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Bibiana Steinhaus Gegen alle Regeln


Eine Frau, die Männer herumkommandiert? Als Bibiana Steinhaus ihr erstes Bundesliga-Spiel pfiff, reagierten die Fußball-Machos verstört. Doch die Schiedsrichterin überzeugte durch Klasse - und muss dennoch weiter kämpfen.
Von Iris Hellmuth

Was Fußball ist? Das sei ja einfach, sagt sie. "Das ist für mich das Dorf ", sie klingt fast zärtlich dabei, "das ist dort, wo sonntagnachmittags immer ein Spiel ist, mal 50, mal 100 Zuschauer am Ascheplatz stehen, wo der Schiedsrichter jedes Wort versteht und alle alles besser wissen", sagt sie. "So bin ich aufgewachsen."

Vielleicht wird sie daran denken, von Zeit zu Zeit, wenn der Trubel wieder groß ist und sie sich klarmachen muss, dass das eigentlich alles noch immer nur ein Spiel ist. Bibiana Steinhaus, 29 Jahre, ist die erste Schiedsrichterin in der Fußball-Bundesliga, doch es wird keine Geschichte der Emanzipation sein, die man eines Tages über sie erzählen dürfte. Sondern die einer Frau, die rennen kann wie ein Mann und nur deshalb geduldet wird. Bibiana Steinhaus, heißt es, sei eines der größten Schiedsrichtertalente seit Langem, doch das zählt nicht mehr, da, wo sie jetzt angekommen ist. Nun geht es um Macht und Erfolg; jetzt zählt, dass sie sich unter Männern behauptet, und wie anstrengend das sein kann, davon bekam man im Herbst einen ersten Eindruck, kurz nach ihrem ersten Spiel in der zweiten Bundesliga.

Sie selbst hatte dieses Café ausgesucht, so anonym wie möglich, mitten in Hannover. Sie kam herein und sah blass aus, mit hängenden Schultern, die blonden Haare zerzaust. Sie wird schnell gegangen sein, dachte man, vielleicht versucht sie, diesem Wahnsinn ein paar Schritte zu enteilen. Hunderte von Interview-Anfragen seien beim Deutschen Fußball-Bund eingegangen, dazu Angebote für Werbeverträge und eine Einladung zu "Wetten, dass ..?". Dann hielt sie kurz inne. "Ich bin mir selbst gerade so über", sagte sie, es war das einzige Mal, dass sie wirklich Gefühl zeigte. Sonst hielt sie sich an Sätzen fest, die sachlich klangen, "ich kann den Rummel um meine Person schwer nachvollziehen", zum Beispiel, oder: "Ich kann verstehen, dass Trainer und Spieler die Aufregung um meine Person nicht teilen wollen." Doch es schien ihr gutzutun, darüber zu sprechen. Satz für Satz richteten sich ihre Schultern auf. "Zwei schlechte Spiele, und für die Presse bin ich ganz schnell Tomaten-Bibi", sagte sie und sah einem gerade ins Gesicht.

"Auf dem Platz gibt es kein männlich und weiblich"

Sie zog sich danach zurück nach Bad Lauterberg im Südharz, ihrer Heimat. Wo sie als Mädchen Fußball spielte und 1995 mit dem Pfeifen begann, "als Spielerin hätte ich es nicht weit gebracht". Ganze Wochenenden verbrachte sie auf dem Ascheplatz ihres Sportvereins, wo auch ihr Vater Schiedsrichter ist und die Abendsonne hinter den Hügeln verschwindet, während die Herren in der Kreisliga kicken und ganz nah am Spielfeld die Zuschauer stehen, alte Männer in Jerseyhosen und bunten Jacken, mit Bäuchen und roten Gesichtern und einem Bier in der Hand. Die grundsätzlich mehr vom Fußball verstehen als jede Frau, aber wer damit ein Problem hat, stellt sich nicht auf den Platz, schon gar nicht mit einer Pfeife um den Hals.

