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Bayern-Matchwinner Arjen Robben: Das Tor seines Lebens

Ewiger Zweiter, Egomane, Sündenbock: Arjen Robben war bei den Bayern-Fans lange unbeliebt. Jetzt hat er mit seinem Tor im Champions-League-Finale gegen Dortmund die Geschichte seiner Karriere gedreht.

Von Klaus Bellstedt, London

Diese Story muss mit einem Rückblick beginnen. 20. Mai 2012, gegen 3 Uhr morgens im Münchner Postpalast. Die Bayern hatten gerade wenige Stunden zuvor ihr „Finale dahoam“ in der Champions League gegen den FC Chelsea verloren. Und einer war dafür hauptverantwortlich: Arjen Robben. Weil er in der Nachspielzeit einen Elfmeter verschossen hatte. Er, der Egomane. „Es ist unbeschreiblich. Ich kann es nicht glauben, kann es nicht fassen”, stammelte der Niederländer damals auf dem Bankett. Seine Frau Bernadien tröstete ihn in dieser stillen Trauernacht. Robben legte immer wieder seinen Kopf auf ihre Schultern – völlig apathisch.

Fast auf den Tag genau ein Jahr später steht dieser Arjen Robben völlig losgelöst im Festsaal des „Grosvenor House“, Bayerns Partylocation in London, auf einem Stuhl, schwenkt tanzend eine Vase mit roten Rosen in der einen und eine Bierflasche in der anderen Hand. Innig umarmt und küsst er danach seine Bernadien. Alles nach einem Spiel, das dem polarisierenden Star auf ewig einen Ehrenplatz in den Geschichtsbüchern der Münchner sichern wird.

Hauptrolle in großen Spielen - so oder so

Es lief die 89. Minute im Wembley-Stadion, als Robben sich zu einem seiner unwiderstehlichen Soli aufmachte, erst Dortmunds Innenverteidiger Mats Hummels stehen ließ und dann auch noch Torwart Roman Weidenfeller verlud. 2:1 für Bayern. Kurz danach war Schluss und München Champions-League-Sieger. Schon das erste Bayern-Tor von Mario Mandzukic nach gut einer Stunde hatte er vorbereitet. Davor schien es lange so, als würde Robbens Verlierer-Geschichte um ein Kapitel weitergeschrieben werden. Denn vor dem Happy-End war der 29-Jährige gleich mehrmals zuvor an Weidenfeller gescheitert. "Er kann einfach keine Tore in entscheidenden Spielen schießen, scheint mir", sagte Franz Beckenbauer in der Halbzeitpause. Und dann diese Wendung. Robben spielt in großen Spielen fast immer eine Hauptrolle. Jetzt war er der große Gewinner.

Ein WM-Finale hatte er zuvor verloren und dabei gegen Spanien eine große Chance zum Siegtor vergeben, dazu zwei Champions-League-Endspiele mit den Bayern (2010 und 2012). Unvergessen bleibt auch Robbens verschossener Elfmeter gegen Borussia Dortmund im entscheidenden Meisterschaftsspiel in der vergangenen Saison. Den Höhepunkt der Depri-Phase bildete ein Kompensationsspiel mit der holländischen Nationalmannschaft gegen die Bayern in der Allianz-Arena. Ausgerechnet kurz nach dem Chelsea-Drama. Robben wurde von den eigenen Fans ausgepfiffen. Viele dachten, er würde danach nie wieder im roten Trikot auflaufen.

"Du willst nicht der Loser sein"

Die Wembley-Arena war an diesem Samstagabend um kurz nach 22 Uhr Ortszeit halb leer, aber die gut 30.000 Bayern-Fans sorgten immer noch für eine Gänsehautatmosphäre. Sie haben ihre Lieblinge: Franck Ribéry vor allem, aber auch Bastian Schweinsteiger. Aber jetzt hallten „Arjen Robben-Sprechchöre“ durch das riesige Stadion. Was für eine Genugtuung für den Niederländer, der dem Ruf der seligen Anhängerschaft folgte und sich schließlich ganz allein mit dem silbernen Henkelpott auf in Richtung Kurve machte und sich feiern ließ.
„Ich habe vieles vorgehabt heute, ich hatte in den Wochen vor dem Finale so oft gehört, Arjen, du schießt das Tor. Dann gebe ich die wichtige 1:0-Vorlage und schieße ein Tor, das ist ein Traum. Das sind so viele Emotionen, unglaublich“, erzählte der Matchwinner hinterher freudestrahlend. Robben gab zu, dieses Finale im Kopf vorher durchgespielt zu haben. Er muss sich sehr sicher gewesen sein. „Ich habe nicht vergessen, was passiert ist. Du willst nicht der Loser sein. Du willst mal was gewinnen“, sagte er noch. Jetzt ist Arjen Robben wirklich ein großer Spieler.

„Letztes Jahr hat er es verbockt. Jetzt hat er es für uns gewonnen“, Thomas Müller grinste sich einen, als er kurz vor der Abfahrt des Mannschaftsbusses zum Bankett über seinen Mitspieler erzählte. Der machte sich zur gleichen Zeit schon mal warm für den Partymarathon, den Trainer Jupp Heynckes wegen des letzten ausstehenden Saisonspiels, dem DFB-Pokalfinale gegen Stuttgart am kommenden Samstag, ja eigentlich untersagt hatte. Mit dem Handy am Ohr schwebte Robben durch die Mixed Zone als er endlich alle Interviews hinter sich gebracht hatte. „Wo feiern wir jetzt nochmal genau, Markus?“, rief Robben zu Bayerns Pressesprecher Markus Hörwick. „Ah so, im Grosvenor House“, diese Message gab er schnell noch an seinen Gesprächspartner durch. Der Rest ist bekannt.

Klaus Bellstedt

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