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Als Fan in der Krise Corona hat mein Fan-Herz gebrochen: Warum mir die Bundesliga plötzlich egal ist

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Das Stadion ist leer. Die Fans fehlen. Profifußball in Zeiten von Corona ist eine seltsame Angelegenheit.
© Arne Dedert / DPA
Unser Autor ist seit Jahrzehnten Fußballfan. Doch die Coronavirus-Pandemie hat viel verändert. Zum Ende des Fußballjahres zieht er eine traurige persönliche Bilanz. Und will die Hoffnung dennoch nicht aufgeben.

Es war ein Samstag vor wenigen Wochen, als ich mich zum ersten Mal aktiv gegen meinen Verein entschied. Um 15 Uhr sagte ich zu meiner Frau, dass ich eben noch kurz ins Gartencenter fahre, um Pflanzen für die neue Wohnung zu kaufen. Ich erntete einen kurzen, verwirrten Blick: "Aber dann verpasst du den Anpfiff ...", antwortete sie. Und ich? Zuckte mit den Schultern. "Ist egal." Eine neue Yucca-Palme war mir wichtiger als Eintracht Frankfurt. So weit ist es im Corona-Jahr 2020 also gekommen.

Bis zum März war ich einer jener Fußballfans, die den Fußball viel zu ernst nehmen. Seit 18 Jahren, als mir der Führerschein die fußballerische Freiheit schenkte, fahre ich pro Saison zu zehn bis 20 Heim- und Auswärtsspielen meines Klubs. Ich war in Rom, Mailand und London ebenso wie in Unterhaching, Cottbus und Pfullendorf, ich habe Aufstiege, Abstiege und einen Pokalsieg live erlebt – und wenn die Zeit oder das Geld für die nächste Fahrt fehlten, dann schaute ich das Spiel meiner Mannschaft im Pay-TV an. Eine Partie nicht zu sehen, war keine Option. Da mussten privat oder beruflich schon alle Stricke reißen. 

Ich kann bis heute nicht rational erklären, warum ich so ticke. Weshalb ich niemand bin, für den es "nur Fußball" ist. Doch im Kern ist es der Fanblock, der mich in seinen Bann gezogen hat. Die Faszination für diese seltsame Mischung aus 10.000 völlig unterschiedlichen Auswärtsfans, die ihren Samstag opfern, um gemeinsam ein im Zweifel verdammt schlechtes Fußballspiel im Stadion zu sehen, obwohl sie nichts vereint außer die Liebe zum eigenen Klub, kann man nicht sinnvoll begründen. Sie ist etwas, das man fühlen muss, um sie zu verstehen. Wenn ich die Karte an der Einlasskontrolle unter den Scanner halte, das Drehkreuz klickt, der Rasen zu sehen ist, dann gibt es für zwei Stunden nichts anderes auf dieser Welt als Fußball. Und jeder neben mir sieht das genauso.

Seit März jedoch halte ich keine Karte mehr unter den Scanner – und bei mir hat über die Wochen und Monate eine schleichende Distanzierung vom Fußball eingesetzt.

Die Entfremdung vom Fußball ist nicht neu – sie wird nur beschleunigt

Nun ist es nicht so, dass die Entfremdung vom Fußball bei mir erst im Frühjahr begonnen hat. Die Eventisierung und Kommerzialisierung des Sports sind mir, wie auch Millionen anderen Fans, ebenso ein Dorn im Auge wie korrupte Verbände, eine WM in Katar oder eine Bundesliga, in der immer mehr Plastikvereine so tun, als wären sie eine Bereicherung für die Menschheit. Mir ist seit Jahren klar, dass der Fußball, wie er sein wird, nicht mehr der Fußball ist, den ich liebe. Und ich weiß, dass Fußballfans meiner Prägung im modernen Fußball nur noch eine untergeordnete Rolle spielen, weil sie höchstens noch als Kulisse für die passende Atmosphäre gebraucht werden, da sich der Fokus der Verantwortlichen voll und ganz auf ein maximal breites, zahlungswilliges, für Sponsoren interessantes Unterhaltungspublikum auf den heimischen Sofas richten wird.

