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Offener Brief: Grabkreuze und Häme? Lieber HSV: Behalte bitte wenigstens Deine Würde!

Grabkreuze am Stadion, Fan-Häme, Personalchaos im Verein - als wäre der fast schon sichere Bundesliga-Abstieg nicht schlimm genug, demontiert sich der HSV auch noch selbst. Als Fußballfan kann man sich das kaum mit ansehen. Ein offener Brief.

Torwart Christian Mathenia bei der 0:6-Niederlage in München: mit Würde untergehen.

HSV-Torwart Christian Mathenia bei der 0:6-Niederlage in München: mit Würde untergehen.

DPA

Liebe -Verantwortliche, liebe HSV-Fans,

es gibt eine Szene in der derzeit sehr gefeierten TV-Serie "Bad Banks". Darin soll eine der Hauptfiguren, der toughe Investmentbanker Adam Pohl (gespielt von Albert Schuch), rausgeschmissen werden. Als er ansetzt, zu lamentieren und sich anzubiedern, um seinen Job zu retten, entgegnet sein Boss: "Behalte wenigstens deine Würde, bitte!" Als er schließlich seinen Arbeitsplatz verlässt, wird er von seinen Kollegen mit Applaus verabschiedet – aus Anerkennung für seine Leistungen in der Vergangenheit.

Wenn man sieht, hört oder liest, was in diesen Tagen mit und beim einst so großen HSV passiert, dann möchte man Euch genau das zurufen: Behaltet bitte wenigstens Eure Würde! Verabschiedet Euch erhobenen Hauptes aus der Liga – denn dass es auch diesmal noch irgendwie gut gehen könnte, das glaubt Ihr ja offensichtlich nicht einmal mehr selbst. Man muss nicht Uwe Seeler heißen, um es furchtbar zu finden, wie sich der Verein selbst zerlegt, und wie indiskutabel sich einige der sogenannten Fans verhalten. Abseits von Schadenfreude und leidet da doch jeder mit, der - wie ich mit meinen Gladbachern - mit einem der großen Traditionsvereine schon einen Abstieg durchlitten hat: Frankfurter, Kölner, Stuttgarter – vor einiger Zeit auch Bremer, Schalker und sogar Dortmunder.


HSV in diesen Tagen ohne Würde

Leicht war das nie, schon gar nicht ging das alles geräuschlos vonstatten, überall gab es Zoff, Schuldzuweisungen, Chaos, Häme, zum Schluss Trauer und Tränen. Aber irgendwie haben es letzten Endes doch alle geschafft, zumindest einigermaßen Haltung zu bewahren.

Schier ohne Würde dagegen der HSV in diesen Tagen. Unwürdig die Grabkreuze am Stadion! Geht’s noch?! Ganz nebenbei ist das auch noch kriminell. Unwürdig, wie man Bernd Hollerbach, der seinen HSV nicht hängen lassen wollte, nun wieder abserviert hat. Dabei wäre es ein Wunder gewesen, wäre es mit ihm besser gelaufen. Unwürdig, wie Vorstandschef Heribert Bruchhagen und Sportdirektor Jens Todt dem vermeintlichen Neubeginn geopfert wurden, der doch in seiner Art und Weise sehr nach "weiter so" schmeckt – vor allem, da von Neu-Präsident Bernd Hoffmann gleich die "Bremen aufmischen"-Sprüche kamen. Unwürdig wie HSV-Gallionsfigur Felix Magath dann nachtrat. Unwürdig die verbalen Angriffe, die Kyriakos Papadopoulos just nach dem unwürdigen 0:6 beim FC Bayern Richtung Vereinsbosse schickte – wobei sowas eher typisch ist für Clubs, die mit dem Rücken zur Wand stehen. Und unwürdig auch die Häme der Fans, die beim verschossenen Elfer von Bayerns Lewandowski "Auswärtssieg, Auswärtssieg" skandierten – wohl gemerkt beim Stand von 0:5 aus HSV-Sicht.

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In Demut die Stadion-Uhr abschalten

Natürlich wäre es bitter nach mehr als einem halben Jahrhundert (!) nicht mehr zum Kreis der besten deutschen Fußballclubs gehören zu dürfen. Doch abgesehen davon, dass Ihr Euch länger als andere habt durchwurschteln können, ist das, was dem HSV passiert, nichts Besonderes. Dieses Festhalten an der Vergangenheit, dieser ewige Bezug auf längst vergangene Erfolge, diese "Wir-sind-schließlich-der-HSV"-Arroganz, dieses "Eigentlich gehören wir in die Champions League", diese Konzeptlosigkeit über Jahre, daraus resultierend eine riesige Geldverschwendung, eine Mannschaft, die nicht funktionieren kann, und immer neue Trainer, die kaum etwas bewirken können – all' dieses ewige Eigentliche, all' diese Fehler haben die anderen Bundesliga-Urgesteine, die sich (zeitweise) verabschieden mussten, auch gemacht. Wenn der HSV also einen Vorteil aus seinem "Immer erste Liga"-Mantra hätte ziehen können, dann, dass man aus den Fehlern der anderen hätte lernen können. Aber selbst dazu hat es leider nicht gereicht.

Es wird komisch sein, so eine Bundesligasaison ohne HSV. Doch wenn am 34. Spieltag der letzte Abpfiff ertönt ist und das Schicksal Eures Vereins tatsächlich besiegelt sein sollte, dann schaltet ohne weiteres Getöse diese Bundesliga-Uhr im Stadion ab, die schon lange eine Last ist, geht in aller Ruhe und Demut nach Hause und lasst den alten HSV, diesen Dino, hinter Euch. Dann sammelt Euch und erfindet diesen Club neu, er hat sicher noch genügend Substanz. Kurz: Geht bitte in aller Würde, und gebt dem HSV dann in der 2. Liga seine Würde zurück. Das wird schwer genug! 

In diesem Sinne:
Alles Gute, HSV!

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