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Champions League Das Finalturnier in Lissabon ist keine Corona-Notlösung, sondern ein Zukunftsmodell

Robert Lewandowski wird beim Torjubel von Alvaro Odriozola auf der Schulter getragen
In jedem Spiel eine Entscheidung - das wäre sicher was für Bayern-Torjäger Robert Lewandowski
© Matthias Hangst / Getty Images
Nach Corona wird nicht mehr alles so wie vorher sein. Ein viel gehörter Satz in diesen Tagen. Warum soll das nicht auch für die Champions League gelten? Der "Final 8"-Modus hat das Zeug zum Zukunftsmodell. Aus mehreren Gründen.

Da ich kein Fan des FC Bayern bin, kommt es sehr selten vor, dass mir Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge aus der Seele spricht. Aber in Corona-Zeiten ist sogar das möglich.

"Der Modus wird einschlagen wie eine Bombe", sagte Rummenigge jetzt dem "Kicker", und er meinte damit das Finalturnier der Champions League (CL), das von diesem Mittwoch an in Lissabon gespielt wird. Das Kompaktformat hatte sich die Uefa eigentlich ja nur ausgedacht, um unter den Bedingungen der Pandemie die Saison der Königsklasse einigermaßen würdig zu Ende zu spielen. Doch bei Licht betrachtet ist schon vor dem Start klar: Das ist genau das, was die CL braucht.

Champions League: Vorhersehbarer Top-Fußball

Denn mal ehrlich: Es gibt natürlich Klassefußball zu sehen, die Besten der Besten zaubern mit dem Ball, aber so richtig begeisternd, so richtig spannend? Das ist die Champions League leider nur selten. Auch Real gegen Bayern nutzt sich irgendwann ab.

Gefühlt machen zwei Handvoll hochgerüsteter Topvereine den Titel letzten Endes sowieso unter sich aus. Das stimmt zwar nicht ganz, erst im vergangenen Jahr gab es mit den Tottenham Hotspur einen Debütanten im CL-Endspiel, doch statt 54 möglicher Finalisten seit 1993 waren es bisher gerade einmal - 19. Heißt auch: Eine Überraschung ist so gut wie ausgeschlossen.

"In einem K.o.-Spiel ist alles möglich"

Genau das wird der Lissabon-Modus ändern: kein Hin- und Rückspiel mehr, sondern Entscheidung in einem Spiel ab dem Viertelfinale. Verlängerung und Elfmeterschießen inklusive. Ich zitiere ein weiteres Mal Herrn Rummenigge: "Bei zwei Spielen setzt sich aus Erfahrung eigentlich immer die bessere Mannschaft durch, in einem K.o.-Spiel ist alles möglich."

Sehr richtig. Eine Mannschaft, die ihre große Stunde erlebt, kann sich in diesem Modus auch mal gegen die Großen durchsetzen, vielleicht sogar den Titel gewinnen. Eine Überraschung, eine Sensation gar, wäre wieder möglich. Mehr noch: So mancher Klub dürfte wieder träumen - von dem einen, ewigen Moment, in dem alles gepasst hat in jenem legendären Champions-League-Spiel gegen die ganz Großen.

Auch ein Modell für die Gruppenphase?

Das alles irgendwann wieder mit begeisterten Fans auf den Tribünen - und schon hat die Königsklasse eine Frische, die man ihr schon fast nicht mehr zugetraut hätte. Laut Karl-Heinz Rummenigge ist die Idee eines "Final 4" in einer einzigen Stadt, Uefa-esk bräsig "Week of Football" genannt, in der Vergangenheit immer wieder mal diskutiert und wieder verworfen worden. Nicht weiter verwunderlich in einem durch möglichst viele Spiele Geld generierenden System, dass daraus (bisher) nichts wurde.

Aber wenn Corona schon vieles verändern wird, dann bitte auch das! Man könnte das Lissabon-Modell sogar auf die Gruppenphase ausdehnen. Jede Gruppe ein Mini-Turnier in einer Stadt; jedes Spiel mit K.o.-Charakter - fast wie bei einer Fußball-WM. Die K.o.-Phase vielleicht schon ab dem Achtelfinale als "Final 16". Selbst die Uefa will, dass die Königsklasse attraktiver wird. Und wie sagt Herr Rummenigge so schön im "Kicker": "Ich bin ein Freund der Qualität und nicht der Quantität." Na, bitte!

Lissabon-Modus gut fürs Klima

Noch aus einem anderen Grund hätte der Lissabon-Modus in allen CL-Phasen Zukunftscharakter: Er würde dem Klima nutzen! Denn statt von Herbst bis Frühjahr alle paar Tage Hunderte Vereine mit Riesentross sowie Zigtausende Fans kreuz und quer durch Europa zu jagen, würden sich alle an deutlich weniger Terminen an wenigen Orten zu kompakten Turnieren treffen. Zu allem Überfluss würde das den Top-Spielern die ein oder andere Ruhepause zusätzlich verschaffen, was letzten Endes dem Spektakel dient. Natürlich nur, wenn Uefa oder Fifa die Lücken nicht wieder mit irgendwelchen neu erfundenen Wettbewerben stopfen.

Mehr Spannung, mehr Klimaschutz, entzerrter Spielbetrieb - klingt alles nach Fußballromantik? Vielleicht. Doch die Uefa weiß, dass sich die Champions League verändern muss. Wann, wenn nicht jetzt? Um ein letztes Mal Herrn Rummenigge zu bemühen: "Der größte Thrill für den Fan ist natürlich das K.o.-System." So schaut's aus. Der Lissabon-Modus wird einschlagen wie eine Bombe. Und bleiben. Hoffentlich!


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