Champions-League-Presseschau "Am Rande der Schönrednerei"


Der erste Spieltag der Champions-League-Saison ist gelaufen. Vor allem die Bayern bekommen gute Noten. An der Königsklassen-Tauglichkeit des HSV gibt es dagegen Zweifel. stern.de und indirekter-freistoss.de blicken in den Blätterwald.

Aus der 1:2-Niederlage des Hamburger SV gegen Arsenal gewinnt die deutsche Presse zwei Erkenntnisse: Erstens müsse eine Regeländerung her, denn dass gegen den HSV ein Elfmeter verhängt wird und er zugleich auf seinen Torhüter Sascha Kirschstein in Folge einer Roten Karte verzichten muss, wird als doppelte Strafe gewertet. "Kirschstein als Opfer der Fifa-Regel, die Regel gehört dringend abgeschafft", klagt die FR; die Bild-Zeitung fordert das Ende des "Rot-Schwachsinns".

Jörg Marwedel (SZ) hält ein Plädoyer für eine maßvollere Strafe bei einer Notbremse: "Der Schiedsrichter hat eine Diskussion ausgelöst, der sich die innovationsfreudigen, aber oft übereifrigen Regel-Bürokraten der Fifa nicht entziehen sollten, wenn sie nicht auch in Zukunft manchem Fußballspiel auf diese unschöne Art früh seinen Zauber nehmen wollen. Zu diskutieren ist außerdem: Hatte der Schiedsrichter in der Situation wirklich nur einen dermaßen kleinen Ermessensspielraum? Oder handelte es sich um eine fatale Überinterpretation des Notbremse-Paragrafen? Schließlich waren hinter Kirschstein zwei Hamburger Abwehrspieler auf die Torlinie geeilt, so dass van Persie eine gute, aber keineswegs todsichere Torschuss-Position hatte."

"Keine Mannschaft, die auf dem Rasen steht"

Ralf Köttker (Welt) pflichtet bei: "Es ist überfällig, den Schiedsrichtern mehr Spielraum bei der Ahndung solcher Situationen zu geben. Ein Torhüter, der einen Gegenspieler im Strafraum ohne übertriebene Härte zu Fall bringt, muss mildernde Umstände bekommen. In solchen Fällen reichen auch Elfmeter und Gelbe Karte." Frank Heike (FAZ) hebt den Spiel zerstörenden Charakter der Entscheidung hervor: "Im Grunde war alles Schattenboxen, was nach dieser zehnten Minute passierte: Man hatte nie das Gefühl, dass der HSV in Unterzahl eine Siegchance besaß. Man hatte nie das Gefühl, dass Arsenal alles zeigen musste." Für die Bild-Zeitung ist es ohnehin kein Elfmeter, sie spricht vom "Schwalben-Skandal".

Zweitens gibt es dessen ungeachtet große Zweifel an der Champions-League-Tauglichkeit der Hamburger; die Behauptung, in Gleichzahl hätte seine Mannschaft gewonnen, lassen die Journalisten dem HSV-Trainer Thomas Doll nicht durchgehen. Andreas Rüttenauer (taz) legt den Finger in die Hamburger Abwehrwunde: "Niemand ging auf die Situation ein, die dem vermeintlichen Foul vorausgegangen war. Warum nur durfte der Londoner so unbehelligt flanken? Und warum darf ein gegnerischer Stürmer so unbedrängt vor dem Tor herumstehen? Es war die Szene, die am besten veranschaulicht, dass es noch viel zu tun gibt beim HSV. Wenn sie in der Abwehr weiter derart schlampig agieren, dann werden sie wohl so schnell nicht hinauskommen über den Status eines Kleinen in Europa - auch wenn sie noch so wacker kämpfen und rennen." Auch Heike will sich nicht vom Sportlichen ablenken lassen: "Doll wandelt im Willen, sein Team zum moralischen Sieger zu machen, am Rande der Schönrednerei. Natürlich hat der HSV zu zehnt wacker gekämpft; aber gegen Arsenal sind die tatsächlichen Probleme der Hamburger deutlich wie unter einer Lupe zu sehen: Das Team sucht Ordnung und Hierarchie, es sucht die passende Staffelung auf dem Feld und eine Formation im Mittelfeld, die sich vertraut. Es ist noch keine Mannschaft, die dort auf dem Rasen steht."

"Revitalisierung des oft leblos-schematischen Bayern-Offensivspiels"

Den 2:0-Sieg Chelseas gegen Bremen beschreibt die deutsche Presse als Sieg der Nüchternheit. Raphael Honigstein (FR) wird sich nicht mehr in Chelseas Mannschaft verlieben: "Gegen die bemühten, letztlich aber nur gepflegte Harmlosigkeit verbreitenden Bremer reichte ihr typisch passiv-aggressives Spiel." Michael Horeni (FAZ) vergleicht die beiden Kontrahenten: "Der Unterschied zwischen den Markenprodukten aus der Londoner Fußball-Luxusboutique und eines natürlich und solide gewachsenen hanseatischen Unternehmens ist deutlich geworden."

Dass Michael Ballack nun statt Frank Lampard Chelseas Elfmeter schießen darf, ist für die Presse eine Hierarchiefrage. Sabine Rennefanz (Stuttgarter Zeitung) stellt mit Staunen den hohen Rang Ballacks in seiner neuen Umgebung fest: "Mit dem Treffer hat sich Ballack ins Herz des englischen Meisters geschossen. Eingewöhnungsschwierigkeiten im wohl extravagantesten Fußballteam der Welt mögen andere haben, er nicht. Es mag erst sein drittes Spiel für Chelsea sein, aber er zeigte von Anfang an, wer das Mittelfeld führt." Boris Hermann (Berliner Zeitung) ergänzt die Kehrseite: "Ballack hat sich nicht nur der neuen Fußballwelt in London angepasst. Der FC Chelsea ist auch bereits ein bisschen wie seine neue Nummer 13 geworden – mit allen Qualitäten und allen Fehlern. Seltsam lethargisch ging die Mannschaft die zweite Halbzeit an. Sie wirkte plötzlich so unterkühlt wie Ballack an jenen Tagen, wenn nur der Spielberichtsbogen auf seine Anwesenheit hindeutet. Beim FC Bayern hat er zahlreiche solcher Spiele geliefert."

Viel Lob für Mark van Bommel beim 4:0 der Bayern über Spartak Moskau – Heinz-Wilhelm Bertram (Financial Times Deutschland) applaudiert: "Van Bommel deutete in der furiosen zweiten Halbzeit an, was er für den FC Bayern noch wert sein könnte: Er vermochte zu akzentuieren und zu koordinieren, er schonte sich nicht in den Zweikämpfen. Van Bommel zeigte ein feines Gespür für solche Bälle, die des Nachsetzens wert waren oder solche, die es nicht waren. Das deutete seine Fähigkeit zum Dosieren, zu Impulsgebung und Tempoverschärfung an; die so ersehnte Revitalisierung des oft leblos-schematischen Bayern-Offensivspiels könnte Wirklichkeit werden."


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