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Beckenbauer: "Kahn ist der Bessere"

WM-Chef Franz Beckenbauer hat Gefallen daran gefunden, Jürgen Klinsmann weiter in die Enge zu treiben. Mit einem neuen verbalen Rundumschlag mischt sich der "Kaiser" jetzt auch in die sportlichen Belange des Bundestrainers ein.

Beckenbauer forderte den Trainerstab um Klinsmann unverhohlen dazu auf, Kahn nicht nur aus Leistungsgründen ("Er ist der Bessere") dem auch am Mittwochabend in der Champions League erneut im Tor von Arsenal London glänzenden Herausforderer Jens Lehmann vorzuziehen und am 9. Juni beim WM-Eröffnungsspiel gegen Costa Rica aufzustellen. "In München ein Spiel ohne Kahn zu bestreiten, da werden wir nicht nur die ausländischen Fans gegen uns haben, sondern womöglich auch noch die eigenen", erklärte Beckenbauer bei einem Sponsoren-Termin in der bayerischen Landeshauptstadt. "Da bitte ich die sportliche Leitung, sich dies gut zu überlegen."

"Bis zum Finale durchziehen"

Nur einen Tag nachdem DFB-Präsident Theo Zwanziger ein Ende der verbalen Auseinandersetzungen angemahnt hatte, stellte Beckenbauer Klinsmanns WM-Kurs insgesamt in Frage. "Am Anfang hat es sehr gut funktioniert. Aber von dem Neuen ist nicht mehr viel übrig geblieben. Wir sind wieder da, wo wir vor ein paar Jahren waren", urteilte Beckenbauer. Ihm sei zwar drei Monate vor der WM nicht angst und bange, "aber man macht sich Gedanken".

Es irritiere ihn besonders, dass Klinsmann seine junge Elf noch im Entwicklungsprozess für die Weltmeisterschaft sieht. "Drei Monate vor der WM zu sagen, dass wir noch in der Entwicklung sind - da habe ich kein gutes Gefühl." Trotzdem sieht Beckenbauer, der nach seiner neuerlichen Schelte zur 30. und vorletzten Station seiner WM-Willkommens-Tour nach Serbien-Montenegro aufbrach, bei entsprechender Fitness, Glück und mit dem Heimvorteil eine gute WM-Chance: "Wenn wir gegen Costa Rica gut aus den Startlöchern kommen, gibt das der Mannschaft einen Schub und man kann das bis zum Finale durchziehen."

Qualität der Arbeit zählt

Erste Weichen dafür könnten in zwei Wochen in Dortmund gestellt werden, wo die Nationalmannschaft gegen die USA das 1:4 von Italien vergessen machen will. Am Rande des Testspiels will Beckenbauer sich auch mit Klinsmann aussprechen. "Wir werden sicherlich die Gelegenheit haben, in Dortmund den einen oder anderen Satz zu reden", sagte er. Mit öffentlicher Kritik müssten aber Klinsmann und die Nationalspieler auch in Zukunft leben. "Das, was jetzt mit Klinsmann und der Nationalmannschaft passiert, ist ein Wind, ein Lüftchen. Bei der WM wird das 100 Mal heftiger sein. Wenn man sich jetzt schon über Kritik beschwert - na dann, gute Nacht."

Klinsmann äußert jedoch trotz der heftigen Schelte aus der Heimat keinen Verdruss an seinem Job. Auch eine Vertrags-Verlängerung nach der WM sei für ihn "natürlich weiterhin denkbar", sagte der 41-Jährige dem Fachmagazin "kicker" (Donnerstag-Ausgabe). Vom Wohnsitz hänge eine Fortsetzung seiner Tätigkeit nicht ab, gleichwohl will Klinsmann eine Debatte über seine US-Wahlheimat nicht führen. "Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es absolut perfekt ist, wie es jetzt läuft. Einzig die Qualität der Arbeit zählt", betonte er.

Kein Harakiri

Entscheidend für die Zukunft sei ohnehin das WM-Abschneiden, wie Teammanager Oliver Bierhoff im TV-Sender "Sat.1" meinte: "Bei Misserfolg ist es auch wurst, wo er wohnt, dann ist eh keine Zukunft gegeben." An einen Trainerwechsel schon vor der WM glaubt auch Beckenbauer nicht, selbst wenn das Spiel gegen die USA negativ verlaufen sollte: "Mitten im Fluss die Pferde zu wechseln, das wird der DFB nicht machen. Dafür ist der DFB zu konservativ. Solange die Mannschaft im Wettbewerb ist, wird man das durchziehen."

Beim USA-Spiel in zwei Wochen hofft auch Klinsmann auf einen Befreiungsschlag und Stimmungsumschwung im Land des WM-Gastgebers. Die Partie sei wichtig, "da das Team das Vertrauen der Fans zurückgewinnen muss", sagte er. Am offensiven Stil der Nationalelf will er nach der Aufarbeitung des Italien-Desasters zumindest in den drei Vorrundenspielen gegen Costa Rica, Polen und Ekuador festhalten: "Wir werden aber kein Harakiri spielen", versicherte Klinsmann.

DPA

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