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Kommentar

Aufsteiger ganz oben: Warum der Hass auf RB Leipzig in der Bundesliga einfach verpufft

Es erinnert ein bisschen an Hoffenheim 2008: Aufsteiger RB Leipzig steht nach nur zehn Spieltagen punktgleich mit den Bayern an der Tabellenspitze. Der Hass aus der Ecke der Fußballromantiker hält sich trotzdem in überschaubaren Grenzen. Das hat einen Grund.

RB Leipzig

Die Spieler von RB Leipzig bedanken sich nach dem 3:1-Sieg gegen Mainz bei den Fans

Mit Red Bull im Rücken und den entsprechenden Möglichkeiten wird Aufsteiger RB Leipzig die Bundesliga-Konkurrenz auf der linken Spur überholen. Das war im Sommer der Tenor unter den Experten nach dem Aufstieg des sieben Jahre alten Fußballvereins. Dass es allerdings so schnell gehen würde, damit konnte dann doch keiner rechnen. Nach zehn Spieltagen grüßt RB punktgleich mit den großen Bayern von der Tabellenspitze - und wird für seinen aktuellen Erfolg längst nicht so verachtet wie noch im Aufstiegsjahr.

Es ist ein erstaunlicher Start, den das Team von Trainer Ralph Hasenhüttl hingelegt hat: sieben Siege, drei Unentschieden, noch keine Niederlage. Es erinnert an das Bundesliga-Debüt der TSG 1899 Hoffenheim anno 2008, als die junge Rangnick-Truppe damals eine Hinrunde lang den Bayern die Stirn bot und erst in einem dramatischen direkten Aufeinandertreffen mit dem Rekordmeister kurz vor der Winterpause durch eine späte 1:2-Niederlage an seine Grenzen geriet.

RB Leipzig und das unglaubwürdige Understatement

Leipzig beeindruckt bisher ähnlich, Hasenhüttl stapelt trotzdem tief: "Für uns ist es wichtig, dass wir sehen, wo wir noch Defizite haben", sagt er. "Wir spielen noch lange nicht wie eine Spitzenmannschaft." Es ist dieses unglaubwürdige Understatement, an dem sich auch schon Rangnick versuchte, als er während der Anfangseuphorie auf die Bremse trat: Erst nach dem 10. Spieltag habe die Tabelle Aussagekraft. Demnach würde Leipzig genau dort hingehören, wo sie jetzt stehen, nämlich auf Platz 2 der Tabelle. Ganz nebenbei: Das Duell mit den Bayern steht am 21. Dezember in der Allianz-Arena an.

Aber selbst der Glanzstart, der beste eines Aufsteigers in der Geschichte der Liga, ist nicht so erstaunlich wie ein anderer Aspekt des Leipziger Bundesliga-Erfolgs: Der Hass auf den Klub ist völlig verpufft. Noch im vergangenen Jahr liefen die Fans der Zweitligavereine auf teilweise unappetitliche Weise Sturm gegen die Leipziger, in der Bundesliga hält sich der Unmut über den Neuling dagegen in äußerst überschaubaren Grenzen.

Die Erklärung dafür ergibt sich auch aus der Konkurrenz: In der letzten Saison hatte RB es mit einer geballten Riege aus Traditionsvereinen zu tun, die im Unterhaus ein mehr oder minder frustriertes Dasein jenseits der eigenen hochtrabenden Ansprüche fristen - man frage mal nach, was die Fans in Kaiserslautern, Nürnberg oder Düsseldorf von einem Projekt wie dem "RasenBallsport" halten.

Symbol und Profiteur der neuen Fußballwelt

Aber während sich die Tabelle der Zweiten Liga liest wie eine Erstligatabelle aus den 80er-oder 90er-Jahren, tummeln sich in der Bundesliga inzwischen vermehrt Vereine, deren Fans sich nicht um früher scheren, weil früher bei ihnen ohnehin nichts los war. Vereine, die nicht von ihrer Tradition zehren, weil sie keine Tradition haben - zumindest keine ruhmreiche. Augsburgern, Ingolstädtern oder Hoffenheimern fehlt quasi der Antrieb, sich über RB aufzuregen. Gut, die BVB-Fans ließen mit einem Boykott des Auswärtsspiels in der Red-Bull-Arena kurz aufhorchen, aber das war's auch schon.

Nach dem Spießrutenlauf durch die Zweite Liga können die Leipziger also zurzeit ihre Kreise ziehen, ohne sich gegen irrationalen Unmut aus der Kurve der Alteingesessenen zur Wehr setzen zu müssen. Das aktuelle Bundesliga-Line-up gerät für Rangnick und Kollegen also zum Segen, während den Fußballromantikern das Herz schmerzt. Das macht RB Leipzig nicht nur zum Symbol einer neuen Fußballwelt, sondern auch zu ihrem Profiteur. Eine Entwicklung, so faszinierend wie der aktuelle Erfolg der Mannschaft.

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