Doch bisher war die Begeisterung für den eigenen Verein größer als all die Bedenken. Ich dachte, ich hätte noch zehn oder 20 Jahre, ehe ich mich angeekelt und resigniert endgültig abwende. Wirkt nun die Coronakrise als Brandbeschleuniger? Geht alles viel schneller?

Fakt ist: Der Fußball lebt in meiner Lebensrealität von seinen Fans. Vom Stadionerlebnis. Von der Tonoption Stadionatmosphäre, mit der man den Kommentator ausblenden und sich auf das, was auf den Rängen geschieht, konzentrieren kann. All das ist durch die Corona-Maßnahmen weggefallen. Hinzu kommen Klubs, die Staatshilfen beantragen; "Kultvereine", die trotz Pandemie Freundschaftsspiele vor Tausenden Menschen veranstalteten; Manager, die sich ihrer privilegierten Lage nicht bewusst sind, nur über die schwierige Situation jammern und dabei vergessen, dass die Gesellschaft gerade größere Sorgen hat als ein paar fehlende Millionen bei einem Profiverein; TV-Kommentatoren, die bei einem abgefälschten Gurkentor vor leeren Rängen bei einer Partie wie Augsburg gegen Hoffenheim so laut ins Konferenzmikro brüllen, als hätte Mario Götze gerade im WM-Finale das entscheidende Tor geschossen; und Sportsendungen, die ganz lässig betonen, die in sozialen Netzwerken von Fußballern geäußerten Corona-Verschwörungstheorien zu ignorieren – "ist ja ein guter Spieler".

Mich dennoch für den Fußball zu begeistern, dazu fehlt mir aktuell die Kraft. Ich schaue keine Spiele mehr ohne Beteiligung meiner Mannschaft. Ich habe mein DAZN-Abo gekündigt. Ich hake Niederlagen meines Teams innerhalb von Minuten ab, wofür ich früher Stunden oder Tage gebraucht habe. Und ja, ich habe in den vergangenen Wochen mehrfach nicht mal mehr die Partien meines Teams gesehen. Es fühlt sich komisch an.

Donald Trump und Dan Gable

Und doch habe ich die Hoffnung nicht ganz aufgegeben. Ich halte mich an jenen Momenten fest, in denen ich merke, dass mir noch nicht alles egal ist. Als die Eintracht am vergangenen Dienstag in der fünften Minute der Nachspielzeit einen höchst albernen Ausgleichstreffer kassierte, da war ich plötzlich wieder auf Betriebstemperatur. Und merkte, dass ich noch nicht mit dem Fußball abgeschlossen habe.

Und dann stelle ich mir vor, wie es irgendwann wieder sein wird ...

Manchmal, in sentimentalen Momenten, da denke ich an den Tag, an dem Corona besiegt ist (oder wir zumindest alle geimpft sind) und ich mit 50.000 Menschen wieder im Stadion stehen darf. Schaue mir YouTube-Videos an, in denen Fans ausrasten, singen, feiern, hüpfen. Ich stelle mir vor, wie wir irgendwann wieder gemeinsam die Vereinshymne singen. Wie Menschen um mich herum Tränen in den Augen haben werden. Und wie wir in der 90. Minute ausrasten, weil ein Ball zum entscheidenden Tor sich ins Netz senkt. (Vermutlich wird es ein Gegentor sein.)

Ich hoffe, dass es dann wieder sein wird wie früher. Dass Corona mein Fanherz nicht endgültig gebrochen hat. Dass Fußball noch immer wichtig ist. Denn er war vor der Coronavirus-Pandemie zu schön, um mir wirklich für immer egal zu sein.


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