HOME

Bundestrainer Löw: "Die Entscheidungen treffe ich"

Keine Gräben, keine Probleme in der Zukunft, Vertrauensbasis nicht zerstört - Bundestrainer Joachim Löw hat vor dem Spiel gegen England versucht, alle Zweifel an der Harmonie im DFB-Team zu zerstreuen. Dabei war ihm deutlich anzumerken, dass er die Zügel noch straffer ziehen will.

Vor dem letzten Akt eines turbulenten Länderspiel- Jahres hat Joachim Löw seinen Führungsanspruch deutlicher denn je herausgestellt und gegen England trotz aller Experimente ein "besonderes Spiel" angekündigt. Noch vor seiner abendlichen Grundsatz-Ansprache an die Mannschaft, bei der er seinen Spielern einige "schon länger bekannte Regeln" nochmals "in Erinnerung" rufen wollte, betonte der 48-Jährige die klare Rollen-Verteilung im Fußball-Nationalteam.

"Die Entscheidungen treffe ich als Trainer am Ende des Tages", machte Löw in Berlin seinem Personal und der Öffentlichkeit nach den jüngsten Querelen um Kapitän Michael Ballack, Routinier Torsten Frings und den verbannten Kevin Kuranyi klar. Dabei stehe bei ihm das Leistungsprinzip an oberster Stelle: "Alles andere wäre Schwachsinn."

Weg mit den Zweifeln

Mit Entschlossenheit versuchte der Bundestrainer vor dem letzten Länderspiel 2008 am Mittwoch gegen den Erzrivalen England, alle Befürchtungen und Mutmaßungen vom Tisch zu wischen, der Konflikt zwischen ihm und Kapitän Ballack könnte die Atmosphäre im DFB-Team auf Dauer vergiften oder sogar die WM-Mission 2010 gefährden.

Die jüngsten Stör-Aktionen hätten "sicher die Mannschaft in ein falsches Licht gerückt", räumte er ein. Aber "ich sehe da keine Gräben", die Vertrauensbasis sei "nicht zerstört", versicherte Löw fast staatstragend. Er werde auch weiterhin wichtige Dinge mit den Spielern besprechen. "Das betrifft nicht nur den Kapitän." Die Entscheidungen aber müsse allein der Trainer treffen "und dafür gerade stehen", unterstrich Löw an einem ereignisreichen Tag.

Klare Warnung von Löw

Noch vor seiner "Berliner Rede" vor dem Team, zu der auch die geläuterten Rebellen Ballack und Torsten Frings sowie der nach einer Verletzung noch nicht wieder nominierte Philipp Lahm anreisten, waren Löw und die Mannschaft am Abend von Kanzlerin Angela Merkel zu einem 45-minütigen Besuch ins Bundeskanzleramt geladen. Das Treffen war schon während der EM im Sommer vereinbart worden.

Erst danach konnten Löws Ausführungen folgen, die mit der klaren Warnung versehen waren, dass er öffentliche Kritik nicht noch einmal hinnehmen werde: "Es war ein einmaliger Vorgang. Ich weiß, dass es nicht wieder passieren wird", sagte Löw und ergänzte: "Die Dinge sind ausgeräumt, deshalb sehe ich für die Zukunft keine Probleme."

Der Sport steht im Fokus

Dass ganz nebenbei der Mannschaftsrat um Kapitän Ballack, der sich in Berlin nicht öffentlich äußern will, noch die Prämien für eine erfolgreiche WM-Qualifikation aushandeln sollte, tangierte Löw nur am Rande. Ohnehin wurden bei den Gesprächen mit der DFB-Spitze keine neuen Differenzen erwartet, nachdem Verbands-Präsident Theo Zwanziger schon im Vorfeld eine leichte Erhöhung der Zahlungen in Aussicht gestellt hatte.

Löw konzentrierte sich auf die gleich zwei Trainings- Einheiten am Montag, um für den 31. Klassiker gegen England die richtige Personal-Auswahl zu treffen. Der Münchner Bastian Schweinsteiger fehlte zunächst wegen einer Schienbeinprellung, sein Einsatz ist laut Löw aber nicht gefährdet. "Es ist angedacht, das Spiel zu nutzen, um gerade gegen einen starken Gegner etwas für die Zukunft auszuprobieren", kündigte der Bundestrainer an.

Schäfer von Beginn an?

So könnte mit dem Wolfsburger Marcel Schäfer einer der drei erstmals berufenen Neulinge gleich in die Startelf rücken. "Auf der linken Seite haben wir ja eine Lücke", verwies Löw auf die fehlenden Lahm, Marcell Jansen und Christian Pander. "Mal sehen, wie sich Marcel bei uns im Training zeigt." Schäfer wäre der 20. Neuling in der Ära Löw. Im defensiven Mittelfeld gilt der Schalker Jermaine Jones als erster Kandidat neben dem Leverkusener Simon Rolfes. "Ich möchte etwas anderes auf seiner Position probieren", hatte der Bundestrainer bereits den Verzicht auf den Bremer Frings begründet. Und im Tor kann Frings' Vereinskollege Tim Wiese zumindest auf einen Kurzeinsatz und damit sein Debüt im DFB-Trikot hoffen.

"Es ist der beste Abschluss eines Jahres, wenn man in Berlin, in einem großen Stadion gegen England spielt. Es ist immer etwas Besonderes", erklärte Löw, den die vielen Nebengeräusche stören. "Die Dinge haben der Mannschaft geschadet", erklärte der Freiburger nochmals und zeigte im Fall Kuranyi, der während des Russland-Spiels (2:1) das Stadion in Dortmund verlassen hatte und daraufhin aussortiert worden war, Konsequenz: "Die Entscheidung steht und wird auch so bleiben." Auf der anderen Seite, so Löw, könne man die ganzen Differenzen der jüngeren Vergangenheit aber auch positiv sehen: "Es beschleunigt Prozesse, gibt Impulse."

Die voraussichtliche Aufstellung:

Adler - Friedrich, Mertesacker, Westermann, Schäfer - Schweinsteiger, Jones, Rolfes, Trochowski - Klose, Podolski

DPA / DPA

Wissenscommunity