Sechs Jahre hat Bibiana Steinhaus in der Regionalliga gepfiffen, bevor sie vergangenen Sommer für ihre erste Bundesliga- Saison nominiert wurde. Der DFB lud extra zur Pressekonferenz - und die wurde zu einer Lehrstunde, wie weit es tatsächlich her ist mit der Akzeptanz von Frauen im Fußball. "Werden Sie nach dem Spiel mit Ihren Assistenten duschen?", wollte ein Reporter wissen, ein anderer: "Wie fühlt es sich an, wenn 22 Männer nach Ihrer Pfeife tanzen?" Bibiana Steinhaus antwortete nüchtern und lächelte charmant. Das ist ihre Stärke, dachte man, dass sie auf Provokationen gar nicht erst eingeht.

"Auf dem Platz gibt es auch kein männlich und weiblich, es gibt nur Regeln, die zu befolgen sind", sagt Steinhaus, die Polizeibeamtin. Voriges Jahr war sie auf dem G-8-Gipfel in Heiligendamm im Einsatz. "Als Polizistin ist es wie beim Fußball", sagt sie, "man muss in Konfliktsituationen den richtigen Ton finden." Dafür wird sie auf dem Platz respektiert, von Trainern und Spielern, auch wenn die die Grenzen der Schiedsrichterin ausloten, sich fallen lassen, provozieren oder einfach tun, als hätten sie den Pfiff nicht gehört.

Sie hat längst bewiesen, dass sie zu Recht auf dem Platz steht

Wie am sechsten Spieltag der Saison, ein besonderer Tag, zum ersten Mal pfeift eine Frau in der zweiten Bundesliga. Das Paderborner Stadion ist gut zur Hälfte gefüllt, die Steinhaus kennen sie hier, "und sie hat uns in der Regionalliga immer Glück gebracht", sagt ein Herr von der Lokalpresse, der ein bisschen an Horst Schlämmer erinnert. Schon zur Halbzeit führen die Gäste aus Hoffenheim mit 2:0, die heimischen Fans sind frustriert. Als ein Assistent auf Abseits entscheidet, schlägt ein Paderborner den Ball weg. Bibiana Steinhaus pfeift, doch er dreht sich nicht einmal um. Nach einem kurzen Sprint ist Steinhaus da, baut sich vor ihm auf, 1,81 Meter gegen 1,76 Meter, Gelb wegen Ballwegschlagens. Ihre Körpersprache ist entschlossen, ihre Ausstrahlung kraftvoll, ruhig. Ein Schiedsrichter, der das Spiel im Griff hat.

Doch noch immer interessiert das viele Journalisten nur am Rande. "Es sah so aus, als hätten Sie mit einem der Spieler geflirtet, war es so?", fragt ein Reporter nach Spielende. "Ich? Soll auf dem Platz geflirtet haben?", fragt Steinhaus zurück, ein Anflug von Fassungslosigkeit auf dem Gesicht. "Ich bin glücklich liiert, reicht Ihnen das?" Sie steht aufrecht in diesem Moment, das Kinn vorgestreckt, als wollte sie sagen: "Hier kann mir keiner was." Nur später, als die Journalisten das Stadion verlassen haben, hört man leise eine helle Stimme aus dem Kabinengang, die Stimme von Bibiana Steinhaus. "Wir müssen dahin kommen, dass es normal wird", sagt sie.

Ein paar Monate sind vergangen seitdem, sechs Spiele hat sie in der zweiten Bundesliga gepfiffen, darunter auch Köln gegen St. Pauli, großes Theater. Ein Match zweier Traditionsvereine, mitten im Karneval, vor 50.000 Fans, in der 84. Minute übersah sie die Abseitsstellung des Kölner Torschützen. "Total ärgerlich", sagte sie später, und doch war es ein guter Tag: Im Anschluss wurde über die Fehlentscheidung diskutiert, nicht mehr über ihre Frisur. Sie hat längst bewiesen, dass sie zu Recht da steht. Nun ist eine neue Phase in ihrem Schiedsrichterleben angebrochen.

