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Bundesliga

Start in die 60. Saison "Für wen wird der Zirkus eigentlich veranstaltet?" – Fan-Organisation fällt vernichtendes Urteil zur Fußball-Bundesliga

Fußball Bundesliga Start Saison
Er ist der wohl größte Star der kommenden Bundesliga Saison: Bayerns Sadio Mané (r.) kämpft im Supercup-Finale mit Leipzigs Mohamed Simakan um den Ball
© Alexander Hassenstein / Getty Images
60 Jahre wird die Fußball-Bundesliga alt. Und trotzdem: Begeisterung will zur Jubiläums-Saison nicht aufkommen. Die Organisation "ProFans" hat die Liga einst und heute aus Fan-Perspektive miteinander verglichen. Das Urteil fällt vernichtend aus.

Ja, ja, man kennt das schon und ist genervt, wenn sich – zumeist ältere – Menschen über Dinge auslassen, die früher irgendwie schöner, bunter, besser waren. Wie soll man das also bewerten, wenn sich jetzt, unmittelbar vor der am Freitag beginnenden Bundesliga-Jubiläums-Saison, die Organisation "ProFans" zu Wort meldet und nach 60 Jahren Fußball-Eliteklasse urteilt: Die Fußball Bundesliga hat sich in den vergangen 60 Jahren negativ entwickelt.

Die Organisation, die sich als unabhängige, bundesweite Interessenvertretung für aktive Fan- und Ultragruppen in Deutschland, versteht, hat sich für ihren Vergleich insgesamt 15 Kategorien vorgenommen wie etwa "Offener Wettbewerb", "Anstoßzeiten", "Regelwerk".

Fußball-Bundesliga hat sich aus Fan-Sicht in 60 Jahren negativ entwickelt

Die Bilanz fällt aus Fan-Sicht ziemlich ernüchternd aus: In 13 Bereichen hätten sich die Fußball-Dinge in 60 Jahren Bundesliga für die Fans negativ entwickelt. Lediglich in der Kategorie "Zuschauer und Betreuungsangebote" kommt die Interessenvertretung zu dem Schluss, dass sich das Live-Erlebnis im Stadion verbessert hat. Beim Thema "Stadien" generell nimmt sie eine neutrale Position ein. Ansonsten heißte es 13 mal: Früher war vieles besser.

In der Tat trifft die Bestandsaufnahme manch wunden Punkt. Wohl niemand mag der Analyse in punkto "Offener Wettbewerb" ernsthaft widersprechen, wo es heißt: "1998 wurde der 1. FC Kaiserslautern als Aufsteiger Meister. Ist so etwas heute noch denkbar? Ganz im Gegenteil: seit zehn Jahren gibt es keinen anderen Meister als Bayern München. Die immer ungleicher werdende Einnahmenverteilung in der Liga wie auch in den internationalen Wettbewerben führt zu einer stetig abnehmenden Durchlässigkeit und Spannung und schadet damit der Attraktivität des Fußballs enorm. Hinzu kommen die Finanzeinträge fußballfremder Investoren, mit denen zielgerichtet sportliche Erfolge erkauft werden. Es ist das Gegenteil fairen sportlichen Wettbewerbs, wenn einzelne Unternehmen oder Milliardäre maßgeblich darüber entscheiden können, welche Vereine besonders erfolgreich sind."

Auch die "Ausgestaltung der Regeln" haben sich laut Fan-Analyse keinesfalls verbessert. Die Regel etwa, wann und wie ein Handspiel zu ahnden ist, "wurde zuletzt fast im Jahrestakt verändert". Verkomplizierungen wie der Videobeweis schafften nur in wenigen Situationen mehr Gerechtigkeit, "zerstören aber die spontanen Emotionen auf den Rängen".

Negativ fällt auch das Urteil im Komplex "Identifikation mit der Mannschaft" aus. Die falle insbesondere bei Vereinen an der Spitze zunehmend schwer. Kicker und Fans hätten heute nur noch wenig Gemeinsames. Das exorbitante Einkommen der Spieler, "von denen die allermeisten einen Verein nur mehr als Station auf ihrem Karriereweg betrachten", sorge für Distanz. Dass jemand wie der kürzlich verstorbene Uwe Seeler heute kaum noch vorstellbar sei, kennzeichne den Werteverfall.

Die weiteren Kategorien, in denen sich die Bundesliga laut "ProFans" im Laufe der vergangenen 60 Jahre negativ entwickelt hat, sind:

  • Anstoßzeiten: Über das Wochenende verteilt. Ohne Kalender geht nix.
  • Stehplätze: Angebot ist dramatisch zurückgegangen
  • Mitbestimmung und Mitgestaltung: Auslagerung von Lizenzmannschaften und Ausnahmen von der 50+1 Regel entwerten die Teilhabe
  • Internationale Wettbewerbe: Ungleiche Einnahmeverteilung führt zu Zementierung bestehender Leistungsverhältnisse. Entwertung von einstigem Wochenhöhepunkt Europacup
  • Überwachung der Fans: Missbrauch von Instrumenten wie Blocktrennung und Sicherheitskontrollen. Lückenlose Videoüberwachung der Zuschauer.
  • Benachteiligung der Gästefans: Schlechte Plätze, längere Wartezeiten, strengere Kontrollen – Gästefans werden von vielen Vereinen diskriminierend behandelt
  • Eintrittspreise – Fans zahlen mehr: Pay-TV. Trikots & Co.: Fans zahlen heute für denselben Sport weitaus mehr als früher
  • Soziale Integration: Nicht soziale Werte, sondern Geschäftsziele stehen bei Vereinen und Verband an erster Stelle
  • Rolle der Verbände: DFB, Uefa und Fifa werden als korrupt, gesetzlos und moralisch verkommen wahrgenommen. Fans nehmen DFB als Gegenteil ihrer Interessenvertretung wahr.
  • Rolle der Nationalmannschaft: Es besteht eine Diskrepanz zwischen proklamierter wertebasierter Haltung und tatsächlichem Handeln. Beispiel: die WM in Katar.

Fazit: Für wen wird der Zirkus eigentlich veranstaltet

Als Fazit kommt die Organisation zu dem Schluss: "Der Fußball kommt heute als modernes Hochglanzprodukt daher – und hat doch bei seinen treuesten Anhängern so viel an Attraktivität verloren! Zwar freuen sich die Fans auf den Saisonstart, aber ihr Frust wächst von Jahr zu Jahr, so dass man sich fragt, für wen der Zirkus eigentlich veranstaltet wird".


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