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Kommentar

"Spiegel"-Artikel über BVB-Boss: Watzkes peinliches Nachtreten gegen Tuchel

Der Rauswurf Thomas Tuchels in Dortmund habe nichts mit persönlichen Eitelkeiten zu tun gehabt, hieß es bislang stets. In einem Artikel gibt BVB-Boss Aki Watzke nun unverhohlen das Gegenteil zu und tritt böse gegen seinen Ex-Coach nach.

Ein Foto aus besseren Zeiten: BVB-Boss Aki Watzke mit Thomas Tuchel am 7. Spieltag der Bundesliga-Saison

Ein Foto aus besseren Zeiten: BVB-Boss Aki Watzke mit Thomas Tuchel am 7. Spieltag der Bundesliga-Saison

"Ich bitte um Verständnis dafür, dass wir weder heute noch in Zukunft genaue Erklärungen abgeben können und werden. Vertrauensschutz ist seit mehr als einem Jahrzehnt elementarer Bestandteil unserer Führungskultur." Diese beiden Sätze stammen aus dem offenen Brief, mit dem BVB-Boss Aki Watzke den umstrittenen Rauswurf von Coach Thomas Tuchel auf der Webseite des Vereins erklärt. Umso erstaunlicher ist nun eine Geschichte im neuen "Spiegel". Ein Reporter des Magazins hat Watzke "in der Krise begleitet" und bietet nun Einblick in die Gefühlswelt des Dortmunder Geschäftsführers - und vor allem in die Gründe für den Rauswurf.

Tuchels Pressekonferenz nach dem Anschlag auf den BVB-Bus sei für ihn gewesen, "als hätte dir Mike Tyson aus dem Nichts eine vor den Kopf geballert", gibt Watzke darin an. Tuchel habe die Situation genutzt, um sich mit den Spielern, zu denen er bis dahin ein eher unherzliches Verhältnis pflegte, gegen die Vereinsführung zu verbrüdern, wird er weiter zitiert. "Auf einmal war ich der seelenlose Technokrat. Ich!" Dabei habe er doch immer so großen Wert darauf gelegt, eine Art Vaterfigur für seine Spieler zu sein.

Schlechter Stil von BVB-Boss Watzke

Nicht nur, dass es von Watzke mehr als nur fragwürdiger Stil ist, wenige Tage nach der Entlassung eines (sehr erfolgreichen) Trainers, solch eine Geschichte drucken zu lassen. Der Mann, der bisher stets betonte, der Rauswurf habe nichts mit persönlichen Eitelkeiten zu tun gehabt, gibt hier offen zu, dass eben jene ihn zu der Entscheidung bewegt haben. Tuchel hatte gesagt, gleich am nächsten Tag spielen zu müssen, habe sich von oben aufgedrängt angefühlt. In Watzkes Augen hat er damit dessen Image als netter Onkel kaputt gemacht und musste daher gehen. Bis dahin sei er trotz einiger "Vorfälle (...), die er für einen möglichen Kündigungsgrund hielt" entschlossen gewesen, den Vertrag zu verlängern, gibt er unverhohlen zu. Doch die Pressekonferenz sei "eine Zäsur" gewesen.

Es bedarf schon einer besonderen Chuzpe, einem Fußball-Trainer, der nach einem Bombenanschlag auf seinen Mannschaftsbus über seine Gefühlslage spricht, vorzuwerfen, diesen Anschlag zu instrumentalisieren. Watzke beschwert sich darüber, als "seelenloser Technokrat" hingestellt worden zu sein - und wirft selbiges Tuchel vor.

In dem "Spiegel"-Artikel gibt Watzke zwar mehrfach vor, nicht ins Detail gehen zu wollen. Dennoch ist er gespickt mit kleinen Spitzen gegen Tuchel. So etwa eine Szene aus dem Mannschaftshotel vor dem Pokal-Halbfinale gegen Bayern. Tuchel sei an Watzkes Tisch vorbeigekommen und habe auf dessen Gruß hin lediglich zurück gegrüßt und sei weitergegangen. Man könne "Gift darauf nehmen, dass der Jürgen Klopp zum Tisch gekommen wäre", ist sich Watzke sicher.

Der Gipfel der Selbstgefälligkeit

Beispiellos auch die geschilderte Anfangsszene am Morgen vor dem Pokalfinale. Auf der Terrasse des Hotels kommt Tuchel zu Watzke und dem "Spiegel"-Reporter an den Tisch. "Ein Händedruck, zweimal falsches Lächeln", wird die Szene beschrieben. "Dass er ihn drei Tage später entlassen wird, kann er nur mühsam verbergen", heißt es. Und: "Die Situation belaste ihn, sagt er als Tuchel weg ist." Der BVB-Boss, der gerne von Werten wie Loyalität und Vertrauen faselt, bespricht also seine Beziehung mit einem Trainer, den er bald feuern will, mit einem Reporter - und das auch noch kurz nachdem er Tuchel falsche Freundlichkeiten vorgaukelt.

Watzkes Selbstgefälligkeit gipfelt in der rückblickenden Analyse der vergangenen Wochen. Welche Fehler er denn persönlich gemacht habe in der ganzen Sache, wird er gefragt. Auch wenn das jetzt nicht der allgemeinen Meinung entspreche, leitet er ein: "Ich sehe keine gravierenden Fehler. Ich bin da in etwas reingeraten und wusste irgendwann nicht mehr, wie ich das rauskomme."

Watzke kämpft mit diesem Artikel um die Deutungshoheit in einer vermeintlichen Schlammschlacht mit dem Ex-Coach, die noch gar nicht begonnen hat. Tuchel selbst gibt sich bislang nämlich sehr zurückhaltend: "Ich bin dankbar für zwei schöne, ereignisreiche und aufregende Jahre. Schade, dass es nicht weitergeht", ließ Tuchel via Twitter verlauten und bedankte sich bei den Fans. In seinen zwei Jahren beim BVB hat er sich das mit dem Zündeln ganz offensichtlich nicht bei Watzke abgeschaut.

Thomas Tuchel

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