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Bayern-Pleite gegen Bordeaux: Gegenwart schlägt Tradition

Bayern München steht nach der 0:2-Pleite gegen Girondins Bordeaux vor dem Aus in der Champions League. Trainer Louis van Gaal weigert sich, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Das ist verständlich, weil auch er den Zustand der Mannschaft zu verantworten hat.

Von Klaus Bellstedt, München

"Ein Club wie der FC Bayern muss immer gewinnen", hatte Louis van Gaal am Montag vor der Champions-League-Partie gegen Girondins Bordeaux gesagt. Und er fügte noch einen Satz hinzu: "Dass Bayern bei großen Spielen einfach da ist, das ist Tradition." Was der eigenwillige van Gaal nicht wahrhaben möchte: Bei den Bayern hat die Gegenwart die Tradition längst eingeholt. Bei der 0:2-Heimspielpleite in der Champions League gegen Bordeaux konnten sich davon 69.000 Zuschauer in der ausverkauften Allianz Arena und Millionen vor den TV-Geräten eindrucksvoll überzeugen. Und eigentlich hätte es auch der Trainer sehen müssen. Aber er weigerte sich, der Wahrheit ins Auge zu blicken.

"Wir haben die Ordnung gehalten und viele Chancen kreiert. Am Ende waren es Kleinigkeiten, die dieses Spiel entschieden haben", flüsterte der Bayern-Coach nach der bitteren Niederlage, die für die Münchener fast schon gleichbedeutend mit dem K.o. in der Gruppenphase ist, ins Mikrofon. Es war eine gespenstische Stimmung im Presseraum des FC Bayern. Das Licht im Saal wurde extra abgedunkelt, um den gebeutelten Trainer im besseren Licht oben auf der Bühne darstellen zu lassen. Franz Beckenbauer hatte Louis van Gaal nach der 1:2-Niederlage in Bordeaux vor 14 Tagen "ratlos" gesehen. An diesem späten Dienstagabend war nicht mal mehr Ratlosigkeit zu beobachten. Bayerns Trainer wirkte mutlos. Und hilflos. Das hatte er mit seinem Team übrigens gemein.

Wieviel Zeit sollte man Louis van Gaal bei den Bayern noch geben?

Starensemble ohne Selbstvertrauen

Das Münchner Starensemble agierte beinahe über die gesamten 93 Minuten ohne Selbstbewusstsein. Eine Charaktereigenschaft, die vor allem in der Königsklasse des Fußballs von Nöten ist, weil man dort eben nicht auf zitternde Mauertruppen wie Eintracht Frankfurt trifft. Da stehen einem Ballkünstler gegenüber wie die aus Bordeaux, die wissen, wie man Ball und Gegner laufen lässt und deren Pässe mit einer beeindruckenden Präzision und Sicherheit immer exakt die Füße der Teamkameraden finden. Bayern fehlen in Abwesenheit von Franck Ribéry und in halber Abwesenheit von Arien Robben genau solche Spielertypen. Noch so eine Erkenntnis dieses kalten Novemberabends von München.

80 Millionen Euro hat der Verein vor der Saison für Neuverpflichtungen ausgegeben. Und immer häufiger müssen sich die Herren Rummenigge, Hoeneß und van Gaal bohrende Fragen nach der Qualität dieser Spieler gefallen lassen. Das war schon vor der Partie gegen Bordeaux so - und dürfte jetzt weiter zunehmen. Edson Braafheid und Danijel Pranjic wirken wie Fremdkörper in dieser Mannschaft, Anatoli Timoschtschuk verkommt zunehmend zur Verschiebemasse und Mario Gomez scheint an der Last des Auswechselspielerdaseins langsam aber sicher zu zerbrechen. Vier Beispiele die zeigen, dass 1. die falschen Spieler verpflichtet wurden (Braafheid/Pranjic) und 2. es der Trainer immer noch nicht geschafft hat, internationale Spitzenspieler vom Schlage eines Gomez in diese, in seine Mannschaft, zu integrieren.

Van Gaals kleine Erleuchtung

Stattdessen weicht Louis van Gaal nicht von seiner Linie ab, alle Spieler gleich zu behandeln. Ein fast schon selbstmörderischer Plan, der bei einem beschaulichen Club wie Alkmaar aufgehen mag, bei einem europäischen Spitzenverein wie dem FC Bayern mit seinen vielen Stars aber niemals funktionieren wird. Das fußballerische Kunstgebilde FC Barcelona dient Louis van Gaal als Vorbild. Das betont der schrullige Kauz immer wieder. In zwei Jahren wollte er die Bayern soweit haben. Jetzt, nach dem 0:2 gegen Bordeaux, steht der Club vor dem viel zu frühen Aus in der Königsklasse. Und das lag nicht an "Kleinigkeiten".

Van Gaal versuchte im Dämmerlicht des Presseraums krampfhaft, die Niederlage an eben solchen festzumachen. Man konnte ihn sogar verstehen. Natürlich war es Pech, dass Schiedsrichter Pedro Proenca nach dem Schuss von Miroslav Klose und dem anschließenden Handspiel von Ciani auf der Linie nicht auf Elfmeter entschieden hatte. Aber: Das war nicht der Grund für diese Pleite. Es war der uninspirierte und konzeptlose Auftritt des FC Bayern, der es soweit kommen ließ. Plötzlich hat man das Weiterkommen nicht mehr selber in der Hand. Ein Horrorszenario für die sonst so erfolgsverwöhnten Münchener, die es eigentlich gewohnt sind, von der Spitze zu grüßen. Oder sollte man besser sagen: gewohnt waren?

Fakt ist: Der Trainer hat die fußballerischen Probleme in seinem Team noch immer nicht gelöst. Louis van Gaal muss erfolgreich sein und dabei schönen Fußball spielen lassen. Beides hat er bis zum heutigen Tag nicht geschafft - zumindest nicht im erwünschten Ausmaß. Und das Spiel gegen Bordeaux macht nicht eben Hoffnung, dass schon in naher Zukunft Besserung in Sicht sein wird. Den Ernst der Lage hat van Gaal wohl erkannt: "Wir hatten heute nicht das Glück auf unserer Seite", sagte er - und fügte hinzu: "Aber das darf ein Trainer seinem Team auch nicht immer sagen." Das war dann schon so etwas wie eine kleine Erleuchtung. Immerhin.

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