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Bayern schlagen Lille in der Champions League: Sie können auch hässlich

Zweiter Sieg im dritten Champions-League-Spiel: Die Bayern schlagen Lille mit 1:0. Es war ein "dreckiger" Sieg. Am Ende musste man sogar an das 4:4 von Berlin denken. Besonders einer enttäuschte.

Von Klaus Bellstedt

Es war ein besonderes Spiel für Franck Ribéry. Die Champions-League-Partie seiner Bayern beim OSC Lille war für den kleinen Franzosen gewissermaßen ein Heimspiel. Nur eine Fahrstunde von Lille entfernt, in Boulogne-sur-Mer, wuchs der derzeit beste Spieler der Bundesliga auf. In seiner Jugend kickte Ribéry für den OSC, wurde aber nach Undiszipliniertheiten aussortiert. Auf einer Pressekonferenz vor der Partie attackierte er daher nochmals zwei seiner damaligen Trainer. Damit hatte er sich keine Freunde gemacht. Bei jedem Ballkontakt wurde er von den Fans des französischen Meisters ausgepfiffen. Die einzigen Landsleute, die ihn nicht ausbuhten, waren im Zweifel 50 Freunde aus der alten Heimat, für die er höchstpersönlich Tickets besorgt hatte.

Der Champions-League-Abend verlief für den Super-Dribbler auf der linken Seite der Bayern, nun ja, schmerzhaft. Sein Gegenspieler, ein Schrank namens Djibril Sidibé, hatte sich vorgenommen, Ribéry in erster Linie aus der Partie zu foulen - was ihm auch gelang. Denn für den Franzosen war nach der ersten Hälfte Schluss. Trainer Jupp Heynckes nahm den mit zunehmender Spieldauer entnervten 29-Jährigen vorsorglich aus der Partie. Auch weil der Muskel zwickte. Was schade war, denn dieses Match hätte durchaus ein bisschen mehr Spektakel à la Ribery verdient gehabt.

Ein bisschen halten, ein bisschen rempeln

Es war ein zähes Unterfangen, dieser 1:0-Sieg der Bayern beim OSC Lille. Unattraktiv, beinahe unansehnlich. Das störte hinterher erwartungsgemäß niemanden auf Münchner Seite. So ist das eben manchmal. Am wichtigsten waren die drei Punkte, denn man stand ja im dritten Königsklassen-Spiel der Saison nach der unerwarteten Pleite bei Bate Borissow schon etwas unter Druck.

Davon war den Bayern vor allem in den ersten 45 Minuten nicht viel anzumerken. Nach kurzer Findungsphase nahmen Schweinsteiger, Kroos und Co. gegen harmlose Franzosen das Heft des Handelns in die Hand. Die Führung aus der 20. Minute war verdient. Wie das 1:0 allerdings zu Stande kam, war glücklich. Philipp Lahm drang mit unvergleichlicher Dynamik in den Strafraum ein, sein Gegenspieler Lucas Digne hielt den Bayern-Kapitän - ein bisschen. Er rempelte Lahm - ein bisschen. Gut, dachte der sich wohl - und fiel. Erstaunlich, dass Schiedsrichter Martin Atkinson, ein Engländer(!), in dieser Szene auf Elfmeter entschied. Aber gut: berührt ist berührt. Thomas Müller verwandelte sicher. Und der erste Gratulant war, genau, Franck Ribéry.

Martínez enttäuscht

Wer sich nun auf ein Scheibenschießen wie beim 5:0 in Düsseldorf eingestellt hatte, den enttäuschte der Bundesliga-Dominator. "Wir haben nicht gut gespielt, aber wir haben gefightet", analysierte hinterher Jupp Heynckes. Der Trainer der Bayern hatte gute Laune nach dem zweiten Sieg im dritten Königsklassen-Spiel seiner Mannschaft, die mit sechs Punkten jetzt wieder beste Chancen auf das Erreichen der K.o.-Phase hat. "Auch solche Spiele muss man mal gewinnen", sagte Heynckes noch, der bei seinem Team vor allem eine mangelnde Laufbereitschaft erkannte. Dafür hatte der Coach eine gute Erklärung. Dass die Münchner die spielerische Eleganz gegen einen schwachen Gegner vermissen ließen, führte er auf die anstrengenden vergangenen Wochen zurück.

In der zweiten Hälfte war wirklich nicht mehr viel los mit den Bayern. Lille fand besser ins Spiel und profitierte auch von der Unentschlossenheit des Gastes in der Offensive, der die wenigen eigenen Konter ausnahmslos herschenkte. Bestnoten verdiente sich keiner aus dem Starensemble. Auch nicht Javi Martínez, der für Luiz Gusatvo ins defensive Mittelfeld rückte. Im Gegenteil: Der 40-Millionen-Mann enttäuschte. Zwei Monate ist der Baske jetzt in München, aber so richtig angekommen, scheint er immer noch nicht. "In der ersten Hälfte war er zu passiv", sagte Heynckes. Martínez ist vor allem im Spiel nach vorn umständlich. Gegen Lille leistete er sich zudem unnötige Ballverluste. Schließlich sah er für ein überhartes und überflüssiges Einsteigen noch die gelbe Karte.

Beeindruckende Zahlen

Kurz vor Schluss dieser Partie kam einem tatsächlich noch Berlin in den Sinn. So wie die deutsche Nationalmannschaft beim Stand von 4:3 gegen Schweden agierte, so panisch taten es ihnen die Bayern in Lille merkwürdigerweise nach. Manuel Neuer tauchte unter Flanken durch und Führungsspieler Bastian Schweinsteiger war irgendwie auch nicht richtig präsent. Am Ende war es viel knapper, als es gemessen an der Harmlosigkeit der Franzosen eigentlich hätte sein müssen. Aber wurscht, schon morgen fragt nach dem Zustandekommen dieses 1:0-Erfolges keiner mehr.

Dann interessieren nämlich nur die nackten Zahlen. Und die sind beeindruckend: Der Sieg beim OSC Lille war der 12. Erfolg im 13. Pflichtspiel dieser Saison. In sechs der letzten sieben Partien haben die Bayern kein einziges Gegentor kassiert. "Wir sind alle zufrieden heute", bilanzierte im Anschluss auch Franck Ribéry. Aber der Franzose mahnte auch: "Beim nächsten Mal müssen wir es wieder besser machen." Die feindselige Stimmung gegen ihn fand Ribéry übrigens "normal". Als er das sagte, lächelte er leicht schelmisch. Ist ja noch mal alles gut gegangen für seine Bayern.

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