute ins Jolly als es verlassen. Meine frisch angetraute Ehefrau Kirsten und ich wollen mit ein paar anderen Freunden auf den Sieg anstoßen und verabschieden uns. Unsere Plätze werden umgehend besetzt. Wir beide begeben uns ganz in die Randbezirke des Kiez - eigentlich schon darüber hinaus. Aber selbst an der Peripherie des FC-St.-Pauli-Dunstkreises das gleiche Bild: Obwohl es Mitternacht ist, ist der Irish Pub Titanic gefüllt mit gut gelaunten Gästen, das Bier fließt in Strömen. Heute sind alle braun-weiß. Wann und wo die letzte Siegesparty zu Ende geht? Der Schreiber dieser Zeilen kann darüber nur spekulieren. Solveig verlässt das Jolly gegen drei Uhr morgens - sicher nicht als letzte.

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin. Gemach, gemach, die Vorschlussrunde wird ein schwerer Gang. Und der Aufstieg in die zweite Liga ist natürlich viel wichtiger. Aber der Pokal-Wahnsinn geht weiter. Ein B darf es ruhig wieder sein: Bayern, Bielefeld - oder Brankfurt. Ein Sieg, und der Kiez bebt wieder.

Volker Schönenberger, 38 Jahre alt, freier Journalist, wohnhaft in Hamburg, Mitgründer des FC-St.-Pauli-Fanclubs "Die Netten", Dauerkarteninhaber seit der Saison 1997/98, anfangs Nordkurve, nunmehr in der dritten Saison in der Gegengerade.


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