"Dass eine Frau ein Männerspiel pfeift, das wird nie normal sein"

Man muss nach Salzgitter fahren, um zu verstehen, dass auch die nicht einfach sein wird. Hier, im Ortsteil Lebenstedt, liegt der mittelständische Betrieb von Volker Roth, 66, Chef des Schiedsrichterausschusses im DFB. Es ist Freitagnachmittag, Roth, der Herr der Pfeifen, sitzt im Büro seines verklinkerten Sanitärfachgeschäfts und faltet die Hände. Natürlich habe es Skepsis gegeben vor der Nominierung von Bibiana Steinhaus, "die Skepsis, ob sie es schaffen wird", sagt Roth. Aber mit der sei es nun vorbei, sie habe den Druck hervorragend bewältigt, sagt er, nur weiß man nicht, ob er darüber wirklich erleichtert ist. Eine Vorzeigefrau sei sie nicht, "sie wird nach ihrer Leistung bewertet, Schluss, aus".

Trotzdem möchte man meinen, dass sie beim DFB auf eine wie sie nur gewartet haben, wenn es denn schon eine Frau sein muss. Weil sie kompetent ist und hübsch dazu, eine, die Marathon läuft und trotzdem Lidstrich trägt. Sie ist eingedrungen in eine normierte Welt, in der es keinen Spielraum gibt für Interpretationen, in der eiserne Gesetze herrschen. Der italienische Star-Schiedsrichter Pierluigi Collina hatte einst als Erster mit ihnen gebrochen, er trug eine Glatze und fiel auf, doch Schiedsrichter sollen nicht auffallen. Auch Bibiana Steinhaus fällt auf. "Dass eine Frau ein Männerspiel pfeift, das wird nie normal sein", sagt Urs Meier, der frühere Fifa- Referee und heutige ZDF-Experte. Bis vor Kurzem war er der Lebensgefährte von Nicole Petignat, der ersten Frau, die je ein Uefa-Cup-Spiel der Männer pfiff. Jahre habe es gedauert, sagt Petignat, bis der Schweizer Verband ihr beigestanden habe. Mit bestimmten Kollegen musste sie dann nicht mehr zusammenarbeiten, die Fouls als Assistenten nicht angezeigt oder prinzipiell alles anders gesehen hatten.

Fragt man Bibiana Steinhaus nach solchen Erfahrungen, verschließt ein Lächeln ihr Gesicht. "Natürlich findet nicht jeder diese Entwicklung toll", sagt sie, und das muss reichen. Schiedsrichter bilden eine verschworene Gemeinschaft, sie schützen sich gegenseitig. Nun ist Bibiana Steinhaus unter ihnen, eine, die ständig die Aufmerksamkeit bekommt. "Damit können manche Kollegen gut umgehen, andere weniger gut", sagt Matthias Anklam, er will diplomatisch bleiben. Auch er pfeift in der zweiten Liga, zweieinhalb Jahre lang war Steinhaus seine Assistentin. Wann immer es geht, hält er ihr bei Tagungen einen Platz frei, "es ist sicher nicht einfach für sie", sagt Anklam. Denn jetzt muss sie damit fertig werden, dass Erfolg auch einsam machen kann. "Da ist das Ende der Fahnenstange bestimmt noch nicht erreicht", sagt Urs Meier. "Wenn sie eines Tages den Sprung in die erste Bundesliga schaffen sollte und Schalke gegen Bayern pfeifen darf, wird sie dem Wind vollkommen ausgesetzt sein."

Doch jetzt ist erst mal Frühling in Hannover, und der Wind weht lau. Ein Wetter, bei dem man übermütig werden könnte. Aber Bibiana Steinhaus scheint so ein Typ nicht zu sein. "Wenn man als Letzter aus dem Stadion geht", sagt sie, "wo Stunden zuvor noch Zehntausende standen und ihre Mannschaften besungen haben, wenn alles so leer und verlassen hinter einem liegt, die Lichter ausgehen und nur noch ein paar Autos auf dem Parkplatz stehen - dann ist das ein ganz besonderes Gefühl, Teil dieses Ereignisses gewesen zu sein."
Es gibt Schiedsrichter, die reden so.

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